Vor der Midlifecrisis

Das Grazer Theater im Bahnhof will nicht in Würde altern. Also macht es Tapetenwechsel und denkt über seine Zukunft nach. Eine Soap in vier Akten.

HERMANN GÖTZ | aus FALTER 04/06   

Ein Platzhirsch verlässt den Platz: Das Theater im Bahnhof zieht am Lendplatz aus und wird keine feste Spielstätte mehr haben. Das erfolgreiche Ensemble hat sich selbst eine Zäsur verordnet. Während das TiB also im Rangierbahnhof parkt, kann Resümee gezogen werden. Über das Geheimnis eines Erfolgs und die Gründe des Auszugs.

Akt 1: Die schlimmste Vorstellung

„Das Schlimmste wäre irgendwie die Vorstellung, einmal ,25 Jahre Theater im Bahnhof am Lendplatz‘ zu feiern“, sagt Monika Klengel, stellvertretende Geschäftsführerin des Theater im Bahnhof. Der Falter blickt in eine solche Zukunft:
Wir schreiben das Jahr 2020. Die Gegend östlich vom Grazer Bahnhof ist nicht mehr „aufstrebend“ oder „vielversprechend“, sondern längst etabliert. Der Lendplatz hat sich, seit vor 15 Jahren das in Pipa- Farben beworbene Hotel Mercure als Vorpote postästhetischer Eindeutigkeit gewachsen ist, ganz in eine schöne neue Architektur mit Frank-Stronach-Chic gekleidet. Ganz? Nein! Ein kleines Häufchen unbeugsamer Künstlernaturen hält einen Hinterhof besetzt, der noch immer von der bunten Vergangenheit des Arbeiterbezirkes erzählt. Und das Leben ist nicht leicht für die Mitglieder des legendären Theater im Bahnhof, die hier seit nunmehr einem Vierteljahrhundert Theater leben. Was sie auch anlässlich ihrer Jubiläumspressekonferenz wieder einmal betonen.
Die Zeiten hätten sich eben geändert, so der künstlerische Leiter des Ensembles, ein nicht mehr ganz junger Mann, dem eine zunehmende Ähnlichkeit mit Gert Steinbäcker von STS nicht abzusprechen ist, mit etwas frustriertem Unterton in der Stimme. Seine Jubiläumsrede fällt erwartungsgemäß launig aus, der Vortragsmodus changiert zwischen Wehmut und Wehleidigkeit. Graz sei eben schon lange nicht mehr Kulturhauptstadt gewesen. Beim letzten Mal allerdings, anno 2003, da seien sie ganz vorne mit dabei gewesen, als Haupt-Act bei der Eröffnung und eigentlich maßgeblich verantwortlich für den Erfolg. „Maßgeblich“ scheint an diesem Vormittag überhaupt ein beliebtes Wort zu sein, maßgeblich sei das Theater im Bahnhof am Durchbruch Elfriede Jelineks in Österreich beteiligt, weil es anno 2005 gleich nach ihrer Nobelpreisverleihung das bis dahin österreichweit verbotene Skandalstück „Burgtheater“ auf die Bühne des Heimatsaales bringen durfte („eine Ehre!“), maßgeblich sei das TiB dafür verantwortlich gewesen, dass Wolfgang Bauer kurz vor seinem Tod zumindest beim steirischen herbst eine letzte Ehre gegeben wurde, und maßgeblich sei überhaupt sein Verdienst für den steirischen herbst gewesen, als dieser, so der Leiter des TiB, noch wirklich ein Festival für neue avancierte Kunst gewesen sei. „Maßgeblich!“, unterbricht der Vorstandsvorsitzende des Theaters seinen künstlerischen Leiter (leicht genervt, weil dieser sich nicht bremsen lässt), nein, viel eher „Maß gebend“ sei man auch für den Nachwuchs in dieser Stadt gewesen, und für die freie Szene überhaupt … Ja, übernimmt der künstlerische Leiter mit einem Anflug von Stolz wieder das Wort, man habe schon ein bisserl was bewegt in dieser Stadt. – Nur eben sich selber nicht.

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