Eine Stadt träumt

Der einstigen Kulturhauptstadt sind ihre Künstler abhanden gekommen. Die studieren und arbeiten lieber in Wien oder Berlin, als sich in Graz durchzuschlagen. Mit der neuen Kunstakademie, die Peter Weibel für Graz konzipiert hat, soll sich das nun endlich wieder ändern.

THOMAS WOLKINGER | aus FALTER 46/07   

Joseph Beuys ,träumte einen Traum‘, ich nenne ihn die Kraft einer künstlerischen Vision, die einen Garten des Akademos pflanzt.“ Als Walter Grond mit diesem Satz vor gut elf Jahren sein Konzept für eine „Internationale Akademie Freiheitsplatz“ einleitete, träumte er einen ähnlichen Traum, wie ihn Beuys einst an der Kunstakademie Düsseldorf zu verwirklichen suchte. Walter Gronds Traum handelte von einem „Garten der freien künstlerischen Produktion“ mitten in Graz. In den Räumen der Alten Universität am Freiheitsplatz sollte eine Kunstakademie entstehen, ein Ort gemeinsamen sozialen Lernens, ein „andauerndes Fest der Produktivität“, eingebettet in die Hochschulen der Stadt. International vernetzt sollte die Akademie sein über hochkarätige Gastdozenten aus dem Ausland und das „Hotel Europa“, eine Herberge für Autoren im Cerrini-Schlössel am Schloßberg. Das „Hotel“ wurde damals Wirklichkeit, es lebt noch heute als „Internationales Haus der Autoren“ weiter (siehe S. 12), der Traum von der Kunstakademie allerdings war, obwohl vom früheren Kulturreferenten Peter Schachner-Blazicek (SPÖ) gefördert und großzügig mit Geldern bedacht, alsbald ausgeträumt: Das Forum Stadtpark, dessen Präsident Grond damals war, implodierte, und der Schriftsteller, der sich mit der Stadt vollends überworfen hatte, flüchtete in die Wachau.

Dennoch war es ein schöner Traum. Und er wird in Graz immer wieder geträumt. Seit Jahrzehnten ersehnt sich die Stadt, in der bereits vier Universitäten, eine Fachhochschule und eine Meisterschule für Kunst gedeihen, eine Akademie, eine universitäre Ausbildung im Feld der Bildenden Kunst. Eine solche gibt es hier tatsächlich nicht, und ihr Fehlen wird mitverantwortlich dafür gemacht, dass die lokale Kunstszene, einst international beachtet im Rahmen des steirischen herbst oder der Länder-Kunstbiennale Trigon, zuletzt doch merklich ausgedünnt ist. Das soll sich nun ändern. Ein von Kulturlandesrat Kurt Flecker (SPÖ) beauftragtes Sondierungskomitee, ein „Rat der Weisen“, angeführt vom Chefkurator der Neuen Galerie Peter Weibel, hat ein Jahr lang nachgedacht und jüngst ein Konzept für eine Akademie vorgelegt, das noch im Dezember von der steirischen Landesregierung abgesegnet und danach an den zuständigen Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) übermittelt werden soll. Wenn alles gut geht, könnten die Verhandlungen mit dem Bund bereits nächstes Jahr abgeschlossen sein. Aber: Wird es gut gehen? Braucht Graz tatsächlich eine fünfte Hochschule? Und wie muss sie aussehen, um eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Kunsthochschulen in Wien, Linz und Salzburg abzugeben?

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