Ein Licht fällt auf den Fußball

Wie ein junger Portugiese beschloss, den größten Datenschatz in der Geschichte des Sports mit der Öffentlichkeit zu teilen. Und wie 60 europäische Journalisten Monate damit verbrachten, Millionen Dokumente aus dem Inneren des Spitzenfußballs zu durchforsten. Die Geschichte der Football Leaks

LUKAS MATZINGER / EIC.NETWORK   

Jeden Morgen, wenn John aus dem Haus geht, schaut er zweimal nach links und nach rechts, bevor er die Tür hinter sich schließt. Alle paar Minuten dreht er den Kopf über seine Schulter, um zu sehen, wer hinter ihm geht. Er traut niemanden, und er verrät nur wenigen Menschen seinen richtigen Namen.

John weiß, dass seine Verfolger näher kommen. Er weiß, dass ihn die Staatsanwaltschaft sucht, die Polizei, ein paar Hacker und ein Privatdetektiv, der früher einmal Elitesoldat der englischen Royal Military Academy war. Vor einiger Zeit hat John begonnen, alle paar Tage seinen Wohnort zu wechseln. Man könnte sagen, John hat sich mit den Falschen angelegt.

John ist der Mann hinter den Football Leaks. Im Herbst 2015 hat er ein Weblog eröffnet, auf dem er jeden Tag Dokumente aus dem Innenleben des Fußballgeschäfts veröffentlichte. Darunter waren Spieler- und Beraterverträge, Sponsoren- und Finanzierungsabkommen. Manche Dokumente zeigten die exakten Gehalts- oder Ablösesummen, andere offenbarten dubiose Geldflüsse und Indizien systematischer Steuervermeidung.

Einige der größten Klubs, Spieler und Trainer des Sports schienen darin auf – und auch einige österreichische Adressen. Nichts davon, auf keinen Fall, hätte je an die Öffentlichkeit kommen sollen. Das Fußballgeschäft ist eine abgeschlossene Welt. Das sollte sie auch bleiben.

Was die Enthüllungen der Football-Leaks-Seite umso spannender machte. Auf der ganzen Welt erzählten Fachmedien Geschichten aus den Dokumenten. Auch die Polizei, Steuerbehörden und die großen Fußballverbände horchten auf. Die FIFA begann aufgrund der veröffentlichten Dokumente zu recherchieren und sperrte im Dezember 2015 den niederländische Erstligisten Twente Enchede von allen internationalen Bewerben – wegen unterschiedlicher Vergehen, die in Johns Dokumenten sichtbar wurden. Johns Daten waren offenbar echt.

Am 26. April 2016 endet die Geschichte der Football Leaks fürs Erste. John legte die Seite still. Er wolle eine Auszeit nehmen, ist da zu lesen. In einem Interview, das er dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel gab, sagte er, er sehe sich nach besseren technischen und finanziellen Modellen für die Veröffentlichung seiner Geschichten um. Von diesem Tag an drangen keine Daten mehr nach außen.

Bis jetzt.

Denn was John im Spiegel-Interview sagte, war nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich entschloss er sich im Frühjahr 2016, seine Daten mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin zu teilen. Er wollte, dass die ganze Geschichte erzählt wird und nicht mehr nur einzelne Dokumente an die Öffentlichkeit kommen. Alles sollte gezeigt werden, jeder Zusammenhang aufgedeckt, jede Verstrickung sichtbar werden. Das sollte die Arbeit investigativer Journalisten sein.

Der Spiegel prüfte die Daten und befand sie für echt. Die Chefredaktion berief eine Sitzung der EIC, der European Investigative Collaborations ein. Die EIC sind ein Netzwerk investigativer Journalisten in Europa, das seit 2015 besteht. Elf Redaktionen aus elf Ländern gehören dem Konsortium an. Der Falter ist das einzige österreichische Mitglied des ICIJ und Gründungsmitglied der EIC. Gemeinsam sollen internationale Geschichten aufgearbeitet, große Datenmengen durchsucht und grenzübergreifend recherchiert werden.

Die EIC sind ein Zusammenschluss von elf europäischen Medien. Das Ziel des Netzwerk ist, gemeinsam zu recherchieren, länderübergreifende Geschichten zu erzählen und große Datensätze zu durchforsten. Die EIC gibt es seit 2015. Initiator war das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel. Der Falter ist ein Gründungsmitglied und exklusiver Partner in Österreich.

Am Football-Leaks-Projekt waren alle Medien der EIC und zwei Partner beteiligt. Neben dem Falter und dem Spiegel recherchierten die Sunday Times aus England, Expresso aus Portugal, Politiken aus Dänemark, NRC Handelsblad aus den Niederlanden, Le Soir aus Belgien, Mediapart aus Frankreich, L’Espresso aus Italien, El Mundo aus Spanien, die Newsweek aus Serbien und das Romanian Center for Investigative Journalism mit The Black Sea, zwei Journalisten-Teams aus Bulgarien, Rumänien, der Türkei, Russland, der Ukraine und Georgien.

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Es war der 29. April dieses Jahres, in Hamburg war es kalt. Wenige Tage nachdem John seine Auszeit bekannt gegeben hatte, versammelten sich 15 der besten Wirtschafts- und Sportjournalisten des Kontinents um einen Besprechungstisch des Spiegel-Komplexes nahe der Speicherstadt. Die Spiegel-Leute begannen zu erzählen: von John, von seinen Daten. Acht Festplatten voller E-Mails, PDFs, Dokumente, Bilder, Präsentationen und Chatverläufe aus dem Herzen des europäischen Klubfußballs habe er ihnen überlassen. Manches davon könne die schmutzigsten Seiten dieses Business ans Tageslicht bringen. 1,9 Terabyte Material war es am Ende – 18,6 Millionen Dokumente. Der größte Datenschatz in der Geschichte des Sports.

Jeder bekam ein langes Passwort, das per Hand abzuschreiben war. Sollte irgendetwas nach außen dringen, nur ein kleines Stück dieser Informationen, wäre das ganze Projekt in Gefahr. Und nicht zuletzt auch John.

Bis zu 60 Journalisten haben in den vergangenen sieben Monaten in dem Datensatz gegraben, haben sich einmal wöchentlich in einem Online-Chat besprochen und einander immer wieder persönlich getroffen, um Zusammenhänge zu rekonstruieren, E-Mails und Dokumente der dunklen Seite dieses Sports zu durchforsten.

Manchmal kommen diese schmutzigen Flecken hinter all dem Glanz der großen Ligen hervor. Wenn der Vater des besten Spielers der Welt, Lionel Messi, entscheidet, das Ersparte seines Sohnes in Briefkastenfirmen in Uruguay und Belize anzulegen anstatt sie in Spanien zu versteuern. Wenn Investoren Genussscheine an vielversprechenden Nachwuchsspielern kaufen und den Klub dann zum Verscherbeln drängen. Wenn Spielerberater Deals aushandeln, von denen sie mehr als die Spieler profitieren.

Das ist die Welt, die Whistleblower John verabscheut. Eigentlich ist er vor allem Fußballfan. Er mag das Spiel und kann leidenschaftlich über Spieler und Statistiken diskutieren. John ist Portugiese, ein gebildeter, junger Mann, er ist viel gereist, spricht mehrere Sprachen und kann gut mit Computern umgehen. So erzählt es der Spiegel-Redakteur Rafael Buschmann – der einzige Journalist, der John persönlich getroffen hat.

Begonnen hat Johns Wut auf seinen Fußball, und damit die Geschichte der Football Leaks, im Sommer 2015. Während des jährlichen Transferfensters sind in der portugiesischen Liga einige Spielerwechsel passiert, die er sich nicht erklären konnte. Die sich kein Fan erklären konnte, weil sie aus sportlicher Hinsicht für keine Partei irgendeinen Sinn ergaben. Da musste etwas anders dahinterstecken.

„Es gibt Ligen in Europa“, sagt John, „die sind in der Hand von drei oder vier Beratern. Sie arbeiten mit korrupten Klubpräsidenten zusammen und spielen ihr eigenes Spiel.“ Hinter den Kulissen, auf dem Rücken der zahlenden Fans. Diesem System hat John den Krieg erklärt.

Doch wie ist John an diese Dokumente gelangt? Hat er Hintermänner? Finanziers? Sagt er nicht. Hacker sei er keiner, das schwört er. Er habe einfach nur ein gutes Informantennetz.

Wie die 1,9 Terabyte aus den großen Agenturen, Klubs, Sportanwälten und Offshore-Firmen tatsächlich zu ihm gekommen sind, bleibt sein Geheimnis. Geld wollte er von den EIC jedenfalls nie dafür haben. Und das, obwohl ihm ein Spielerberater kürzlich 650.000 Euro für seinen Datensatz geboten hatte. Vom Gesundheitsskandal in der amerikanischen Tabakindustrie bis zum NSA-Skandal durch Edward Snowden: viele der größten Enthüllungen der vergangenen Jahrzehnte kamen an die Öffentlichkeit, weil es Menschen gab, die ihre Informationen mit Journalisten teilten. Jeder dieser Whistleblower hat an einem gewissen Punkt moralische oder gesetzliche Grenzen überschritten, und nicht alle von ihnen hatten lautere Motive.

Für die Journalisten, die mit diesen Daten arbeiten, ist das allerdings irrelevant. Die Motive und Techniken des Informanten spielen für den, der die Informationen verarbeitet, eine untergeordnete Rolle. Für den Publizisten sind nur zwei Fragen wirklich von Bedeutung: Sind die Daten echt? Und: Sind die Geschichten erzählenswert?

Und das sind die Football Leaks.

Tausende Dokumente lassen sich mit tatsächlichen Begebenheiten in Zusammenhang bringen. In neuen E-Mails, die John im Laufe des Projekts nachgeliefert hat, zeigen sich nervöse und hysterische Reaktionen der Protagonisten auf die Football-Leaks-Seite. Manche von ihnen haben so entfernt mit Fußball zu tun, dass diese weitschichtige Beziehung kaum mehr nachvollziehbar ist. In den Daten finden sich Verbindungen zum künftigen US-Präsidenten Donald Trump sowie zur russischen Mafia und zu afrikanischen Despoten.

In den kommenden Wochen werden 13 europäische Medienhäuser einige Geschichten dieser Dokumente erzählen. Von Schattenmännern, die im Hintergrund der Klubs arbeiten und deren Geschäfte lenken. Von Spielerberatern, die Talente wie Schachfiguren von Team zu Team verschieben. Von Schmiergeld, das fließt, und Handgeld, das verschwindet.

In dieser Woche beginnen die Enthüllungen der Football Leaks mit einer Geschichte über den dreimaligen Weltfußballer Cristiano Ronaldo und dem einmaligen Trainer des Jahres, José Mourinho. Die beiden haben zusammengerechnet fünf Champions-League-Titel gewonnen, doch hier geht es um eine andere Seite der Weltstars. Wie die Football Leaks zeigen, haben beide die gleiche komplexe Offshore-Struktur genutzt, um Millioneneinnahmen versteckt zu halten und Steuerabgaben zu minimieren.

Die meisten Geschichten sollen keine schockierenden Einzelfälle zeigen, sondern Strukturen offenlegen, die der Milliardenzirkus Fußball in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Sie sollen von der blanken Gier erzählen, die den Sport für viele Menschen zu einem Selbstbedienungsladen gemacht hat, und von der der einfache Fan nie etwas erfahren sollte.

Auch einige österreichische Namen hat der Falter in den Football-Leaks-Files gefunden. Von einem der umstrittensten Fußballinvestoren, der von Wien aus arbeitet, bis zu den kuriosen Vertragsdetails mancher Bundesligastars wird der Falter in den kommenden Wochen berichten. Der Großteil der Geschichten aber dürfte für Fans aus aller Welt von Interesse sein, weil sie so manchen der größten Namen, die fragwürdigsten Entwicklungen des Weltfußballs zeigen.

Wie die Geschichte von Doyen. Doyen ist ein mächtiges Sportmarketingunternehmen, das in London sitzt und Geld vor allem in Spanien und Portugal verdient. Die meisten seiner Geschäfte macht es durch Beteiligungen an Spielertransfers oder den Vermarktungsrechten von Fußballern. Zu Doyens Klienten gehören der brasilianische Superstar Neymar oder der Welt- und Europameister Xavi. Viele der Dokumente, die John auf seiner Football-Leaks-Seite veröffentlicht hatte, waren Verträge von Doyen. Dieses Unternehmen war es, das John anzeigte und Hacker und Detektive auf ihn ansetzte.

John selbst sieht sich gern als Ritter, der im Auftrag des kleinen Fans den Großen an die Gurgel geht. „Wir müssen den Fußball reinigen“, hat er dem Spiegel-Journalisten Rafael Buschmann gesagt, und dass er alle rächen will, auf deren Rücken dieses korrupte System aufgebaut wurde. Er hat keinen Zweifel daran, das Richtige zu tun. Und doch haben auch seine Football Leaks ihre dunklen Flecken. Da klingt seine Geschichte dann gleich viel weniger heldenhaft.

Am 3. Oktober 2015, nur fünf Tage nachdem Johns Webseite online gegangen war, bekam der Manager von Doyen, Nélio Lucas, eine E-Mail. Lucas ist ein erfolgreicher Mann, ein Portugiese, gutaussehend und wohlhabend, und, das kann man nach tausenden gelesenen E-Mails unumwunden sagen, mit einem dehnbaren Moralbegriff ausgestattet. Der Absender der Mail war ein Mann, der sich „Artem Lobuzov“ nennt. Er sendete seine Nachricht über Yandex, den russischen Provider, über den auch die Football-Leaks-Seite läuft.

In dem Mail unterrichtet Lobuzov den Doyen-Chef Lucas über eine Menge Dokumente, die zu besitzen er vorgab. Sie würden aus dem Inneren von Doyen stammen. Manche würden Verwerfliches zeigen, manche auch Illegales – jedenfalls könnten sie Lucas echte Probleme bringen. Und Lucas wolle doch nicht, dass diese Dokumente online gingen und später von der internationalen Presse aufgegriffen würden. In der Welt des Spitzenfußballs, in der jeder jeden kennt und manche nur auf Fehler des anderen warten, ist das eine echte Drohung.

Lucas wurde nervös. Obwohl er nicht wusste, wer Lobuzov war und welche Dokumente er tatsächlich besaß, ließ er sich darauf ein. Er tat das, worin er gut ist: er schlug ein Geschäft mit Lobuzov vor. Für 500.000 bis eine Million Euro, sagte Lobuzov, könne er sich vorstellen, die Daten zu löschen. Sein Anwalt würde sich melden.

Lobuzovs Anwalt heißt Aníbal Pinto, ein weitgehend unbekannter Mann aus Porto, der bisher nichts mit Verhandlungen dieser Größenordnung zu tun hatte. Das erste Treffen zwischen Aníbal Pinto, Nélio Lucas und dessen Anwalt fand am 21. Oktober 2015 bei einer Tankstelle im Westen von Lissabon statt – elf Monate bevor sich die EIC-Mitglieder trafen, um sich über die Erkenntnisse der Files auszutauschen, und zufällig nur wenige hundert Meter entfernt vom Ort dieses Treffens. Die Zusammenkunft an dieser Tankstelle lässt sich detailliert durch E-Mails in den Football Leaks rekonstruieren.

In den Wochen der Verhandlungen wurde kein einziges Dokumente von Doyen in den Football Leaks hochgeladen. Es klang plausibel, als Pinto sagte, er würde für die Macher der Seite sprechen. Nélio Lucas machte Lobuzovs Anwalt an diesem Tag ein Angebot: 300.000 Euro würde er bezahlen, damit Lobuzov den Leak stoppt – das geht aus einem E-Mail eines Doyen-Managers hervor. Sein Anwalt Pinto sagte, er würde mit ihm darüber sprechen.

Lucas hörte daraufhin lange nichts von Lobuzov oder seinem Anwalt. Erst nach zwei Wochen meldete sich Lobuzov. Er lehnte das Angebot ab. Was Lucas rasend machte. „Ich werde dir keine Prügel androhen, obwohl du sie verdient hättest“, schrieb er daraufhin, „deine Lektion wird eine andere sein, und sie wird mehr schmerzen!!!!“

Wir wissen nicht, warum Lobuzov seine Forderung nach Schweigegeld einstellte. Vielleicht hat er kalte Füße bekommen, die wahrscheinlichste Erklärung allerdings findet sich in den Football Leaks selbst: Als sich Nélio Lucas und Pinto an der Tankstelle trafen, war Lucas verkabelt. Die Polizei von Lissabon hatte das Gespräch belauscht. Es war eine Falle, in die sie Lobuzov locken wollten.

Doch wer ist Lobuzov? Ist es John? Arbeitet er mit John zusammen? Weiß er nicht. Sagt er nicht. Lobuzov jedenfalls antworte in einem letzten Mail an Lucas: „Ich habe keine Angst vor dir.“ Und: „Behalte dein Geld, du wirst es noch brauchen.“

John ist kein Heiliger und wahrscheinlich kein Edelmann. Er ist ein Mann, der sich entschlossen hat, sein Wissen einer großen Öffentlichkeit preiszugeben. Eine Gruppe von Journalisten haben seine Informationen für echt und berichtenswert befunden. In den kommenden Wochen werden nun einige dieser Geschichten erzählt, von denen viele mächtige Leute dieses Sports nicht wollten, dass sie erzählt werden. F


Diese Geschichte entstand aufgrund der Football-Leaks-Dokumente, die das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erhalten und an die European Investigation Collaborations weitergegeben hat.


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