Der beste Trick des Cristiano Ronaldo

Die Football Leaks zeigen, wie manche der größten Stars dieses Sports jahrelang Millioneneinkünfte in Steueroasen versteckt hielten. Und jedes Mal damit davonkamen

LUKAS MATZINGER / EIC.NETWORK   
Cristiano Ronaldo ist der vielleicht größte Fußballstar der Welt. Sein Berater Jorge Mendes hilft ihm, das zu bleiben. Unter anderem (Illustration: EIC.network, Fotos: APA/AFP/Gerard Julien, Olivier Anrigo/Icon Sport)

Cristiano Ronaldo ist der vielleicht größte Fußballstar der Welt. Sein Berater Jorge Mendes hilft ihm, das zu bleiben. Unter anderem (Illustration: EIC.network, Fotos: APA/AFP/Gerard Julien, Olivier Anrigo/Icon Sport)

Der Sultan vergibt Pokale, die Kellner klempern mit dem Tafelsilber. Vorne sitzen Scheichs und hinten die besten Fußballer der Welt. Am Ende jeden Jahres veranstaltet der Weltfußball ein großes Branchentreffen in Dubai. Die Vereinigung der Klubs und jene der Spielerberater organisieren dort ein großes Galadinner, bei dem die wichtigen Figuren des Sports einander die Hände reichen. Als Highlight werden die herausragendsten Persönlichkeiten des zurückliegenden Jahres gekürt.

Es gibt einen „Globe Soccer Award“ für die besten Spieler und Klubs, für die besten Schiedsrichter und Funktionäre. Und für den besten Spielerberater des Jahres.

Diesen Preis gewann seit Einführung der Gala jedes Jahr derselbe Mann: sein Name ist Jorge Mendes.

Berater sind im Fußball jene Männer, die mit Spielern Karrieren planen und mit Arbeitgebern Verträge aushandeln. Jeder Profispieler hat einen Berater, der ihm den Papierkram macht, der sich mit den Klubs und Sponsoren an den Tisch setzt und gute Gagen rausholt.

Und Jorge Mendes ist der König der Spielerberater. Mendes ist der Typ, der jederzeit vier Handys mit sich führt, und wenn jemand anruft, ziemlich sicher in dessen Landessprache mit ihm verhandeln kann. Derzeit zählt Mendes die halbe portugiesische Europameistermannschaft zu seinen Klienten und ziemlich viele Champions-League-Sieger von Real Madrid. Insgesamt soll Jorge Mendes bisher Transfers im Wert von mehr als einer Milliarde Euro eingefädelt haben. Von jedem Deal blieben ein paar Prozent bei ihm. Er ist der größte aller unbekannten Männern des Sports.

Eigentlich wollte Mendes selbst Fußballer werden, doch seine Talente waren anders gelagert. Sie waren eher kaufmännischer Natur. Mit 18 Jahren verkaufte er am Strand von Lissabon Hüte, die seine Mutter flocht. Mit 23 eröffnete er einen Videoshop, wenig später führte er eine Disco. Dort traf er 1995 Nuno Espírito Santo, einen portugiesischen Tormann, keine große Nummer.

„Nuno“ wollte groß rauskommen, und Mendes wollte ihm helfen. Er fuhr nach Spanien, zum Präsidenten des Klubs Deportivo La Coruña und schwärmte ihm von seinem Freund Nuno vor. Der Präsident ließ sich überreden, Nuno wechselte nach Spanien und wurde später sogar Nationalteamspieler. Heute ist Nuno Cheftrainer des FC Porto. Und Mendes eben das, was er ist.

Doch Jorge Mendes bietet seinem elitären Kundenkreis heute noch weiterführende Leistungen an. Wie die Football Leaks zeigen, sorgt sich Mendes auch darum, was mit dem Geld zu tun ist, nachdem alle Verträge unterschrieben sind. Und das ist der Punkt, an dem es aufklärungswürdig wird.

Wie die Dokumente zeigen, die das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel zugespielt bekommen und mit dem Recherche-Netzwerk EIC geteilt hat, vollbringen die größten Fußballstars manche ihrer besten Tricks, wenn es darum geht, ihre Privatvermögen zu verschleiern. Und Jorge Mendes hilft ihnen dabei.

Eigentlich beginnt diese Geschichte, als José Mourinho im Sommer 2004 Trainer des FC Chelsea wurde. Mourinho ist mit Jorge Mendes befreundet und wurde an seiner Seite zum erfolgreichsten Fußballtrainer des laufenden Jahrhunderts. Damals war er gerade mit dem FC Porto portugiesischer Meister und Cupsieger geworden, und hatte sogar die Champions League gewonnen.

Dann war Mourinho bereit für einen richtig großen Verein, und Mendes handelte ihm einen prächtigen Vertrag beim FC Chelsea aus London aus. Der Klub wurde kurz zuvor vom russischen Oligarchen Roman Abramowitsch übernommen und war drauf und dran, sich mit großen Spielern und einem großen Trainer sportlichen Erfolg zu kaufen. Mourinho sollte dort 5,3 Millionen Pfund im Jahr verdienen. Dazu kamen von 2004 bis 2009 noch etwa 1,5 Millionen Pfund, die ihm für seine Bildrechte ausbezahlt würden. Und genau hier wird es spannend.

Unter Bildrechten versteht der Sportprofi alle Wege, wie er seine Persönlichkeit zu Geld machen kann – durch Werbung und Sponsorings, aber auch durch Autogrammkarten und Panini-Pickerl. Es gibt Menschen in diesem Geschäft, die so gut darin sind, Profit aus ihrer Bekanntheit zu schlagen, dass sie durch die Vermarktung ihrer Bildrechte mehr verdienen, als ihnen ihr Arbeitgeber für ihre Leistungen am Platz zahlt.

Und dann gibt es Menschen, für die sind ihre Bildrechte das größte Sparschwein der Welt.

Das Gehalt des Klubs bietet Fußballspielern wenig Spielraum, Steuern zu sparen. Es wird jeden Monat voll erfasst und in aller Regel nach dem nationalen Spitzensatz besteuert. Bei den Bildrechten ist das anders. Tatsächlich werden manche Juristen zu echten Künstlern, wenn es darum geht, die Werbeeinnahmen der Stars vorm Staat versteckt zu halten.

Wie die von José Mourinho. Anders als auf dem Spielfeld scheint der exzentrische Trainer bei seinen Steuererklärungen mit Vorliebe Risiken einzugehen. Aus Mourinhos Verträgen geht hervor, dass die 1,5 Millionen Pfund, die er zusätzlich zu seinem üblichen Gehalt für seine Bildrechte bekam, tatsächlich nicht an ihn überwiesen wurden.

Das Geld landete bei einer Firma namens Koper Services SA mit Sitz in der Vanterpool Plaza in Road Town, der Hauptstadt der Steueroase British Virgin Islands (BVI). Eine von tausenden Firmen an dieser Adresse.

Hier, im Obergeschoß einer Apotheke in der BVI-Hauptstadt Road Town, hatten tausende Briefkastenfirmen ihren Sitz. Unter anderen das Millionenversteck von José Mourinho (Foto: Der Spiegel)

Hier, im Obergeschoß einer Apotheke in der BVI-Hauptstadt Road Town, hatten tausende Briefkastenfirmen ihren Sitz. Unter anderen das Millionenversteck von José Mourinho (Foto: Der Spiegel)

Die „Plaza“ ist in Wirklichkeit ein gelbverputztes Nichts an einer mehrspurigen Straße, im Erdgeschoß führt eine Frau Vanterpool ihre Apotheke. Darüber hat sich eine Anwaltskanzlei eingemietet, die ihre Büroräume als Adresse von Briefkastenfirmen verkauft. Bis mindestens 2013 sind die Werbeeinnahmen von „The Special One“, wie sich Mourinho selbst nennt, hier, bei der Koper Services SA, gelandet. Und zum diskreten BVI-Unternehmenssteuersatz von null Prozent versteuert worden.

Doch so einfach ist das alles nicht. Große Marken wie Adidas überweisen ihre Honorare nicht gern an Steueroasen. Sie haben Angst, dass man ihnen Beihilfe zur Steuerhinterziehung nachweisen könnte. Daher verlangen sie von ihren Partnern eine bessere Adresse als die Vanterpool Plaza auf den BVI.

Die liegt in Mourinhos Fall in Irland – bei einer weiteren Briefkastenfirma in Dublin mit dem Namen Multi-Sports Image Management (MIM). Irland hat mit 12,5 Prozent eine der niedrigsten Firmensteuern in Europa und ist bei reichen Leuten und Konzernen als Steueroase innerhalb der EU bekannt und beliebt. Das weiß auch Jorge Mendes, der viel mit der Anwaltskanzlei zusammenarbeitet, die die Multi-Sports Image Management gegründet hat.

Wer nun also sein Bier oder seinen Glattrasierer mit dem Startrainer José Mourinho bewerben wollte, zahlte das Honorar dafür an die irische Firma MIM. Manchmal taucht noch eine zweite irische Firma auf, genannt Polaris. Die Polaris wird vom Neffen von Jorge Mendes geführt und ist das einzige Unternehmen der bisher genannten, das auch tatsächlich Personal hat. Die Polaris fädelte Werbejobs für Mourinho ein und bekam dafür einen kleinen Teil der Einnahmen.

Wie eine detaillierte Aufstellung von Mourinhos Steuerberatern im Oktober 2014 zeigt, blieb aber auch bei der MIM nur eine kleine Provision von wenigen Prozent der Gagen. Und der Rest?

Geht unvermittelt an die Koper Services in den BVI. Die Werbepartner sind zufrieden, weil sie ihr Geld nicht in die Karibik überweisen müssen, und Mourinho ist zufrieden, weil der Großteil des Geldes trotzdem in der Steueroase landet.

Sollten die zwischengeschalteten MIM und Polaris mit ihren Provisionen am Ende des Jahres Gewinn erzielt haben, versteuern sie den mit 12,5 Prozent nach irischem Recht. Doch der große Teil der Einnahmen, der nicht in Irland hängen bleibt, geht zum paradiesischen Steuersatz von null Prozent in die Karibik.

Das ist der erste Teil des Spiels, doch die Partie entscheidet sich in der zweiten Halbzeit. Denn wie bekommt Mourinho das Geld wieder raus aus seinem karibischen Sparschwein?

Hinter der Koper Services steht eine Stiftung in Neuseeland, die Mourinho 2008 gegründet hatte – der Begünstigte ist er aber nicht. Aus der Bilanz der Koper geht hervor, dass die Firma am Stichtag 31. Dezember 2013 knapp zwölf Millionen Euro Schulden gegenüber José Mourinho hatte.

Schulden? Genau das ist der Clou hinter diesem Modell. Mourinho hat seine Werbeeinnahmen also nur an die Karibik-Firma geliehen. Wenn er sie braucht, kann er sie jederzeit zurückfordern.

Das Modell funktionierte bis zum Sommer 2014. Nachdem Mourinho von seinem Real-Madrid-Ausflug wieder zum FC Chelsea zurückgekehrt war, begannen sich die spanischen Behörden für Mourinhos Firmengeflecht zu interessieren. Nach Jahren hatten sie sich auf eine einheitliche Linie festgelegt, wie sie mit Bildrechtefirmen von Fußballern umgehen wollen.

Nur wenn die Unternehmen wirklich Mitarbeiter beschäftigen und tatsächlich arbeiten, bleiben sie verschont. Würden aber Einnahmen in Scheinfirmen gebunkert, seien sie wie ein normales Gehalt zu betrachten und voll zu versteuern. Für die Kunden des Jorge Mendes war das eine furchtbare Nachricht. Auch José Mourinhos Modell wäre damit rechtswidrig.

Nun trat ein Mann namens Julio Senn auf den Plan. Er war früher Generaldirektor von Real Madrid und ist heute einer der Namensgeber der renommierten spanischen Steuerberatungskanzlei Senn Ferrero. Er, der beste Mann, wenn es darum geht, steuerschonende Spitzensportler vor Unheil zu bewahren, sollte Mourinho retten. Doch Senn wusste, das würde nicht so einfach werden.

„Vergiss nicht, dass die Struktur, die die Kunden von Jorge haben, nicht die geeignetste ist für Leute mit einem Wohnsitz in Spanien“, schrieb er in einer Mail an Carlos Osorio, jenen Steuerberater von Mendes, der an der Entwicklung dieses Modells federführend beteiligt war. Diese Konstruktion für Bildrechte tauge nichts, schrieb Senn. Das habe er Osorio schon so oft gesagt.

Was Senn dann mit den Steuerbehörden aushandelte, war ein kleiner Geniestreich. Mourinho bekam kein Strafverfahren, und keinen weltöffentlichen Prozess. Er musste nur eine Nachzahlung von etwa 3,3 Millionen Euro und 1,1 Millionen Euro Strafe leisten. Dazu kamen weitere 880.000 Euro Nachzahlung plus 550.000 Euro Strafe wegen anderer Steuervergehen.

Ein Geschenk für Mourinho, doch Senn hatte noch nicht genug. Er legte Einspruch gegen einen Teil des Steuerbescheids ein, einen formalen. Der Grund: Die Behörden hatten ein paar Tage länger als die vorgegeben 365 Tage ermittelt. Ein Teil der Strafe sei also nichtig. All das Verhandlungsglück war Senn nicht genug.

Das war eine Geschichte, die die Football Leaks über die Gier dieser Branche erzählt. Aber noch lange nicht die schmutzigste. Einen Mann gibt es da im Portfolio des Jorge Mendes, der ist noch größer als José Mourinho. Ein größerer Star, mit einem noch viel größeren Sparschwein. Im Valtemort Plaza, Road Town, BVI.

Sein Name ist Cristiano Ronaldo.

Für Cristiano Ronaldo, den von Gott geküssten, den ebenso talentierten wie strebsamen Weltstar, ist Jorge Mendes so etwas wie ein Vater – ein Freund und Vertrauter, zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihn da. Mit seinem Beistand ist Ronaldo zu einem der größten Sportler der Welt und einem der größten Fußballer aller Zeiten geworden. Zu einem Gewinner. Von vier Meisterschaften, drei Champions-League-Titeln, drei Weltfußballer-Titeln und einer Europameisterschaft. Und zu einer unfassbaren globalen Geldmaschine.

Ronaldo hat sich in den vergangenen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes von Kopf bis Fuß an Dutzende Werbepartner verkauft: die Kopfhörerfabrik Monster wirbt mit ihm ebenso wie der Uhrenhersteller TAG Heuer, der dänische Unterwäschersteller JBS und der Sportgigant Nike, der jedes Jahr ein Paar Fußballschuhe im Ronaldo-Design auf den Markt bringt. Wenn Ronaldo für ein halbtägiges Shooting mit Toyota 1,9 Millionen Euro bekommt, darf der Autokonzern mit den entstandenen Bildern nur im Mittleren Osten, in Algerien, Marokko und Afghanistan werben, so steht es im Sponsorenvertrag aus dem Jahr 2014. Die ganze Welt kostet bei „CR7“ schon ein bisschen mehr.

Schwer zu sagen, wie hoch die gesamten Werbeerlöse sind, die zu den 38.181.818 Euro Jahresgehalt laut neuem Vertrag bei Real Madrid hinzukommen. Von jedem Euro jedenfalls, der über 15 Millionen Werbeeinannehmen pro Jahr hinausgeht, muss er 40 Cent an Real abgeben, das steht so im Vertrag. Und der Rest?

Für den Rest gibt’s ein Sparschwein in der Karibik.

Im Winter 2008/09 – das zeigt ein Vertrag, von dem nicht sicher ist, ob er nicht später zurückdatiert wurde – hat Ronaldo eine Vereinbarung mit der Tollin Associates Ltd. abgeschlossen.

Mit diesem Papier trat Ronaldo alle Bildrechte an diese Firma ab, dafür standen jegliche Einnahmen, die Tollin in den folgenden sechs Jahren macht, ohne große Abzüge Cristiano Ronaldo zu. Und gemeldet war die Tollin über: Frau Vanterpool Apotheke, Road Town, BVI. Sie war eine weitere Briefkastenfirma, die über Jorge Mendes eingerichtet wurde.

Auch die irischen Firmen MIM und Polaris spielten wieder mit. Die Polaris handelte für Ronaldo Sponsorendeals aus, die MIM nahm das Geld entgegen. Beide behielten kleine Provisionen ein – das selbe Schema wie bei Mourinho. Nach der 15. von Ronaldo verdienten Million bekam laut Vertrag auch Real Madrid 40 Prozent der Einnahmen. Alles andere wanderte ohne Umschweife auf die Britischen Jungferninseln.

Zwischen 2009 und 2014, das zeigt eine detaillierte Aufstellungen, die der Anwalt von Jorge Mendes seinen Steuerberatern später schicken wird, flossen um die 72 Millionen Euro von Ronaldos Werbeeinnahmen in die Tollin Associates Ltd., von der die spanischen Behörden in all den Jahren nichts wusste. Erst in der Steuererklärung aus dem Jahr 2014, dem Jahr, in dem der Tollin-Vertrag auslief, deklarierte Ronaldo diese Einnahmen – allerdings nur 11,5 Millionen davon.

Warum hat Ronaldo die Einnahmen der Tollin erst im Jahr 2014 bei der Steuer angegeben? Und warum nur 11,5 Millionen, und nicht die vollen 72 Millionen? Um das zu verstehen, muss man nochmals zum Zeitpunkt zurückgehen, an dem der Vertrag mit Tollin unterschrieben wurde.

Als Cristiano Ronaldo im Sommer 2009 zu Real Madrid wechselte, galt in Spanien die sogenannte „Lex Beckham“. Dieses Gesetz wurde 2004 von der spanischen Regierung eingeführt und sollte hochqualifizierte Wissenschaftler, Topmanager und Spitzensportler ins Land locken. Ausländische Spieler, die davor zehn Jahre nicht in Spanien gelebt hatten, mussten demnach auf sämtliche Einnahmen nur mehr 24,75 Prozent Steuern zahlen. Was ein massiver Wettbewerbsvorteil der spanischen Klubs gegenüber allen anderen europäischen Ligen war – in denen die Spieler nach weit höheren Spitzensteuersätzen belangt wurden. Doch das größte Geschenk an die Spieler war ein anderes: Sie mussten laut „Lex Beckham“ nur Geld versteuern, das sie in Spanien verdienten. Einnahmen aus dem Ausland kümmerten die spanischen Behörden nicht. Also auch keine ausländischen Werbeeinnahmen.

Im Fall des Portugiesen Ronaldo lag der Anteil seiner internationalen Bildrechteeinnahmen bei etwa 80 Prozent – so schätzten es jedenfalls seine Anwälte. Nur der kleine Rest von ungefähr 20 Prozent würde in Spanien lukriert, und nur der sei den Behörden gegenüber anzugeben. 2010 hob die sozialistische Regierung Spaniens das Gesetz wieder auf. Doch all jenen, die bis 2009 ins spanische Fußballparadies zogen, wurde eine Übergangsfrist bis zum 1. Jänner 2015 gewährt. Macht fünf Jahre mehr Freiheit für Ronaldo.

Ende 2014 deklarierte Cristiano Ronaldo dann also 11,5 Millionen Euro als Werbeeinnahmen in Spanien für die zurückliegenden fünf Jahre. Davon waren laut „Lex Beckham“ nur 24 Prozent Steuern zu entrichten. Die restlichen 60,5 Millionen, die die weltweiten Bildrechte in die Tollin spülten: zum BVI-Satz von null Prozent versteuert.

Mindestens 180 Millionen Euro sind über dieses Steuerkonstrukt in den vergangenen Jahren von Mendes’ Kunden auf die Britischen Jungferninseln gespült worden (Illustration: EIC.network, Fotos: APA/AFP/Janek Skarzynski, APA/AFP/Jack Taylor)

Mindestens 180 Millionen Euro sind über dieses Steuerkonstrukt in den vergangenen Jahren von Mendes’ Kunden auf die Britischen Jungferninseln gespült worden (Illustration: EIC.network, Fotos: APA/AFP/Janek Skarzynski, APA/AFP/Jack Taylor)

War es legal, dass die spanischen Behörden jahrelang nichts von seinem Sparschwein wussten? Hätte Cristiano Ronaldo nicht jedes Jahr seine Einnahmen versteuern müssen? Immerhin war er seit 2009 eindeutig der einzige Begünstigte dieser Briefkastenfirma.

Doch das sind noch nicht die wichtigste Fragen, die sich die spanischen Fiskalbehörden nun stellen müssen. Es wird noch heikler.

Mit Anfang 2015 war die spanische „Lex Beckham“ ein für alle Mal Geschichte. Seither ist sowohl für nationale als auch für internationale Einkünfte der Spitzensteuersatz von 50 Prozent fällig. Auch die höchstqualifizierten Spieler müssen ihre Einnahmen seither wie alle anderen versteuern.

Was Ronaldo und seinen Beratern nicht schmeckte – sodass sie sich etwas einfallen ließen. Eins muss man ihnen lassen: So trickreich Cristiano Ronaldo auf dem Feld ist, so trickreich geht sein Personal mit seinen Finanzen um.

Kurz bevor die Schonfrist der Steuererleichterung endete, in den letzten Tagen des Jahres 2014, sollte Cristiano Ronaldo seine Bildrechte für die Jahre 2015 bis 2020 verkaufen. Das war die Idee. Dann könnten er diese Einnahmen noch schnell in die Steuererklärung von 2014 pressen – und gemäß der günstigen „Lex Beckham“ versteuern.

Zu den 72 Millionen Euro, die sich in den vergangenen fünf Jahren in der Tollin angesammelt hatten, sollten noch schnell 74,75 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre dazukommen. Und zur Gänze im letzten „billigen“ Jahr 2014 versteuert werden. Dafür musste aber ein spontaner, flüssiger Käufer gefunden werden. Der auf Vertrauen fast 75 Millionen dafür zahlt, was Cristiano Ronaldo in den kommenden fünf Jahren einnehmen würde.

Auftritt Peter Lim. Lim ist ein milliardenschwerer Investor aus Singapur, der Sohn eines Fischers. Er hat sein Geld vor allem mit Palmöl und Medizin verdient. Seit gar nicht so langer Zeit macht er auch in Fußball – so hat er auch Jorge Mendes kennengelernt. Anfang 2015 hat Jorge Mendes Peter Lim geholfen, die Mehrheit des schwer verschuldeten spanischen Traditionsklubs FC Valencia zu übernehmen.

Seither sind viele von Mendes Spielern nach Valencia gewechselt. Außerdem gehören Lim zwei Drittel des kolumbianischen Stürmers Radamel Falcao, den Jorge Mendes in den vergangenen Jahren durch halb Europa „beraten“ hat – für insgesamt 90 Millionen Euro an Transfersummen.

Und Peter Lim war auch jetzt zur Stelle. Am Papier sind als Käufer der Bildrechte die beiden frisch gegründeten Briefkastenfirmen Arnel und Adifore eingetragen. Registriert, Sie raten richtig, in der Vanterpool Plaza, Road Town, BVI.

Es spricht alles dafür, dass Lim hinter diesen beiden Firmen steht. Unter anderem eine Presseaussendung und ein Facebook-Post von Cristiano Ronaldo, in denen er stolz verkündete, seine Bildrechte an Peter Lim verkauft zu haben.

Der Kaufvertrag wurde am 20. Dezember 2014 bei einem marokkanischen Notar aufgesetzt. Ronaldo war zu der Zeit mit Real Madrid bei der Klubweltmeisterschaft in Marokko. Das Geschäft musste schnell über die Bühne gehen, die 74 Millionen waren zahlbar bis Jahresende, auf ein Konto der Genfer Privatbank Mirabaud & CIE. Alles musste unter Dach und Fach sein, bevor die „Lex Beckham“ für immer auslief.

Es gelang. Innerhalb von vier Tagen überwies Arnel tatsächlich 11,25 Millionen Euro für die spanischen Bildrechte und Adifore 63,5 Millionen Euro für die internationalen. Ronaldos Bildrechte für 2015 bis 2020 lagen sicher bei zwei neu gegründeten Briefkästen über Frau Vanterpools Apotheke. Der Deal war eingetütet, der Verkauf konnte noch 2014 versteuert werden.

Und die alte Tollin, von der Ronaldos Anwälte Angst hatten, dass sie während der Mourinho-Ermittlungen entdeckt werden könnte, konnte für immer verschwinden. So weit, so gut.

Doch dann kommt noch einmal die Kanzlei des Steuerberaters Julio Senn ins Spiel. Der Mann, dessen Job es ist, solche Vorgänge den Behörden zu erklären. Senns Team verfasste Anfang 2015 Ronaldos Steuererklärung für 2014. Wie es die „Lex Beckham“ wollte, war darin jede Position auf den Cent genau aufgeschlüsselt, die Ronaldo in diesem Jahr in Spanien verdiente. Darunter 11,5 Millionen Euro für die spanischen Bildrechte des Jahres 2009 bis 2014 durch die Tollin und 11,25 Millionen Euro für die Bildrechte von 2015 bis 2020 durch die Arnel.

Doch in der Steuererklärung stand etwas anderes. Senns Team hatte die beiden Beträge zusammengefasst und als eine Position von 22,75 Millionen angegeben – ohne weitere Erklärung. Kein Wort von den Briefkastenfirmen auf den BVI, kein Wort vom Konto in Genf, auf dem Ende 2014 mehr als 110 Millionen Euro lagen. Das sollte alles unentdeckt bleiben.

Julio Senn befürchtete das Schlimmste. Alles würde auffliegen, diese Zeile mit den nackten 22,75 Millionen Euro würden die Behörden nicht einfach so schlucken. Schon zuvor hatte er sich bei Osorio de Castro, dem Steueranwalt von Mendes, von dessen Konstrukt distanziert. „Wir haben nicht am Design, an der Einführung und der Überwachung der Struktur mitgewirkt“, schrieb er ihm in einer Mail. Sollte etwas aufkommen, sei das sein Problem.

Und es kam etwas auf. Wenig später war Cristiano Ronaldo das Ziel einer Steuerprüfung der spanischen Behörden. Der Verkauf der Bildrechte an Peter Lim hatte die Steuerfahnder neugierig gemacht. Sie wollten wissen, wie und warum es dazu kam.

Sie prüften zunächst Ronaldos Einkünfte der Jahre 2011 bis 2013 – was das Senn-Ferrero-Personal reichlich nervös machte. Sie mussten nun Unterlagen bereitstellen, Gehaltszettel, Sponsorenverträge, auch jene mit MIM und Polaris. Alles musste vorgebracht werden, nur durfte ja kein Licht auf die Tollin fallen, das Herzstück von Ronaldos Steuerkonstrukt.

Ronaldo hatte Glück. Großes Glück. Die Behörden rechneten ihm bei dieser Steuerprüfung die Briefkastenfirma Tollin nicht zu. Sie betrachteten die Firmen, „die mit MIM dealen, in diesem Fall Tollin“, nicht als Eigentum der Spieler, steht in einem Mail aus dem Hause Senn Ferrero.

Das Team konnte ein weiteres Mal stolz auf sich sein. „Wir haben es geschafft“, schrieben sie, „Gott sei Dank“. Einkünfte von mehr als 60 Millionen Euro, die Ronaldo durch Tollin gemacht hatte, blieben vom spanischen Staat unbehelligt. 63,5 Millionen Euro vor und nach Steuern.

Vielleicht endet das Glück des Cristiano Ronaldo, des von Gott geküssten, hier. Die spanischen Behörden haben nur die Steuererklärungen bis 2013 durchgenommen. Vielleicht wird nach den Enthüllungen der Football Leaks die Rolle der Tollin noch einmal hinterfragt werden. Und vielleicht wird auch die Steuererklärung des Jahres 2014 interessant, die Firmen Arnel und Adifore, und die glorreiche Idee, die Bildrechtevermarktung für 2015 bis 2020 in die letzten Tage des letzten „Lex Beckham“-Jahres 2014 zu packen. Seine Anwälte bestätigen, dass ihm Steuerfahnder auf der Spur sind.

Der Trick, die weltweiten Werbeeinnahmen für diese Jahre nicht zum spanischen Spitzensatz zu versteuern, hat ihm mindestens 30 Millionen Euro gespart. Rechnet man alle Einnahmen zusammen, geht es um fast 150 Millionen Euro, die noch zu einem richtigen Problem für Cristiano Ronaldo werden könnten.

Und für viele andere von Jorge Mendes’ Kunden.

Denn die Idee, nach der José Mourinho und Cristiano Ronaldo Steuern vermieden, haben sie nicht gerade exklusiv – wie die Football Leaks zeigen, scheint die Praxis der Offshore-Bildrechtefirmen im Spitzenfußball eher die Regel als die Ausnahme. Jorge Mendes hat noch für viele andere seiner Spieler ein eigenes kleines Sparschwein in der Karibik angelegt. Die, die Fábio Coentrão zugerechnet wird, heißt „Rodinn“, die von Ricardo Carvalho „Alda Ventures“, die von Pepe „Weltex Capital“, die von James Rodríguez „Kenalton Asset“. Sie alle folgen dem gleichen Muster, erzählen die gleiche Geschichte. Die Menge an Geld, die die berühmten Klienten von Jorge Mendes über die Jahre vor den europäischen Volkswirtschaften versteckten, scheint grenzenlos zu sein.

Sie, denen so viel zuteil wird, von ihren Fans, den Medien, von der Gesellschaft, die mehr verdienen als die ganzen Fankurven, vor denen sie spielen, versuchen alles, um der Gesellschaft möglichst wenig zurückgeben zu müssen. Vom großen Klub bis zum kleinen Spieler scheint es die Gier zu sein, die das Wirken des Fußballs fest in ihrer Hand hält.

Das EIC-Recherchenetzwerk hat alle Personen, Klubs und Agenturen, die in dieser Geschichte tragende Rollen spielten, mit den Erkenntnissen konfrontiert. Der Milliardär Peter Lim, die irischen Firmen MIM und Polaris, Ronaldos Kollegen Coentrão, Carvalho, Pepe, Rodríguez und die spanischen Steuerbehörden verweigerten jede Auskunft. Real Madrid und der FC Chelsea versicherten, sich ihrerseits bei der Auszahlung von Bildrechten immer an die Steuergesetze der jeweiligen Länder gehalten zu haben – und dass sie zu spezifischen Fällen keine Angaben machen. Am Freitagmorgen erschien eine Stellungnahme auf der Website von Mendes Beraterfirma, die festhielt, dass Cristiano Ronaldo und José Mourinho allen Steuerforderungen stehts nachgekommen sind.

Eine persönliche Antwort kam von Carlos Osorio, jenem Mann, sich dieses Konstrukt ausgedacht haben soll. Er habe nichts mit den Bildrechtefirmen der genannten Spieler zu tun, schrieb er, und weise alle Anschuldigungen zurück. Die Dokumente, aus denen die EIC zitieren, schrieb er weiter, würden aus gestohlenen Daten der Steuerberatungskanzlei Senn Ferrero stammen. Manche von ihnen seien nachträglich manipuliert worden. Auch Mitarbeiter von Senn Ferrero sprachen gegenüber den EIC von gefälschten Dokumenten.

Der Spiegel und seine Partner von den EIC haben alles getan, um die Authentizität der Football-Leaks-Dokumente zu prüfen. Kein Journalist, der in den vergangenen acht Monaten mit diesen Daten gearbeitet hat, konnte bei einer der Millionen Dateien einen Hinweis auf Manipulation oder Fälschung finden. Keines der Dokumente, die bisher aus den Football Leaks an die Öffentlichkeit kamen, wurde als Fälschung enttarnt. Weder Senn Ferrero noch Carlos Osorio wollten auf Nachfrage angeben, bei welchem Dokumenten sie eine Manipulation vermuteten.

Eine Mail in den Football Leaks dürften sie nicht gemeint haben. Es stammt von Hans Erik Ødegaard, einem ehemaligen norwegischer Fußballer, jetzt Vater eines der größten Talente des Weltfußballs, Martin Ødegaard. Kurz nachdem sein Sohn im kindlichen Alter von 16 Jahren zu Real Madrid gewechselt war, hatten ihm Anwälte geraten, eine Firma für Werbeeinnahmen des Sohnes zu gründen. Steuerschonend, wie es die Großen machten. Ødegaard antwortete schnell und klar: „Er wird sowieso viel Geld verdienen; deshalb ist es auch eine moralische Frage, wie viel Mühe er sich mit dem Versuch gibt, ein paar Steuern zu sparen, wenn andere Leute viel mehr damit zu kämpfen haben, ihre Rechnungen zu zahlen.“
Ødegaard ließ keine solche Firma gründen. Unter Millionen von Dokumenten ließ sich kein zweites solches Mail finden.


Diese Geschichte entstand aufgrund der Football-Leaks-Dokumente, die das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erhalten und an die European Investigation Collaborations weitergegeben hat.


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