Verglimpfung

„… dessen Haarschnitt ihm passte wie eine feine Persianermütze“ Truman Capote: „Sommerdiebe“

FALTERS ZOO | PETER IWANIEWICZ | aus FALTER 47/07   

Zeichnung: Bernd Püribauer  » zur Tier-Galerie

Auf der Suche nach einer maskulinen und den Träger nicht verunglimpfenden Kopfbedeckung für das schüttere Haupthaar von Männern im besten Alter stößt man bald auf die Persianerkappe. Während man sich im afroamerikanischen Rapper-Pimp-Lifestyle den Pelz eher um die Schultern hängt, setzt sich der islamisch geprägte Zentralasiate gerne Fell möglichst junger Lämmer auf den Kopf. Zu den traditionellen Trägern dieses aus dem Karakulschaf gefertigten kahnförmigen Mützchens zählen tadschikische Warlords und auch der afghanische Präsident Hamid Karzai. Der sich ebenfalls so bedeckende Mitteleuropäer signalisiert daher, dass er hart im Nehmen ist und Attentate, Putschversuche sowie feindliche Invasionen schon vor dem Frühstück wirkungslos an seiner schwarz gewellten Fellkappe abperlen.
Da das Fell dieser Schafe nur wenige Wochen nach der Geburt die begehrten ausgeprägten Locken aufweist, ist die „Gewinnung“ so brutal wie andere innerasiatische Lebensumstände: Die im Handel als „Bukhara Breitschwanz“ geführten Felle stammen von rund zwanzig bis dreißig Tage zu früh oder tot geborenen Lämmern. Die Frühgeburt wird durch extreme Witterungsbedingungen verursacht oder künstlich ausgelöst. Bei den hoch trächtigen Schafen kann man den Abortus dadurch einleiten, in dem man die Muttertiere in eisiges Wasser setzt, festbindet und misshandelt. Die Pelzindustrie bestreitet diese Praktiken, aber der weltweite jährliche Umsatz von circa zehn Millionen Fellen lässt sich wohl kaum auf natürliche Weise erzielen.
Da Karakulschafe an die kargen Lebensbedingungen asiatischer Steppengebiete angepasst sind und in ihrem breit dimensionierten Schwanz Nährstoffe für schlechte Zeiten speichern können, werden sie von manchen Züchtern gern als „Ökolämmer“ bezeichnet. Je nach saisonalen Wetterbedingungen und Wachstumsleistung können die Tiere flexibel für Woll-, Fleisch- oder Fellgewinnung genutzt werden. In Namibia prosperiert die Karakulzucht und die von „normal“ geborenen Schafen gewonnenen Felle werden unter der Handelsbezeichnung „Swakara“ auf den Markt gebracht. Ökopersianerkappen, quasi. Na ja, vielleicht doch lieber eine aus glücklichem Erdöl gewonnenene, blutlose Gore-Tex-Haube.


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