Die lachenden Dritten

Wer ein großer Spieler werden will, braucht einen großen Spielerberater. Die Football-Leaks-Dokumente zeigen, wie die Vermittler arbeiten, Geld verstecken, und in die eigene Tasche wirtschaften

LUKAS MATZINGER / EIC.NETWORK   

Illustration: P.M. Hoffmann

Da gibt es dieses Bild auf Instagram. Der französische Fußballstar Paul Pogba sitzt mit einem dicken Mann im Swimmingpool, im Hintergrund die Palmen von Miami, beide lachen von Herzen. „Wir sagen alles, indem wir nichts sagen“, hat Pogba zu dem Foto geschrieben, das er am 25. Juli dieses Jahres gepostet hat. Was hat das zu bedeuten? Wer ist der andere Mann? Und was gibt es zu lachen?

Der Mann, mit dem Paul Pogba planscht, heißt Mino Raiola. Er ist Spielerberater, einer der größten der Welt. Neben Pogba gehören Zlatan Ibrahimović und Mario Balotelli zu den Spielern, die Raiola betreut. Er plant mit ihnen ihre Karrieren, fädelt Transfers ein und holt gute Verträge raus.

Genau zwei Wochen nachdem Pogba das Foto veröffentlichte, unterschrieb er einen Fünfjahresvertrag bei Manchester United. Er wechselte um 105 Millionen Euro von Juventus Turin – Pogba war damit der teuerste Fußballspieler von allen.

Auf dem Konto von Juventus sind aber nur 72 Millionen Euro geblieben, wie der Geschäftsführer Giuseppe Marotta bei der Aktionärsversammlung im Oktober verriet. Der Großteil des Rests ging an Mino Raiola. 27 Millionen Euro soll seine Beraterfirma für den Pogba-Deal bekommen haben. Für einen einzigen Vertrag, für eine Unterschrift, für eine Verhandlungsserie. Als sich das Geschäft mit Manchester anbahnte, hat er sich die prächtige Villa mit Pool in Miami gekauft, wo das Instagram-Foto entstand. Es ist das Haus, in dem in den 30er-Jahren der Mafioso Al Capone wohnte.

Raiola war ein Baby, als seine Eltern mit ihm und vielen italienischen Bekannten in die Niederlande zogen. Sein Vater eröffnete die Pizzeria Napoli, in der Raiola kellnerte. Er sprach bald besser niederländisch als seine Eltern und musste für seinen Vater mit Banken und Stadträten verhandeln. Raiola begann Jus zu studieren und viele Sprachen zu lernen. Mit 19 kaufte er eine McDonald’s-Filiale, bot sie einem Immobilienentwickler an und wurde reich.

Wenig später bestelle ihn der Präsident des örtlichen Fußballklubs zum Sportdirektor. Schließlich wurde er Spielerberater und lernte den tschechischen Fußballstar Pavel Nedvěd kennen. Der Rest ist Geschichte, heute ist Raiola millionenschwer, lebt in Monaco und handelt manche der größten Transfers im ganzen Business aus.

Figuren wie ihn gibt es viele im Fußballgeschäft. Glücksritter mit Verhandlungstalent und einem goldenen Händchen für Spieler. Die für das, was am Feld passiert, nicht viel können, aber trotzdem ordentlich mitnaschen wollen am Milliardenbuffet Fußball. Und die ganz gut damit klarkommen, dass sie nicht jedes Wochenende im Fernsehen zu sehen sind – weil sie ihre großen Spiele lieber an den Verhandlungstischen abliefern.

Spielerberater gibt es, seitdem es Profifußball gibt. Die Spieler brauchten jemanden, der etwas davon versteht, Vertragsverlängerungen und Transfers zu verhandeln. Klubs brauchten Vermittler, die ihnen Spieler suchten und anboten. Wenn dann ein Geschäft zustande kam, wurden die Berater von dem, der sie engagierte, bezahlt. Das ist ihre Bestimmung. Jedenfalls früher. Heute gehört es zum Geschäft der guten Berater, sich um möglichst junge Talente zu scharen. Ihnen jeden Anruf und jede Whats-App-Nachricht zu jeder Uhrzeit zu beantworten. Ihre Freunde zu werden – oder was 18-jährige Millionäre dafür halten. Sie investieren Zeit und Geld in die Spieler wie in laufende Kapitalanlagen. Bei den Fans machen sie sich damit nicht gerade beliebt. Geier seien sie, die bei Verträgen mehr auf sich selbst als auf die Spieler schauen.

Für die Klubs reicht es heute nicht mehr, ihre Wunschspieler von der sportlichen und finanziellen Perspektive des Vereins zu überzeugen. Auch den zugehörigen Beratern will geschmeichelt werden. 27 Millionen für ein einziges Geschäft – wie es Mino Raiola gemacht hat, das ist das Versprechen dieser Branche: im Hintergrund Fäden ziehen, am Ende Rendite kassieren.

Derzeit gibt es mindestens 6400 Spielerberater weltweit, in den vergangenen fünf Jahren haben sich die Honorare für Berater in Europa verdoppelt. 2015 zahlten die deutschen und englischen Profivereine mehr als 370 Millionen Euro an Berater aus. Die weltweiten Spielergehälter sind währenddessen von 2015 auf 2016 erstmals seit langem gesunken.

Die Fifa hat sich über die Jahre einige Regeln einfallen lassen, um das Geschäft der Spielerberater einzuschränken. Die meisten davon sollen etwaige Interessenkonflikte ausschließen.

Wie die Football-Leaks-Daten zeigen, die der Falter in den vergangenen Monaten mit dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel und seinen Partnern vom Recherchenetzwerk EIC durchforstet hat, haben sich Berater Dutzende Wege zurechtgelegt, diese Regeln zu umgehen.

En disant rien on a tout dis 👊🏿 we say it all by saying nothing at all #holidays

Ein von Paul Labile Pogba (@paulpogba) gepostetes Foto am

 

Regel: Berater sollen die Interessen einer Partei vertreten

Ein Berater wird entweder vom Spieler oder vom Klub beauftragt und bezahlt, um seine Seite der Verhandlungen zu führen. So stand es auch in den Fifa-Regeln, die von 2007 bis 2015 galten – in jenem Zeitraum, in dem alle Verträge aus den folgenden Beispielen unterschrieben wurden. Es soll jederzeit klar sein, wessen Interessen der Berater vertritt – die des Klubs, die des Spielers oder seine eigenen. In der Realität, das zeigen die Football-Leaks-Daten, wird die Regel eher flexibel ausgelegt:

Konstantin Liolios ist schon lange der Berater des deutschen Stürmers Karim Bellarabi. Er brachte ihn vor fünf Jahren von Braunschweig zum Spitzenklub Leverkusen, wo er zum Nationalteamspieler reifte. Im Herbst 2014 hatte Liolios dann gute Angebote für Bellarabi. Klubs aus England sollen interessiert gewesen sein, ein Auslandstransfer schien attraktiv, dort würde Bellarabi auch mehr Geld verdienen. Doch Leverkusen wollte ihn behalten.

Weshalb der Klub Bellarabis Vertreter Liolios engagierte, um den Spieler von einer Vertragsverlängerung zu überzeugen. Liolios wurde für kurze Zeit formal von Bellarabis Vertrautem zum Einfädler des Vereins – diese Praxis ist im Transfergeschäft üblich. Laut Dienstleistungsvertrag, den er den Leverkusenern am 25. Februar 2015 unterschrieb, solle er positiv auf den Spieler einzuwirken, seinen Vertrag zu verlängern und den Verein bei der „finalen Durchsetzung der Gehaltsvorstellungen“ zu unterstützen. In anderen Verträgen von Leverkusen steht wörtlich, der Berater möge auf den Spieler einwirken, „Vertragsangebote von anderen Vereinen aus dem In- und Ausland nicht anzunehmen“.

Bei Bellarabi zeigte das Wirkung. Er unterschrieb daraufhin für fünf weitere Jahre bei Leverkusen. Und Liolios wurde reich dafür entlohnt, dass er Bellarabi trotz besser bezahlter Angebote anderer Vereine von einem Verbleib überzeugen konnte. 3,5 Millionen Euro zuzüglich Umsatzsteuer bekam Liolios Firma sofort, dazu 495.000 Euro pro Saison und 15 Prozent des Bruttogehalts und aller Prämien des Spielers. Ein irrwitziges Honorar – das sich der Berater laut Arbeitsnachweis mit exakt elf Telefonaten, zwei Mails, einem Brief und neun persönlichen Treffen verdient hatte.

Noch lukrativer wird’s, wenn man einen Spieler überreden kann, sein Glück in einer sportlich mäßig interessanten Liga zu versuchen. Wie es der brasilianische Stürmer-Riegel Hulk im Sommer 2012 tat. Er war einer der Wunschspieler des vom Gaskonzern Gazprom finanzierten Vereins Zenit Sankt Petersburg. Doch um ihn nach Russland zu locken, musste man erst mit seinem Berater sprechen.

13 Millionen Euro netto bekam Hulks Berater Gary Stern am Ende für seine Überzeugungskraft, wie sich aus der sieben Seiten langen Vereinbarung mit Zenit herauslesen lässt, zahlbar in drei Tranchen. Hulk wechselte nach Sankt Petersburg. Inzwischen spielt er in Shanghai.

Regel: Honorare sollten sich an Richtwerte halten

Fast 30 Prozent der Transfersumme verdiente der Berater Stern mit seinem Klienten Hulk. Laut Fifa-Regeln liegt der Richtwert für Beraterhonorare bei drei Prozent der Transfersumme. In der Fußballbranche gibt es keine Kontrollinstanz, die solchen Zahlungen nachgeht. Wie die internationalen Ablösesummen kein Limit haben, gibt es in der Beraterbranche kein Kartellamt, das auffallend große Geldflüsse hinterfragt. Bezahlt wird, was der Verein bereit ist zu geben.

Um die Beratergelder ein wenig im Zaum zu halten, empfiehlt die Fifa Grenzwerte für Honorare. Demnach sollten bei der Vermittlung eines Transfers nicht mehr als drei Prozent der gesamten Transfersumme gezahlt werden, bei der Beschaffung eines Arbeitsvertrages nicht mehr als drei Prozent des gesamten Bruttogrundgehalts des Spielers. In der Realität blieb das eine Soll-Bestimmung. Branchenüblich sind um die zehn Prozent. Gerne auch mehr.

Zum Beispiel bei Kevin Friesenbichler. Vor zweieinhalb Jahren war der jetzige Austria-Stürmer Friesenbichler ein Talent, nicht viel mehr. Er war gerade noch 19 und spielte bei der Reserve des FC Bayern in der vierthöchsten deutschen Liga, als plötzlich der große portugiesische Klub Benfica Lissabon Interesse zeigte. Die Bayern ließen ihn ablösefrei ziehen, sie schienen nicht mehr wirklich an das vermeintliche Talent zu glauben. Aber was wollte der portugiesische Champions-League-Teilnehmer Benfica mit dem Jüngling Friesenbichler?

Im Nachhinein betrachtet: nicht viel. Friesenbichler spielte kein einziges Spiel für Benfica, auch nicht für deren zweite Mannschaft. Er wurde sofort an Legia Danzig verliehen, und eben jetzt an die Austria aus Wien, wo er nicht zur Stammformation gehört. Der Einzige, der wirklich vom Wechsel des steirischen Assets Friesenbichler nach Lissabon profitierte, scheint sein Berater Christian Rapp zu sein – das geht jedenfalls aus dem Beratervertrag von 28. April 2014 hervor.

Denn was wie ein ablösefreier Transfer aussah, war für den Abnehmer tatsächlich gar nicht so billig: Eine Million Euro netto zahlte Benfica an Rapps Spieleragentur Rogon für die Vermittlung. Zudem gewährte ihnen der portugiesische Spitzenklub die Hälfte jeder späteren Ablösesumme, die über die bereits gezahlte Million hinausgeht. Für Benfica hat sich das Geschäft nicht ausgezahlt: Die Austria hätte Friesenbichler laut Leihvertrag jederzeit um insgesamt eine Million Euro kaufen können. Wenn sie gewollt hätte.

Regel: Keine Transferentschädigungen an Berater

Dass ein Spielerberater so viel an einem Transfer verdienen kann wie Gary Stern an Hulk oder Mino Raiola an Paul Pogba, war im Fifa-Reglement nicht vorgesehen. Demnach darf ein Berater keine Transferrechte an Spielern besitzen, kein Anteil der Transfersumme darf an ihn ausgezahlt werden – nur das Honorar, das vorab vereinbart wurde. Diese Regel soll verhindern, dass Berater einen Verkauf anstreben, um ihrerseits Geld zu verdienen.

Wie die hunderten Verträge aus den Football-Leaks-Daten zeigen, kennen die Vermittler einige Tricks, um dieses Verbot zu umgehen. Während sie nicht festhalten dürfen, dass sie mit einem prozentualen Anteil am Verkaufserlös beteiligt sein möchten, wird eine Staffelung des Honorars akzeptiert. Zum Beispiel: Wechselt der Spieler für zehn bis 20 Millionen Euro, bekommt der Berater drei Millionen Euro als Honorar. Wird der Spieler für 20 bis 30 Millionen verkauft, fünf Millionen Euro, bei 30 bis 40 Millionen Euro sieben Millionen Euro und so weiter. Der Effekt ist der gleiche, die Regel umgangen.

Regel: Keine zusätzlichen Zahlungen

Zurück zu Mino Raiola – einen guten Monat vor dem Foto im Pool. Den ganzen Juni dieses Jahres verbrachte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund Hans-Joachim Watzke damit, in Fernsehmikrofone zu beten, dass er Henrich Mchitarjan nicht verkaufen würde. Der Armenier hatte eine gute Saison gespielt, ein aufregender Offensivspieler – der den BVB allerdings nun verlassen wollte. Und sein Berater Mino Raiola wollte das auch. Er hatte ein gutes Angebot von Manchester United in der Hand. Nur Watzke winkte ab, der Vertrag lief noch ein Jahr und sei zu erfüllen. So oft sagte er das, dass es am Ende wie der immer gleiche Wortlaut klang.

Raiola hatte bei diesem Geschäft einen Trumpf in der Hand, von dem die Öffentlichkeit nichts wusste. Das zeigt eine Abänderung zum Beratervertrag, die er und die Vertreter von Dortmund am 1. März 2014 unterschrieben hatten. Er ließ sich darin einerseits eine prozentuale Beteiligung beim Weiterverkauf von Mchitarjan zusichern, was an sich schon hinterfragenswert ist. Doch Raiola war das noch nicht genug: Laut dem Papier würde er auch dann Geld bekommen, wenn Mchitarjan nicht verkauft würde. Für jedes vernünftige Angebot, das Borussia Dortmund für den Spieler bekommt und ablehnt, hätte sie einen Millionenbetrag an Raiola zahlen müssen. Solche über die üblichen Honorare und Kommissionen hinausgehenden Zahlungen sind laut Fifa-Reglement für Berater nicht vorgesehen.

Watzke schien das Nicht-Transfer-Honorar am Ende doch nicht zahlen zu wollen. Anfang Juli verkaufte er Mchitarjan für etwa 42 Millionen Euro nach Manchester. Raiola kassierte davon mutmaßlich 2,5 Millionen Euro plus ein Transferhonorar von Manchester United.

Raiolas Daumenschraube im Vermittlervertrag für Mchitarjan. Verkauft Dortmund, kriegt der Berater 20 Prozent des Transfergewinns. Behalten sie ihn, gibt’s eine Entschädigung von zehn Prozent

 

Regel: Keine gemeinsamen Interessen mit anderen Beratern

Es ergibt Sinn, dass zwei Berater, die die beiden Parteien eines Geschäfts vertreten, nicht zusammenarbeiten dürfen. Es wäre die Definition eines Interessenkonflikts. Auch ein Spielerberater darf bei einem Transfer keine Verträge, Vereinbarungen oder gemeinsame Interessen mit dem Berater der Gegenseite haben. So will es die Regel.

Die sich offenbar leicht umschiffen lässt. In den Football Leaks findet sich ein Transfervertrag eines berühmten niederländischen Spielers, der den Verein wechseln sollte. Für ihn ging sein Berater in die Verhandlungen, der Klub beauftragte seinerseits eine Frau, mit der man noch nicht oft gearbeitet hatte. Wie die Recherchen der EIC zeigen, war es die Ehefrau des Spielerberaters, die ihm gegenüber am Verhandlungstisch Platz nahm. Die Verhandlung war von Anfang an gestellt. Die Fifa beanstandete nichts.

Regel: Bleib sauber

Dem Reglement für Spielervermittler ist ein kompakter Ethikkodex angehängt. Die Berater müssen demnach in all ihren Geschäften Wahrheit, Klarheit und Sachlichkeit wahren, jede Handlung anhand von Dokumenten nachvollziehbar machen und das gesamte Geschäftsgebaren unter Achtung von Ethik und Anstand führen.

Gerade wenn viele Spieler eines Beraters beim selben Verein landen, werden inner- und außerhalb des Business oft Gerüchte laut. Die Verantwortlichen würden mit dem Vermittler paktieren, einander gute Geschäfte zuschanzen. So verhält es sich auch beim Schweizer Berater Giacomo Petralito und dem früheren Sportchef von Werder Bremen und jetzigen Geschäftsführer des VfL Wolfsburg Klaus Allofs. Die beiden kennen einander schon lange, unter vielen Verträgen der vergangenen 20 Jahren stehen ihre beiden Unterschriften. Mittlerweile hat die Geschäftsführung von Wolfsburg Allofs untersagt, mit Petralito zusammenzuarbeiten.

In den Unterlagen der Football Leaks gibt es einen Vertrag, der nahelegt, dass dieses Verbot seine Gründe hatte. Er stammt vom 27. Oktober 2009, als Allofs noch Sportdirektor bei Werder Bremen war. In dem zweiseitigen Übereinkommen, das für den Klub nur Allofs unterzeichnet hat, geht es um bis zu 600.000 Euro, die die Berater des Verteidigers Naldo für dessen Vertragsverlängerung erhalten sollten.

Warum eigentlich „die“ Berater? Seitdem Naldo im Sommer 2005 von Brasilien nach Bremen gewechselt war, hatte ihn immer nur ein Mann vertreten, sein Landsmann Paulo Fernando Tonietto. Bei der Vertragsverlängerung von 2009 führte Allofs allerdings noch zwei weitere Vermittler an, die zum Deal beigetragen haben sollen: einen Serben und einen Montenegriner, beide „lizenzierte Berater“, so steht es im Vertrag.

Die Firma der beiden heißt Tomad Ventures Ltd. und hat keine wirkliche Adresse, nur ein Postfach, und das steht in Road Town, der Hauptstadt der British Virgin Islands – eine Steueroase in der Karibik. Ein eher unüblicher Arbeitsplatz zweier Berater, die im europäischen Fußballgeschäft mitmischen wollen. Und zufälligerweise die selbe Anschrift, an der auch die Agentur Paros Consulting Limited ihren Briefkasten hat. Wie die Football-Leaks-Daten zeigen, werden über diese Adresse viele Spielervermittlungen abgewickelt. Nach dem immer gleichen Muster:

Die Paros Consulting vermittelt vor allem südamerikanische Fußballer, darunter weltbekannte. Nur: der Name der Firma taucht in keinem der Beraterverträge auf. Wechselt einer ihrer Spieler den Verein, unterzeichnen jeweils lizenzierte Spielervermittler aus Europa, denen Paros in geheimen Verträgen das Verhandlungsrecht übertragen hat.

Die meisten Paros-Strohmänner kommen aus den Niederlanden. Sie arbeiten in ihrem Namen, auf eigene Rechnung und empfangen die üppigen Beraterhonorare von den Klubs. Danach, so lässt sich aus den Rechnungen und Verträgen ablesen, wird die Beute aufgeteilt. Einen kleinen Anteil, um die sechs Prozent, dürfen die Strohmänner in den Niederlanden behalten. Der größte Teil geht an diverse Konten der Paros Consulting. Eine von drei Paros-Hausbanken ist die Filiale der Volksbank Vorarlberg in Schaan in Liechtenstein. Bisher funktionierte dieses Dreieckssystem wie ein perfekt aufgesetztes Geldversteck.

In den vergangenen Jahren wurden einige der größten Deals im europäischen Klubfußball auf diesem Wege abgewickelt. Die Vereine, die Spieler kauften, überwiesen die Beraterhonorare an niederländische Strohmänner. Bei ihnen blieben jeweils ein paar tausend bis einige hunderttausend Euro. Der Rest lief auf europäische Konten der Paros Consulting Limited in den BVI. Die 4.121.185,13 Euro für die Vermittlung des Kolumbianers James Rodríguez vom FC Porto zum AS Monaco. Die 1,85 Millionen für Ángel di Marías Transfer zu Manchester United. Die 190.000 Euro für Gonzalo Higuaíns Wechsel zu Real Madrid. Die 1.307.070 Euro für den Verkauf von Jackson Martinez vom FC Porto zu Atlético Madrid. Alles endete laut den ausgestellten Rechnungen bei Paros, in der Steueroase BVI.

Was von dort an mit den zweistelligen Millionenbeträgen passiert, die jedes Jahr aus dem internationalen Fußballbusiness abgezweigt werden, ist unklar: Verdunkelung gehört zum Geschäft auf den British Virgin Islands. So wie der Null-Prozent-Steuersatz für Unternehmen. Bisher jedenfalls ist kein Steuerfahnder dem niederländisch-karibischen Konstrukt auf die Schliche gekommen.

Die EIC haben alle maßgeblichen Figuren dieser Geschichte mit den Erkenntnissen konfrontiert. Die meisten Vereine und Berater antworteten nicht, manche verwiesen auf die vertragliche Vertraulichkeit. Werder Bremen hatte Mühe bei der Rekonstruktion der Vorgänge um die Vertragsverlängerung von Naldo und räumte ein, dass so eine „Recherche im Haus ebenfalls etwas Zeit benötigt“. Tags darauf hieß es: kein Kommentar. Naldos Berater Tonietto antwortete, einer der beiden neuen Vermittler sei damals auf seinen Wunsch hin zwischengeschaltet worden – wegen dessen „bemerkenswerter Expertise“. Bei ihm persönlich, so Tonietto, sei beim Versteuern alles korrekt verlaufen.

Keine der niederländischen Firmen, die laut den Dokumenten von Football Leaks durch Paros Consulting an europäischen Steuerbehörden vorbeiwirtschaftete, äußerte sich zu diesen Vorwürfen. Nur Marcelo Simonian reagierte. Der Mann, der in Dutzenden verschlüsselten Mails als einer der Drahtzieher bei den Paros-Deals in Erscheinung tritt. Paros? Nie gehört. Ihn in Zusammenhang mit dem Verdacht der Steuerhinterziehung zu bringen sei „ein Skandal“, sagte er am Telefon. Er sei der größte Steuerzahler im ganzen argentinischen Fußball.

Der Weltverband Fifa tut wenig, um die wilden Geschäfte der Berater zu reglementieren. Im Gegenteil. Im vergangenen Jahr hat sich der Fußball-Weltverband entschlossen, das Beratergeschäft freizugeben – beziehungsweise auf die einzelnen Nationalverbände abzuwälzen. Auch das offenbar nur lose verfolgte Regelwerk von 2007 gilt jetzt nicht mehr. Seit eineinhalb Jahren ist es an den einzelnen Landesverbänden, Richtlinien für Spielerberater aufzustellen. Oder eben nicht.

In Österreich muss seit 2015 niemand mehr eine Lizenz lösen, um Fußballerberater zu werden. Ein kleiner Gewerbeschein reicht. Der Verband verzichtet auf die Überschaubarkeit einer Branche, in der fast jeder mitmischen darf. Wie die Football Leaks zeigen, birgt dieser Ansatz Gefahren. Die Spielergewerkschaften werten es als Kapitulation vor den Auswüchsen dieses Geschäfts (Interview mit dem Spielergewerkschafter Gernot Zirngast im kommenden FALTER 50/16). F


Diese Geschichte entstand aufgrund der Football-Leaks-Dokumente, die das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erhalten und an die European Investigation Collaborations weitergegeben hat.


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