Disziplin und Exzess

Extremperformer, Klangterroristen, Wertezerstörer und Popinnovatoren: Um kaum eine Band der jüngeren Musikgeschichte ranken sich so viele Mythen wie um Throbbing Gristle. Mit ihrem ersten neuen Album seit 26 Jahren gastieren die Briten beim Donaufestival in Krems.

GERHARD STÖGER | aus FALTER 16/07   

Siebenhundertfünfundachtzig. Exakt 785 Stück haben Throbbing Gristle (kurz: TG) 1977 von ihrer Debüt-LP „Second Annual Report“ pressen lassen. Hinter dieser Auflage steckte aber kein kunstsinniges Exklusivitätskonzept; mehr als diese 785 Exemplare waren mit dem mühsam zusammengekratzten Budget zum Zeitpunkt der Produktion schlichtweg nicht finanzierbar. Und selbst diese wenigen, auf dem bandeigenen Independent-Plattenlabel Industrial Records herausgebrachten Kopien haben sich anfangs nur sehr schleppend verkauft. Rückblickend wirkt das einigermaßen grotesk, sollte das Werk von TG in der Folge doch unzählige Künstler inspirieren. Die bekanntesten von ihnen tragen Namen wie Nine Inch Nails, Marilyn Manson oder Die Einstürzenden Neubauten. Die Pioniere der sogenannten Industrial-Musik waren enorm einflussreich, kommerziell aber eher erfolglos. Dieses Schicksal verbindet TG mit jener amerikanischen Band, mit der sie aufgrund ihrer visionären Konzepte und ihres radikalen Zugangs zur Musik gerne verglichen wurden: The Velvet Underground. Heute muss der Sammler zwischen 200 und 300 Euro für die Originalpressung von „Second Annual Report“ berappen, und das ist bei weitem nicht die imposanteste Zahl im Zusammenhang mit Throbbing Gristle: Google zeigt 899.000 TG-Treffer an, was vor allem im Vergleich zu den kommerziell erfolgreichsten Acts des Jahres 1977 interessant ist. Für Boney M., die Kommerzpopsuperstars der späten Siebzigerjahre, listet die Internetsuchmaschine etwa „nur“ 1.

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