Mohnnudeln

Süß und herb, licht und dunkel, oben und unten, Mohn und Erdäpfel mischen sich zu einer heimischen Speise süchtigmachender Kontraste

THURNHER AUF REZEPT / SÜSSES   

Foto: Irena Rosc

Die gemeine Schupfnudel wird ja von der geneigten Leserschaft nicht gerade als Inbegriff von Eleganz betrachtet. Das ist ungerecht, denn im Unterschied zur Normnudel aus mechanischer Produktion lässt das Wuzeln mit der Hand Gestaltungsspielraum für freche Spitzen und schwungvoll gerundete Nudelmitten, für zigarrenartigen Elan oder fischartige Dynamik der Form. Andererseits sind Erdäpfel keine besonders eleganten Feldfrüchte. Umso eleganter der Mohn, eleganter geht’s gar nicht. In der Dichtung taucht er auf, wenn es sehr hoch, wehmütig und schön wird. „Besonders lange / auf Mohn verweilen, / dem unvergesslichen, / weil er den Sommer trug …“ Gottfried Benn at his best, vor allem das „trug“: Was kann eine Mohnblume denn schon tragen, sagt uns der Dichter. Nur die gewichtlose Idee von einem Sommer trägt sie; und trügt uns so mit ihrer fragilen Schönheit.

Es trägt der Mohn aber nicht nur den Sommer, sondern auch – sofern es sich nicht um Klatschmohn, sondern um Graumohn handelt – die Mohnkapsel. Ihr wird manches entnommen, was dem Bösen in der Welt dient, bei uns jedoch nur der graue Samen, der, mit Zucker und Butter vermischt, manche böhmische Mehlspeise krönt. „Mohn und Gedächtnis“ nannte Paul Celan seinen berühmten Gedichtband. „Mohn und Kartoffeln“ wäre nicht gegangen, macht sich auf dem Teller dafür umso besser. Ein trivialer, aber spannender Gegensatz: auf dem Feld Oberwelt und Unterwelt, auf dem Teller Nudel und Geschmacksträger. Es gibt eben Eleganz nur dort, wo es Kontraste gibt. Aber lasst uns die Mohnnudeln nicht überinterpretieren. Sonst werden sie noch kalt!


Rezept
für 4 Personen

Zutaten
1⁄2 kg mehlige Erdäpfel (gut gelagerte, keine frischen!)
120 g griffiges Mehl
2 Eidotter, 1 Prise Salz
100 g geriebener Graumohn
50 g Zucker, 50 g Butter
Zucker zum Bestreuen

Zubereitung
Erdäpfel schälen, vierteln, in Salzwasser nicht zu weich kochen. Abseihen, etwas ausdampfen lassen, durch Kartoffelpresse pressen, erkalten lassen. Mit Mehl, Dottern und einer Prise Salz zu einem Teig verkneten. Zu Würsten von ca. 2 Zentimeter Durchmesser rollen, in kleine Abschnitte teilen, diese wuzeln und mit Mehl stauben. Rasch in siedendem (nicht kochendem!) Wasser gar ziehen lassen. Herausheben, abtropfen lassen, in Butter schwenken. Mit Mohn und Zucker bestreuen.