Schnitzelsemmel-san

Ja, auch die Japaner können Schnitzel. Sie packen es in ein Sandwich

FLORIAN HOLZER | aus FALTER 51-52/16   

Foto: Katharina Gossow

Das Karmaramen läuft prächtig. Das vor etwas mehr als einem Jahr von drei Russen eröffnete, sehr japanisch wirkende Lokal mit den selbstgemachten Nudeln und den kräftigen Suppen in großen Schalen ist jeden Tag voll. Was für die meisten Menschen Anlass für Zufriedenheit und Bestätigung wäre, stellte für Igor Kuznetsov – Dolmetscher, großer Freund japanischer Alltagsküche und gastronomisches Mastermind des russischen Freundeskreises, der das Karmaramen macht – eher die Motivation dar, das nächste Projekt anzugehen.

Ein kleineres, diesmal allerdings auch eines, von dem man in Europa noch sehr viel weniger weiß als vielleicht von der Nudelsuppe namens Ramen.

Und zwar Tonkatsu. Tonkatsu sagt man in Japan zum Schnitzel, beziehungsweise zu einem Verwandten des Schnitzels. „Katsu“ komme vom englischen „Cutlet“, erklärt Igor Kuznetsov, weil für Tonkatsu eben hauptsächlich Schweinskotelett in Panko-Mehl (Paniermehl aus entrindetem Weißbrot und noch ein paar weiteren Zutaten) paniert werde. Das gebe es dann traditionellerweise mit Kraut, einer Schüssel Reis und Misosuppe, in Japan eine ungefähr so endgültige Kombination wie bei uns jene mit Erdäpfelsalat und Zitronenspalte. Und weil die Portionen doch relativ groß seien, erklärt Kuznetsov, habe sich in Japan die Sitte eingebürgert, die Reste des panierten Koteletts in ein Sandwich zu packen und mitzunehmen, woraus sich im Lauf der Jahre eine neue Tradition entwickelt habe, „Katsu-Sando“.

Und nicht nur das, ganze Lokalketten tauchten auf, spezialisierten sich auf das Sandwich mit dem panierten Kotelett drin, vor allem auf Bahnhöfen sei das Tonkatsu-Sandwich mittlerweile gängiger Brauch.

Kuznetsov und seine Compagnons übernahmen also ein kleines Lokal gegenüber der Postzentrale am Fleischmarkt, in dem früher ein Souvenirgeschäft war, statteten ihn mit einem Kühlschrank aus, in dem Kirin, japanisches Craftbier aus rotem Reis und Sake in kleinen Fläschchen wohnen, mit zwei massiven Nussholztheken, mit einem Bildschirm, auf dem man das aktuelle Sandwichangebot ablesen kann, und mit ein paar Bildern, die ihnen ein japanischer Künstler malte: japanische Teufel vor Stephansdom, Karlskirche, Hundertwasserhaus, Riesenrad und Kahlenberg.

„,Oni‘ heißt auf Japanisch Teufel, ,Onisando‘ soll heißen, dass wir hier teuflisch gute Sandwiches haben“, sagt der Russe. Und es stimmt, das japanische Schnitzelsemmerl ist wirklich super, mit Kraut und BBQ-Sauce in leicht angeröstetem Briochetoast, knusprig und gut, dazu ein Töpfchen Misosuppe und ein Apfel (€ 7,90). Als Alternative gibt’s auch noch Rindfleisch-Sando, Sando mit panierter Scholle oder mit gebackener Melanzani und süßer Misosauce. Eigentlich schade, dass hier weit und breit kein ordentlicher Bahnhof ist …

Resümee:

Das Jahr, in dem wir mit den unterschiedlichsten und exotischsten Snacks konfrontiert wurden, endet mit einer besonderen Schnellmahlzeit – der japanischen Schnitzelsemmel.

Onisando
1., Fleischmarkt 26
Tel. 0665/65 20 88 18
Mo–Sa 11.30–18.30 Uhr
www.onisando.at


Alle Artikel aus FALTER 51-52/16 finden Sie ab dem Erscheinungstag der Printausgabe im FALTER-Archiv!


ANZEIGE