Die Täter hinter der Tastatur

Selten war eine Recherche so schwierig: zu Besuch bei anonymen Postern und ihrer ganz geheimen Welt

MEDIEN | INGRID BRODNIG | aus FALTER 45/12 | 12 Kommentare   

Ob ich eine Zigarette will, fragt er als Erstes, oder vielleicht einen Kaffee. Martin Santner ist ein netter Typ, umgänglich, lustig – und seit kurzem wegen übler Nachrede verurteilt. Er hat im Affekt einen unachtsamen Kommentar veröffentlicht und wurde vom freiheitlichen Politiker Kurt Scheuch geklagt. Santner, Kellner in einem Wettcafé am Klagenfurter Stadtrand, versteht die Welt nicht mehr. Er schüttelt den Kopf. „Okay, mein Posting war vielleicht provokant, vielleicht frech“, meint der Kärntner, 50, „aber es war ganz sicher keine Drohung.“

Santner hat die Geschichte schon hundertmal erzählt: Vor Freunden, vor Journalisten, vor Gericht. Nun erzählt er sie auch mir. Am 31. Jänner 2012 schrieb er im Onlineforum der Kleinen Zeitung über Kurt Scheuch: „Klag mich (…), du Halstücherl tragender (damit der Strick, der auf dich wartet, nicht so scheuert?) Kurti.“ Der Politiker kam der Aufforderung nach.

Lesen Sie diesen Artikel in voller Länge mit Ihrem Abo-Onlinezugang:

Ihre Abonummer:   Ihr Passwort:  

Alle Artikel aus FALTER 45/12 finden Sie ab dem Erscheinungstag der Printausgabe im FALTER-Archiv!


12 Kommentare zu “Die Täter hinter der Tastatur”

E. Fried, 8. November 2012: Nun der Beitrag ist viel zu negativ. Auch wenn ich nicht beweisen kann dass die Parteien Ideen aus den Foren aufgreifen, so freue ich mich dennoch hier einiges wieder zu erkennen, was ich gepostet habe. Es ist also für Politiker einfacher geworden Ideen zu suchen. Bei den Printmedien ist alles sehr intransparent. So ist seit Jahrzehnten eine Unvereinbarkeit zwischen politischem Einfluss und Schotterabau der Fam. Fekter bekannt, jetzt kommt das erst im Profil vor. Und keiner schreibt über Ressourcen-Besteuerung.

Moritz Luftensteiner, 8. November 2012: Mit Bezug auf die Aussage des Herrn "odrr": Der Klarnamen-Zwang bei Facebook hat in Wahrheit nur zu einer Veringerung der Trollanzahl geführt; man braucht sich nur die Kommentare unter Postings von Politikern (egal, ob dies- oder jenseits des Atlantiks) ansehen. Vielen Menschen ist offenbar egal, dass sie online das abscheulich Letzte von sich unter ihrem echten Namen absondern. Im Übrigen stehe ich den Änderung beim WebStandard sehr skeptisch gegenüber. Es reicht, dass ich einen fixen Namen habe; die Ansicht meiner Posting-Historie wird nur dazu führen, dass User diese in Diskussionen ins Spiel bringen und sich auf Meldungen zu komplett anderen Themen beziehen, um einen vermeintlich zu diskreditieren.

AnimalFarm.org » Unvollständige, aber lesenswerte Recherche über Anonymität im Netz http://t.co/AGnDcLAr #anonymous, 8. November 2012: [...] aber lesenswerte Recherche über Anonymität im Netz http://www.falter.at/falter/2012/11/06/die-tater-hinter-der-tastatur/ … [...]

Porträts von anonymen Kampfpostern: ‘Täter hinter der Tastatur’, 9. November 2012: [...] der Wiener Stadtzeitung Falter, hat sich nun für einen längeren Artikel mit dem Titel “Täter hinter der Tastatur” auf die Suche nach den Menschen hinter Kommentaren in Zeitungsforen gemacht. Kein einfaches [...]

he23, 9. November 2012: Bezugnehmend auf die Aussage von Herrn Moritz Luftensteiner: "Vielen Menschen ist offenbar egal, dass sie online das abscheulich Letzte von sich unter ihrem echten Namen absondern." Ja, ist es! Wir haben es sehr gut in Österreich, aber die handelnden Akteure erweisen sich als äußerst verantwortungslos. Mit schönen edlen Worten erreicht man keine Aufmerksamkeit. Die ist allerdings mehr als nötig, um auf sehr große strukturelle und systemische Probleme hinzuweisen. Es tut mir für diesen noblen Herren ja schrecklich leid, dass er unfähig zu sein scheint, sich mit Problemen zu konfrontieren. Er dürfte eher mehr an seine schöne noble Gesinnung als an die Verantwortung für die Republik denken. Ich hoffe, dass es noch einige wenige gibt, die gesamtgesellschaftliche Verantortung übernehmen können. Stelle mich aber auf das Schlimmste für unserer aller Zukunft ein.

eze, 9. November 2012: "Es gab auch schon tolle Diskussionen im Standard zum Thema Anonymität, in denen sehr, sehr viele stichhaltige Argumente f ü r die Anonymität fielen. In Ingrid Brodnigs Artikel fehlt mir irgendwie die Auseinandersetzung mit diesen Argumenten." (eze, heute vorhin im Standard gepostet) Hallo Ingrid, ich habe mir Vor- und Zunamen nicht ausgesucht, und ich habe auch keine Lust, es der Werbeindustrie sooo leicht zu machen, meine Daten abzugreifen (der Klarnamenzwang bringt für Facebook vor allem eines: ein Riesengeschäft), ich werde von Teilen der Menschen (gerade auch von jenen, die mir sehr viel bedeuten, auch mit eze angesprochen, ich erhalte auch Post unter diesem Namen, ich habe auch schon Sachen gedruckt veröffentlicht. Im Standard hab ich u.a. auch zu sensibelsten Dingen mich "geoutet" - z.B. Krankheiten. (So lange die meine Arbeitsfähigkeit nicht beeinträchtigen, bin ich nicht verpflichtet, die z.B. einem potentiellen Arbeitgeber/in auf die Nase zu binden.) Ein solcher Name ermöglicht es außerdem, sich nicht auf das rigorose Korsett m./w. festlegen zu müssen. Ich möchte nicht von jedem/r angemailt werden können (denn ich bin so wer, der/die nach Möglichkeit auf jede persönliche Mail antwortet, und steh nicht über den Dingen - Hassmails würden mich z.B. kränken), aber wer immer es tut, hat spätestens mit der ersten Antwortmail meinen Vor- und Nachnamen. Und damit auch meine Realadresse, da ich im Telefonbuch steh. Ob das veröffentlicht wird, ist mir relativ egal - wahrscheinlich ja nicht, weil ich mich weigere meinen Klarnamen anzugeben, wenn es nicht (wie etwa bei Onlinepetitionen, wirklich zwingend erforderlich ist), aber über eine Rückmeldung in irgendeiner Form würde ich mich freuen. PS: die Argumente hier sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem, was im Standard von PosterInnen bereits längst vorgebracht wurde, es sind noch nichtmal "meine" Argumente hier vollständig angeführt. PPS: im Standard, wo ich schon seit etlichen Jahren oft mehr und zeitweise weniger intensiv mitposte, ist (freiwillig) mein ganzer je geposteter Senf aufrufbar - das sagt doch viel mehr über mich aus als irgendeine Kombination Vorname Zuname, die zudem ja leicht fakebar wäre, ganz abgesehen davon, dass ich eine/n in einem sensiblen Bereich arbeitenden Echtnamensvetter/in habe,der/die vielleicht ganz froh ist, nicht mit mir verwechselt zu werden.

zeugs am freitag « blubberfisch, 9. November 2012: [...] [text] lesenswerte gedanken von ingrid brodnig über die täter hinter der tastatur (falter.at) [...]

Hans Zwirli, 9. November 2012: die kehrseite der medaille ist doch, dass man anonym seine meinung äußern kann, ohne für bestimmte Charakterzüge getriezt zu werden, so fern man diese nicht preisgibt - z.B. dass man ein ziemlich assymetrisches gesicht hat, oder irgendeiner Minderheit angehört. Nein, stattdessen zählt jetzt nur die Meinung selbst, und sie muss ich an den vorgetragenen Fakten messen lassen.

Unverschämte Unschuld – auf der Suche nach einer Tat ohne Täter « Differentia, 10. November 2012: [...] Eine Journalistin der  Wiener Stadzeitung “Falter” hat sich auf der Suche nach Menschen gemacht, welchen nachgesagt wird, dass sie in Internetforen Kritik in Form von Hass und Beleidigungen hinterließen: “Die Täter hinter der Tastatur.” [...]

Andreas Kalss, 10. November 2012: Frau Julya R. vergaß zu erwähnen dass sie seit Monaten wieder äusserst aktiv im Standardforum ist - vermutlich versucht sie durch ihre altbekannten Provokationen neues Material für ein Neues "Werk" über Internetforen zu sammeln.

Anonymität im Netz: Cui bono? « Sprechstunde, 12. November 2012: [...] die ansonsten interessante Recherche des Falter über Netzanonymität(http://www.falter.at/falter/2012/11/06/die-tater-hinter-der-tastatur/) negiert diesen [...]

Hans Pansen, 12. November 2012: Klarnamenpflicht bringt gar nichts. Oder seit wann gibt es keine Fake-Accounts in Facebook? Solange nicht gegen offizielle Dokumente wie z.B. Ausweis geprüft wird, kann ich mir meinen gewünschten Grad an Anonymität jederzeit herstellen.

Artikel kommentieren

Bitte geben Sie Ihren vollständigen Vor- und Nachnamen, sowie eine gültige E-mail-Adresse ein. Wir behalten uns vor, Kommentare mit unvollständigen Angaben oder unangemessenem Inhalt nicht zu veröffentlichen. Die geteilten Kommentare müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen, die inhaltliche Verantwortung trägt ausschließlich der Verfasser des jeweiligen Kommentares.

(wird nicht veröffentlicht)


*

ANZEIGE