Die Auszeit-Uni

In Dänemark lernen junge Menschen in sogenannten Folkehøjskolen Programmieren, Töpfern oder Filmen. Ohne Examen, mit viel Spaß. Man wohnt, isst, lernt und feiert zusammen.

Eigentlich wollte Lena Baur (22) einfach nur weg. Eine Filmschule, die ungefähr ein Jahr dauert, ohne Aufnahmeprüfung, das waren die Kriterien, die sie nach der Matura in die Google-Suchmaske tippte. Ein paar Monate später stand sie das erste Mal am Campus des European Film College in der kleinen dänischen Stadt Ebeltoft. Dort würde sie die nächsten achteinhalb Monate gemeinsam mit rund 100 anderen Studierenden an dieser Folkehøjskole lernen, filmen und leben.

Das European Film College steht mitten in der dänischen Pampa. Wenige Minuten von der Folkehøjskole entfernt beginnt der kilometerlange Sandstrand. Ebeltoft, das putzige, kleine Städtchen nebenan, ist beliebt bei Touristen und alten Leuten. Das European Film College ist groß, hell und modern – sogar ein Kino gibt es in dem weißen Gebäudekomplex. Rund hundert junge Leute wirbeln von dort aus jedes Jahr die ruhige Umgebung auf. Sie lernen an der Folkehøjskole, wie man Filmsets baut, Kameraeinstellungen macht und vor allem auch, wie man miteinander lebt und arbeitet. „Es ist ein ganz anderes System als bei uns”, erzählt Lena. „Du lernst ohne Druck von außen, du lernst, weil es dir Spaß macht.“ Am Film-College konnte sie ausprobieren, ob ihr das Filmemachen überhaupt liegt, ohne Notendruck, mit vielen Freiheiten. Kleine Klassen von höchstens 15 Studierenden garantieren ein gutes Betreuungsverhältnis. Lehrer, die gemeinsam mit den Studis am Campus leben und eigentlich gar keine Lehrer sind, auch. Mit unseren „Volkshochschulen“ hat das nur den Namen gemeinsam.

Lernen, nur zum Spaß

Und das Ganze hat System. Das European Film College ist eine von rund achtzig Folkehøjskolen in Dänemark. Die Philosophie dahinter hat nichts mit dem zu tun, was man sich unter „Schule“ generell vorstellt. Hier sollen junge Menschen für ein paar Monate einfach einmal ausprobieren, was ihnen Spaß macht. Das Kursangebot ist riesig, von Fotografie über Mathematik bis hin zu Meditation kann man beinahe alles lernen. Was zählt, sind Spaß und Motivation. Wenn man geht, bekommt man zwar ein Zertifikat in die Hand gedrückt, einen Titel gibt es aber nicht.

Für viele junge Dänen ist eine Auszeit an der Folkehøjskole ganz selbstverständlich. Einige kommen wie Lena direkt von der Schule und wollen erst einmal herausfinden, worin sie gut sind, bevor sie sich für ein Studium entscheiden. Wieder andere haben nach ihrem Studium das Gefühl, zu wenig für sich selbst gelernt zu haben, und wollen das nachholen. Im Gegensatz zu Österreich gilt in Dänemark ein möglichst schneller Abschluss nicht als erstrebenswert.

Helga Kolby Kristiansen (63), Direktorin der Silkeborg Højskole und Obfrau des Hochschulverbands, macht dem außergewöhnlichen Bildungssystem gleich zu Beginn unseres Gesprächs eine Liebeserklärung: „Das ist mein Leben!“ Sie hatte einst Religionswissenschaften und Deutsch an einer herkömmlichen Uni studiert, den kreativen Zugang zu Bildung genießt sie nun aber schon seit 25 Jahren an „ihrer“ Folkehøjskole. Sie schätzt nicht nur den freien Unterricht: „Ich lebe hier mit meiner Familie und mag einfach den gemeinsamen Alltag hier sehr gerne.“

Frühstücken mit dem Lehrer

So etwa hat es sich vermutlich auch der Gründungsvater der Folkehøjskolen vorgestellt. Schon in den 1830ern brach Nikolaj Frederik Severin Grundtvig mit konservativen Studientraditionen. Die universitäre Elite bezog ihr Wissen nur aus Büchern, Grundtvig wollte Bildung für alle Gesellschaftsschichten. Nur so könnten die Dänen zur Demokratie finden, war er überzeugt. Im Zentrum standen deshalb schon damals nicht nur die Studienfächer, sondern vor allem das Erleben von sozialen Beziehungen.

„Du lernst ohne Druck von aussen, du lernst, weil es dir spass macht.“

Lena Baur (22) übte sich acht Monate lang an einer Folkehøjskole im Filmemachen. Dazu gehörten Vorlesungen am Strand genauso wie vollgestopfte Terminkalender.

„Wir können die Schule jeden Tag ändern, wenn wir glauben, dass das wichtig ist.“

Helga Kolby Kristiansen (63) lebt an der Silkeborg Højskole, wo sie auch Direktorin ist. Sie schätzt die Flexibilität der Folkehøjskolen.

Auch heute ist das Zusammenleben von Schülern verschiedener Herkunft mit ihren Lehrern fixer Bestandteil der Folkehøjskolen. Lena teilte sich in ihrer Zeit in Dänemark ein 15 m2 großes Zimmer mit einer anderen Schülerin. Aufgaben wie Frühstücksdienst oder Putzdienst gehörten ganz selbstverständlich zum Alltag am European Film College. „Soziale Verantwortung wird sehr groß geschrieben“, erzählt sie. Die Schüler lernen an den Folkehøjskolen ganz unterschiedliche Dinge: Jene, die das erste Mal von zu Hause ausgezogen sind, Selbstständigkeit. Jene, die nur für sich selbst verantwortlich waren, das Zusammenarbeiten im Team.

Eigentlich können die Schüler gar nicht anders. An einer Folkehøjskole studieren hundert junge Menschen, die einander nicht ausgesucht haben. Sie leben zum Teil im gleichen Zimmer und müssen miteinander auskommen. Wollen, dass es funktioniert. Auch die herkömmlichen Schüler-Lehrer-Beziehungen gibt es an Folkehøjskolen kaum. Schließlich sieht man die Lehrer auch nach dem Ende des Schultages. „Oft wird eine Diskussion aus dem Unterricht beim Abendessen fortgesetzt oder Themen vom Frühstückstisch werden auf einmal im Unterricht behandelt“, erzählt Kristiansen.

Vorlesungen am Strand

„Volksnah“ wie die Schulen sind, geht es im Unterricht sehr praktisch zu. Theorien werden nur dort gewälzt, wo sie wirklich notwendig sind. Hauptsächlich geht es ums Erleben und Ausprobieren. Hin und wieder hatte Lena deshalb auch am Strand Unterricht. Alle Lehrer kommen aus der Praxis, aus unterschiedlichen Gebieten. „Es war sehr lustig, weil die alle unterschiedlich unterrichten“, sagt Lena. Sie hat den Unterricht an der Folkehøjskol als sehr flexibel und frei erlebt: „Wenn wir etwas Bestimmtes machen wollten, konnten wir das immer mit unserem Lehrer absprechen.“

Diese Freiheiten schätzen nicht nur die Schüler und Schülerinnen. Auch Helga Kolby Kristiansen sieht darin einen Vorteil der Folkehøjskolen gegenüber dem formalen Schul- und Studiersystem: „Wir sind eine freie Schule. Wir müssen unsere Schüler nicht mit Noten und Prüfungen quälen, wir machen unsere eigenen Lehrpläne. Wir können die Schule jeden Tag ändern, wenn wir glauben, dass das wichtig ist.“

Bei all dem Gerede von Freiheit könnte der Eindruck entstehen, die Zeit an der Folkehøjskole gleiche einem Urlaub. Keine Noten? Keine Prüfungen? Ab an den Strand! Ganz so sei es dann doch nicht, ernüchtert Kristiansen: „Es ist eine Pause vom herkömmlichen Schul- und Studieralltag. Aber es ist natürlich keine Zeit, wo man nichts tut.“ Viele Studierende seien anfangs überrascht, wie viel sie zu tun haben.

Der meiste Druck komme aber von innen, ist Kristiansen überzeugt: „Die Schüler sind getrieben von ihrem eigenen Enthusiasmus.“ Lena ging es genauso. Der viele Stress sei eigentlich daher gekommen, dass sie gerne so viel machen wollte. In dreiwöchigen Blöcken lernte sie in Kleingruppen verschiedene Techniken des Filmemachens, dazwischen drehte sie mit ihren Kollegen und Freunden kurze Filme. Der Tag war bis in den Abend verplant: Vormittags Kurse, nachmittags Yoga, nochmal Kurse, abends organisierte Lena gemeinsame Kinoabende, ging zu Vorträgen. „Alle haben das mitgemacht und man trägt sich so gegenseitig“, sagt Lena.



Das European Film College in Ebeltoft liegt in der dänischen Pampa. Hier lernt man das Filmemachen.

Eine Utopie auf Zeit

Stimmt schon, die Folkehøjskole als kreativer Fels in der Brandung klingt ein bisschen wie eine Utopie. Den meisten Studierenden fällt es daher sehr schwer, diese wilde Mischung aus Riesen-WG, Kreativspielplatz und Denkstimulator aufzugeben. Denn so schön die Folkehøjskole ist, nach spätestens einem Jahr ist der Kurs vorbei, der große neue Freundeskreis verstreut sich. Man wird daran erinnert, dass auch in Dänemark die Uni nach einem herkömmlichen Notensystem funktioniert. Helga Kristiansen zieht es zwar vor, Direktorin einer Folkehøjskole zu sein, trotzdem findet sie beide Systeme wichtig: „Die informellen Folkehøjskolen sind eine Alternative und Ergänzung zum formellen Bildungssystem.“

Außerdem hat diese freie Bildung einen hohen Preis. Lena musste rund 10.000 Euro für ihre Zeit in Ebeltoft zahlen. Das ist allerdings für dänische Verhälnisse nicht so viel – schließlich sind Essen und Wohnen inkludiert. Staatliche Unis verlangen jedoch gar keine Studiengebühren und nur hier bekommt man einen offiziellen Abschluss. Immerhin sorgt das dafür, dass die Dropout-Quoten an den Volkshochschulen niedrig sind. Wer will schon so viel Geld in den Sand setzen?

Lena studiert mittlerweile wieder in Österreich – am Filmcollege Wien. Fast alle, die mit ihr in Dänemark waren, machen heute etwas mit Film, erzählt sie. Und, ja, es sei schwer gewesen für sie, zurückzukommen. In Dänemark war sie ständig von Leuten umgeben, die die gleichen Interessen hatten. In Österreich sei das nicht so. Irgendwie sei es aber auch gut so, ohne die vollen Tage, ohne den Stress, sagt Lena. Denn die grundlegende Idee der Folkehøjskolen lässt sich überall leben. Lena will sich nicht mehr an den Erwartungen und Anforderungen Dritter orientieren: „Was mir Spaß macht, kann nur ich selber entscheiden.”

Foto: privat / Nicolai Lok


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