„Nun ja, das war die Fifa“

Nach den Football-Leaks-Enthüllungen gesteht Gianni Infantino Fehler des Weltverbands ein. Der Fifa-Präsident spricht über mangelnde Transparenz am Transfermarkt, die Macht der Berater und den jüngsten Dopingreport

CHRISTOPH HENRICHS, JOËL MATRICHE/ EIC NETWORK   

Foto: Dominique Duchesnes / Le Soir

In den vergangenen drei Wochen hat das Recherche-Netzwerk EIC (European Investigative Collaborations) Licht auf das abgehobene System Spitzenfußball geworfen. Der Falter veröffentlichte mit dem deutschen Nachrichtenmagazin Spiegel und seinen Partnern Geschichten über die Offshore-Konstrukte der Weltstars, die dunklen Geschäfte der Spielerberater und die hemmungslosen Methoden von Investoren.

Jetzt spricht der Chef des Weltfußballs. Zwei Journalisten der EIC haben den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino zu den Erkenntnisse der Football Leaks befragt.

EIC Network: Die Veröffentlichungen
der EIC haben Transparenz in den Markt
der mächtigen Vermittler gebracht, die an jedem Transfer mitverdienen. Beunruhigt Sie die Rolle, die Spielerberater in
der Fußballbranche spielen?

Gianni Infantino: Beunruhigen ist nicht das richtige Wort. Aber ich glaube, dass wir neu überdenken müssen, was heute bei einem Vereinswechsel alles passiert. Wir sehen, wie viele Spieler national und international wechseln. Allein bei internationalen Transfers werden jährlich zwei bis drei Milliarden Euro bewegt. Das sind ganz bedeutende Summen und ein großer Teil davon wird an Spielerberater gezahlt. Ich glaube, es ist wirklich an der Zeit, das zu analysieren, sich diese Zahlen anzuschauen, die von Jahr zu Jahr steigen.

Sind Sie der Meinung, dass zu viel davon an die Spielerberater geht?

Infantino: Ich weiß nicht, ob es zu viel ist. Das Problem ist, dass es keine vollständige Transparenz gibt. Der englische Verband ist ein Vorbild, weil er schon seit einiger Zeit die Vermittlergebühren veröffentlicht. Das hilft ein Stück. Wir müssen möglichst einen Weg finden, um noch mehr Transparenz in dieses System zu bringen.

Warum haben Sie in den Bestimmungen für Spielervermittler von 2015 die Kontrolle über Spielerberater gelockert und an
die Fußballverbände delegiert?

Infantino: Nun ja, das war die Fifa. Ich war damals nicht bei der Fifa.

Würden Sie das gerne überarbeiten?

Infantino: Nein, aber ich denke, wir müssen uns das anschauen. Grundsätzlich glaube ich an die Subsidiarität. Es ist naiv zu glauben, die Fifa könne von Zürich aus genau wissen, was bei allen Transfers auf der ganzen Welt vor sich geht. Deshalb ist es sinnvoll, die Verantwortung an die Verbände und an die Föderationen zu übergeben. Sie sollten die Transfers überprüfen, die in ihren eigenen Ländern stattfinden.

Aber wie soll das praktisch funktionieren? Der niederländische Verband hat uns erzählt, dass es wegen der vielen Verträge und der komplexen Dokumente unmöglich sei, alles zu kontrollieren. Haben die Ver-bände überhaupt genug Ressourcen dafür?

Infantino: Stellen Sie sich einmal vor, wenn das selbst der niederländische Verband sagt, der zu den bestorganisierten Verbänden der Welt zählt! Wir stoßen hier an unsere Grenzen. Die Fifa hat 211 Verbände, und viele davon sind nicht so gut organisiert wie die Niederländer. Wir müssten eine ganze Polizeitruppe haben, um jeden zu überprüfen. Die Fifa hat vor meiner Zeit ihr Transfer-Matching-System (TMS) eingeführt, in dem alle Beteiligten die Details zu Transfers eintragen müssen. Wenn die eingegebenen Informationen falsch waren, können wir disziplinarische Maßnahmen einleiten. Vielleicht brauchen wir strengere Sanktionen für diejenigen, die wiederholt gegen die Regeln verstoßen. Das TMS hat jedenfalls eine abschreckende Wirkung für diese Leute. Reicht es aus? Wahrscheinlich nicht.

In mehreren Ländern sehen die Steuer-behörden ein Problem darin, wenn ein Spielerberater vom Klub bezahlt wird.
Denn so können die Parteien Einkommen-steuer und Mehrwertsteuer sparen. Warum
lassen die Fifa-Vorschriften etwas zu,
was Steuerbehörden in mehreren Ländern als Steuervermeidung betrachten?

Infantino: Ich denke, das ist keine Frage von Fifa-Reglements. Jeder muss schließlich Steuern zahlen und sich an die Gesetze halten, und jeder muss sich vor den Strafverfolgungsbehörden und Steuerbehörden für sein Handeln verantworten. Wenn jemand gegen nationale Steuervorschriften verstößt, müssen sich die Behörden damit befassen. Die komplizierte Lage für die Fifa besteht darin, Vorschriften zu erlassen, die den Rahmen für die ganze Welt setzen.

Sie müssen sich aber doch Gedanken
um die Integrität des Spiels machen.

Infantino: Auf jeden Fall.

Sie haben gerade gesagt, selbstverständlich müsse jeder Steuern zahlen. Unter den größten Stars der Fußballwelt wurde Lionel Messi wegen Steuerhinterziehung verurteilt, Cristiano Ronaldo nutzt Systeme zur Steuervermeidung. Finden Sie das problematisch für die Integrität des Spiels?

Infantino: Wenn jemand keine Steuern bezahlt oder zu schnell fährt oder am Steuer betrunken ist und einen Unfall verursacht oder was auch immer, dann ist nicht die Fifa dafür verantwortlich. Wenn wir aber dazu beitragen können, Transparenz in die finanziellen Transaktionen zu bringen, die im Umfeld des Fußballs stattfinden, und in die Einhaltung der Gesetze ganz generell, dann müssen wir das tun. Die Integrität des Spiels muss für uns ausschlaggebend sein. Das war auch ein Grund, weshalb wir zum Beispiel den Fremdbesitz von Spielern (TPO) verboten haben.

TPO wird als problematisch bezeichnet, weil externe Parteien auf die Transferpolitik von Vereinen Einfluss nehmen könnten. Glauben Sie, dass Sie diese Praxis erfolgreich eingedämmt haben?

Infantino: Nein. Noch nicht. Aber wir haben auch gerade erst angefangen. Es hat einige Anfechtungen vor Gerichten in verschiedenen Ländern gegeben. Bisher haben wir immerhin ein Bewusstsein für etwas geweckt, das vorher nicht als Problem wahrgenommen wurde. Man kann das Verbot immer noch umgehen, ja. Aber die Hürden sind höher als vorher.

Sie lassen immer noch einige Möglichkeiten offen, durch die Dritte zum Beispiel in einen Verein investieren und sich an dessen Transfereinkommen beteiligen können. Warum verbieten Sie nicht jede Möglichkeit der Investition, die ein Schlupfloch für
die Einflussnahme auf Transfers zulässt?

Infantino: Wir brauchen im Fußball Investoren. Es darf natürlich nicht deren alleiniges Ziel darin bestehen, so viele Spielertransfers wie möglich abzuwickeln, um so viel wie möglich daran zu verdienen. Das war das Geschäftsmodell von Händlern, die das per TPO getan haben – und es hat den Vereinen und den Spielern geschadet. Genau das muss reguliert werden. Investitionen in Vereine durch Dritte sind willkommen, und Maßnahmen wie das Financial-Fairplay-Konzept der Uefa sollen gute Investoren anlocken. Wenn jemand investiert und seriös arbeitet, ist es nur gerecht, dass er auch eine faire Rendite erzielt. Aber das sollten eher langfristige Deals sein.

Viele Fußballfans lieben den Sport,
aber hassen die Fifa …

Infantino: … ja, leider …

… Korruptionsskandale haben die Glaubwürdigkeit der Fifa zerschmettert. Die nächste WM finden in Russland statt, einem Land mit einem institutionalisierten Dopingsystem, und in Katar, und die Umstände dieses Vergabeprozesses werden die Fifa noch jahrelang überschatten. Was muss geschehen, damit die Fans Ihrer Organisation besser vertrauen können?

Infantino: Wir müssen den Fans zeigen – und ich hoffe, wir haben bereits damit angefangen –, dass wir unseren Aufgaben ernsthaft und ehrlich nachkommen und im Interesse des Fußballs handeln. Fußball ist ein globaler Sport, der sämtliche Länder dieser Welt zusammenbringt, unabhängig von politischen Umständen. Wir sorgen für Transparenz und Offenheit. Das, vielleicht in Verbindung mit Toleranz und einer gewissen Aufgeschlossenheit, könnte den Fans zu dieser Einsicht verhelfen: Wir wollen einzig und allein ermöglichen, dass auf der ganzen Welt Fußball gespielt werden kann. Wissen Sie, in Russland und Katar leben Menschen, überall auf der Welt leben Menschen, die Fußball lieben. Boykotte und Ausschlüsse haben noch nie eine Lösung herbeigeführt. Wenn es Probleme gibt, dann müssen wir uns diesen stellen.

Ziehen Sie Konsequenzen aus
dem McLaren-Report, in dem über 1000 russischen Sportlern eine Doping-Verwicklung vorgeworfen wird?

Infantino: Nein. Die Fifa ist keine Weltpolizei und erst recht nicht die Weltdopingpolizei. Sie ist der internationale Dachverband für den Fußball. Unsere disziplinarischen Gremien werden sich mit allem befassen, was im McLaren-Bericht mit Fußball zu tun hat. Wenn tatsächlich Maßnahmen ergriffen werden müssen, werden sie das tun.

Bislang haben Sie aber keine bestimmten Maßnahmen vor?

Infantino: Nein, unsere Gremien warten immer noch darauf, alle relevanten Informationen einzusehen. Die Fifa hat aber übrigens ihr eigenes Anti-Doping-System. Kontrollen wurden 2014 nicht von Brasilien und 2010 nicht von Südafrika durchgeführt, und sie werden 2018 nicht von Russland durchgeführt werden, sondern von der Fifa. Wenn etwas schiefläuft, wird das unsere Verantwortung, unsere Schuld sein. Wir sind zuversichtlich, dass unsere Anti-Doping-Maßnahmen funktionieren werden. F

Zur Person

Gianni Infantino, 46, wuchs als Kind italienischer Gastarbeiter in der Schweiz auf. Im Februar 2016 folgte er dem mittlerweile gesperrten Sepp Blatter als Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa nach. Zuvor war der schweizerisch-italienische Jurist Infantino knapp sieben Jahre lang Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union Uefa


Diese Geschichte entstand aufgrund der Football-Leaks-Dokumente, die das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erhalten und an die European Investigation Collaborations weitergegeben hat.


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