Im Namen der Ehre

Noch immer fahren junge türkische und albanische Migranten im Sommer in ihre Heimat – und kehren zwangsverheiratet zurück. Manche kommen nie wieder.

POLITIK | GERLINDE PÖLSLER | aus FALTER 37/07   

„Wenn du ein Mann bist, dann antwortest du. Bring meine Schwester zurück! Wenn wir dich finden, bringen wir dich um.“ Diese SMS-Mitteilung sandte der Bruder der jungen Türkin Duygu* an deren Freund Murat*. Duygu sollte demnächst heiraten – nur eben nicht ihren Freund. Ihre Familie brachte sie in die Türkei, wo sie wochenlang rund um die Uhr „be- und überwacht“ wurde, wie es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft heißt, bevor die Verwandten sie nötigten, ihren Cousin Halil* zu heiraten. Zurück in Österreich wurde für Duygu alles noch viel schlimmer: Nun wurde sie von allen Seiten bedroht. Von Murat, den sie für ihren Freund gehalten hatte, erhielt sie eine E-Mail, in der über dem Bild einer Pistole stand: „Das Leben von Ehrlosen dauert nicht lange.“ Ihre eigene Mutter ließ Duygu wissen, sie könne sich in Österreich ein Grab schaufeln, sollte sie Murat weiterhin sehen. Und der Ehemann, Halil, der sich mittlerweile auch in Graz aufhielt, stellte Murat per Mail in Aussicht: „Ich bin hierhergekommen, um dich umzubringen. Ich werde Graz in Brand setzen und dich werde ich auch verbrennen lassen.“ „Ein Fall von Sexismus“, urteilte Staatsanwalt Hannes Winklhofer. Die Eltern wurden wegen Nötigung zur Eheschließung verurteilt, außerdem setzte es Strafen wegen Nötigung und gefährlicher Drohung. Der Prozess fand diesen Sommer in Graz statt.

Arrangierte Heiraten sind unter Grazer Migranten besonders stark verbreitet: Mehr als die Hälfte der hier lebenden türkischen Jugendlichen ist betroffen, insbesondere Mädchen. Ein Teil von ihnen wird regelrecht in die Ehe gezwungen – durch Einsperren, Drohungen, Schläge und Vergewaltigungen. Betroffen sind aber auch Jugendliche aus dem Kosovo, Bosnien, Albanien, Tschetschenien und Ägypten. Hochsaison ist jedes Jahr in den Sommerferien, wenn die jungen Migranten in ihre Heimat fahren: Auch dieser Tage kehren viele nach Graz zurück, verheiratet mit einem Fremden. Andere werden in ihrem Heimatland festgehalten. Und eben müssen wieder teils minderjährige Türkinnen und Albanerinnen, die kein Wort Deutsch sprechen, ihren neuen Gatten nach Graz folgen.

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