Ihr Kinderlein kommet

Je jünger ein Talent, desto größer die mögliche Gewinnspanne. Wie weit die großen Klubs und Agenturen gehen, um vielversprechende Nachwuchsspieler anzulocken

LUKAS MATZINGER / EIC.NETWORK   

Der 13-jährige Karamoko Dembele ist eines der gefragtesten Talente des Weltfußballs. Derzeit streiten mehrere Premier-League-Klubs mit seinem Stammverein Celtic Glasgow um das ‘Wunderkind’ (Foto: Ian McNicol / Getty images)

Man kann es sich gar nicht vorstellen. Real Madrid, die galaktische Geldvernichtungsmaschine, die in den vergangenen zehn Jahren mehr als eine Milliarde Euro für Neuzugänge ausgegeben hat, darf im Jahr 2017 keine neuen Spieler einsetzen. Im September hat die Fifa die Strafe gegen Real und den Stadtrivalen Atlético Madrid bestätigt. Zwei lange Transferfenster ohne neue Spieler in der spanischen Hauptstadt. Wenn man Klubs dieser Klasse wirklich bestrafen kann, dann so.

Was hatten die Madrilenen verbrochen? Sowohl Real als auch Atlético hatten bei Transfers von Nachwuchsspielern getrickst. Laut Paragraf 19 der Fifa-Transferregeln dürfen nur volljährige Spieler zu Klubs im Ausland wechseln, es sei denn, ihre Familien ziehen um – aus Gründen, die nichts mit Fußball zu tun haben. So soll verhindert werden, dass talentierte Kinder von ihren Eltern getrennt und zu Spekulationsobjekten des internationalen Transfermarktes werden. Die beiden Madrider Klubs unterrichten Dutzende ausländische Spieler an ihren Akademien. Einigen davon sind laut Fifa nicht regelkonform dorthin gekommen.

Den Fußballverbänden ist dieses Thema ernst. Nachwuchsfußballer seien extrem gefährdet, ausgenutzt zu werden, und werden deshalb besonders geschützt. In vielen Ländern sind Ablösesummen für minderjährige Spieler untersagt, außerdem darf kein Spielerberater für die Vermittlung eines Nachwuchsspielers Geld bekommen. 16- bis 18-Jährige dürfen innerhalb der EU wechseln, wenn der aufnehmende Verein eine Unterkunft besorgt, und sich neben der fußballerischen auch um die schulische Bildung kümmert. Damit der Spieler Perspektiven hat, wenn es nichts wird mit dem Spitzensport.

Diese Regeln sind wichtig. Bis in die Schülerligen stehen heute Scouts der großen Agenturen und Klubs an den Spielfeldrändern. Sie beobachten vielversprechende Spieler, reden sie an, schmieren den Eltern Honig ums Maul. Wer als Erstes das nächste Megatalent verpflichtet, ist der Erste, der damit Geld verdient. Die Nachwuchsscouts der großen Akademien ziehen wie Diamantenschürfer durch die Welt, um die aufregendsten Talente einzusammeln. Auch wenn die noch in die Volksschule gehen.

Die Football-Leaks-Daten, die der Falter mit seinen Partnern der European Investigation Collaborations (EIC) in den vergangenen Monaten durchleuchtet hat, zeigen, wie dreist die Geschäftsmänner des Fußballs werden, wenn es darum geht, junges Spielerfleisch anzulocken.

Minderjährige Spieler dürfen nur in Ausnahmefällen ins Ausland wechseln:

1. wenn die Familie unabhängig vom Fußball umzieht;
2. wenn der Spieler an einer Grenze wohnt und der Klub auf der anderen Seite sitzt;
3. wenn der neue Klub für Unterkunft und Ausbildung sorgt (innerhalb der EU für Spieler zwischen 16 und 18 Jahren)

Im Jahr 2015 wurden beim Fußball-Weltverband Fifa 2716 Transfers minderjähriger Spieler beantragt. 14 Prozent davon wurden abgelehnt. Im Jahr 2011 waren es noch 1500 Anfragen

João Virgínia zieht nach England

João Virgínia war 15 Jahre alt, als der FC Arsenal auf ihn aufmerksam wurde. Virgínia war Torwart der Jugendmannschaft von Benfica Lissabon – einen wie ihn hätte Arsenal gut brauchen können. Als Vermittler trat ein Mann namens Matthew Kay von der Londoner Sportagentur Doyen auf den Plan. Doyen investiert viel in Fußballspieler. Gerne auch in junge.

„Er ist noch nicht 16, also müssen wir das mündlich machen“, heißt es in einem internen Mail von Doyen im März, sieben Monate vor Virgínias Geburtstag. Virgínia flog bald danach nach London und trainierte den ganzen Sommer über bei Arsenal. Es brauchte einige Mails von Doyen, um seine Eltern zu überzeugen, dass sie nicht mit nach England zu ziehen brauchen, sondern auch eine Gastfamilie gut für ihren Sohn wäre. Ein paar Tage nach seinem 16. Geburtstag wurde der Vertrag dann offiziell unterschrieben, mit seinem 17. Geburtstag wurde sein Profivertrag wirksam.

Auch die Regel, dass Spielerberater nicht an Transfers minderjähriger Spieler verdienen dürfen, haben die Beteiligten elegant umgangen: Arsenal würde das laut dem damaligen Vertrag das Vermittlungshonorar pünktlich nach dem 18. Geburtstag des Spielers an Doyen zahlen. Auch der damals 15-jährige Virgínia verpflichtete sich zu späteren Zahlungen. Ab seinem 18. Geburtstag müsse er laut seinem Beratervertrag fünf Prozent des Monatsgehalts an Doyen überweisen.

Bruma, Goldjunge der Familie

Im Oktober 2010 brach ein Kleinkrieg in der portugiesischen Beraterbranche aus. Es war der Monat, in dem „Bruma“ 16 Jahre alt wurde. Der Stürmer hatte in den Jugendteams von Sporting Lissabon Aufsehen erregt und war nun in das Alter gekommen, in dem er in ein anderes EU-Land wechseln durfte. Wenn so eine heiße Aktie auf den Markt kommt, können findige Vermittler schon einmal ihre Manieren vergessen.

In einem internen Bericht von Sporting schildert Brumas Onkel und ursprünglicher Berater, Catió Baldé, folgende Szenen: Ein anderer Spielervermittler soll mit zwei weiteren Beratern versucht haben, Brumas Mutter zu einem Flug nach Manchester zu überreden. Dort solle sie Vertreter von Manchester City treffen, die ihren Sohn verpflichten wollten. Dafür würde er Brumas Mutter 100.000 Euro zahlen, Brumas Bruder 50.000 Euro und seinem Stiefvater ebenfalls 50.000 Euro.

Etwa zur gleichen Zeit habe Bruma eine SMS von einem fünften Berater bekommen. Die habe gelautet: „Bruma, sag deiner Mutter, ich zahle ihr 100.000 Euro sofort und nochmal 100.000 Euro, sobald du unterschrieben hast. Sag ihr, sie soll mich anrufen.“ Bruma tat nichts von alldem. Er verlängerte seinen Vertrag bei Sporting. Für die Loyalität durfte sich sein Onkel Catió zehn Prozent einer späteren Ablösesumme sichern.

RAMP – Portos Jungbrunnen

Der FC Porto wird oft als Kaderschmiede des europäischen Klubfußballs bezeichnet. Eine Talentefabrik, die Jahr für Jahr große Spieler hervorbringt und gegen viel Geld an Topklubs verkauft. Doch dieser Ruf hat seinen Preis. Wie die Football-Leaks-Daten zeigen, hat sich der FC Porto in den vergangenen Jahren ein potentes Konstrukt zurechtgelegt, um die Transferregeln für minderjährige Spieler auszureizen. Und das geht zusammengefasst so:

Am 18. Dezember 2012 unterschrieb der FC Porto eine Vereinbarung mit der Agentur RAMP, mit Sitz in Hongkong. RAMP sollte für den FC Porto drei Jahre lang Talente suchen, vornehmlich in einigen Ländern Afrikas. Porto wählte aus den teils blutjungen Spielern aus und ließ sie zur Sichtung einfliegen. Verpflichtete Porto einen Spieler, bekam Ramp dafür ein Viertel der Transferrechte. Meistens wartete Porto mit dem offiziellen Teil des Transfers bis zur Volljährigkeit des Spielers – dann bekam auch der Heimatklub noch ein wenig Geld fürs Mitspielen. Ramp war an allen transferierten Spielern beteiligt. Manche blühten auf, manche verwelkten.

Die EIC haben alle maßgeblichen Figuren dieser Geschichte mit den Erkenntnissen konfrontiert. Der FC Arsenal und Matthew Kay von Doyen antworteten nicht. Der Kommunikationsdirektor von Sporting Lissabon wies darauf hin, dass diese Geschäfte in die Amtszeit einer früheren Vereinsführung fielen.

Der Onkel und Berater des Spielers Bruma, Catió Baldé, antwortete nicht. Der FC Porto verwies auf die jährlichen Finanzberichte. Der Manager der Agentur RAMP, Edmund Chu, antwortete nicht. F


Diese Geschichte entstand aufgrund der Football-Leaks-Dokumente, die das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erhalten und an die European Investigation Collaborations weitergegeben hat.


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