Hier bin ich nicht mehr zuhause

Nach 35 Jahren beendet Franz Kössler, einer der renommiertesten Journalisten Österreichs, seine Karriere – und zieht ein bitteres Resümee

MEDIEN | FRANZ KÖSSLER | aus FALTER 10/10   

Journalisten genießen ein immer geringeres Ansehen, sie bekommen immer schlechtere Verträge und müssen immer schneller immer mehr produzieren. Der Journalismus ist anders geworden. Einem, der wie ich vor 35 Jahren Journalist geworden ist, fällt es schwer, sich in der veränderten Landschaft noch zuhause zu fühlen. Ich komme aus der Welt der 68er und bin Journalist geworden, weil ich von der gesellschaftlichen Rolle der Information überzeugt war. Ich hatte in Frankfurt Philosophie studiert und bin nach Rom gezogen, habe ein Journalistenexamen gemacht, um in einer linken Zeitung zu arbeiten, die von kritischen Geistern gegründet worden war. Il manifesto verstand sich in der Tradition Antonio Gramscis, eines marxistischen Theoretikers, der die Zeitung als „kollektiven Intellektuellen“ beschrieb, einen Ort der Aufklärung ein Forum öffentlicher Debatte.

Die Zeitung war klein, arm, seriös und provokant. Wir waren darauf getrimmt, die professionellen Regeln des unabhängigen Journalismus genau einzuhalten, um nicht angreifbar zu werden. Das Gehalt reichte nicht zum Leben, aber wir waren gefragte Mitarbeiter anderer Medien, die ihre Journalisten gut bezahlten. Der Beruf hatte Prestige wie auch die Medien selbst. Italiens reichste Industriellenfamilie hielt sich die Tageszeitung La Stampa, zwei vermögende Damen besaßen den Corriere della Sera, Pier Paolo Pasolini war einer ihrer Kolumnisten – aufgeklärtes, liberales Bürgertum. Ich weiß nicht, wie profitabel Zeitungen damals waren, es schien keine entscheidende Rolle zu spielen. Heute aber ist die Rendite wichtiger geworden als der gesellschaftspolitische Anspruch.

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