Der Fürst und die Spinner

Ostblock? Das war vorgestern. Wie leben und denken unsere Nachbarn heute? Der „Falter“ besucht in diesem Sommer osteuropäische Intellektuelle in ihrer Heimat. Diese Woche: ein Nachmittag im Prager Café mit Tschechiens Außenminister Karl Schwarzenberg.

POLITIK | BARBARA TÓTH | aus FALTER 32/07   

Karl Schwarzenberg hat Hunger. Der tschechische Außenminister kommt die Národní trida entlang, Prags Äquivalent zur Wiener Kärntner Straße. Die Stadt ist voll von Touristen, wie fast zu jeder Jahreszeit, die wenigen, düsteren, feuchten Tage nach Silvester ausgenommen. Mit seinem schlendernden Gang, dem fein karierten Sakko, dem hellblauen Hemd und der altmodischen Fliege wirkt er wie ein Reisender aus einer anderen Zeit. Wie einer, den es durch einen seltsamen Zufall in die Gegenwart verschlagen hat. Er fällt auf. Ein Pärchen auf einem Motorroller fährt vorbei, beide drehen sich nach ihm um. Für den Bruchteil einer Sekunde schaut es so aus, als würde Schwarzenberg jetzt gleich Auslöser für die dümmste Art von Unfall: verursacht durch Schaulust. Im letzten Moment reißt der junge Mann den Lenker wieder herum. “Verzeihen Sie, ich hatte heute noch kein Mittagessen”, sagt er, “nur Termine.” Dort, wo die Národní auf die Moldau trifft, gleich gegenüber vom Nationaltheater, liegt das Café Slavia. Es ist von den vielen schönen Prager Kaffeehäusern das ungewöhnlichste, weil ihm gänzlich die Wiener Plüschseligkeit, aber auch die kapriziöse Ornamentik des tschechischen Jugendstils fehlt. Stattdessen betritt man die Moldauer Interpretation eines amerikanischen Diners aus den Dreißiger- jahren: gebogene Neonröhren, dunkles Holz, Marmorplatten, Chrom. Schwarzenberg wählt einen Tisch im Mittelgang. Sobald die Kellner ihren prominenten Besucher erblicken, machen sie

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