Wales’ wilde Wege

Unterwegs auf 1.400 km Küstenwanderweg lernt man das Land von seiner ursprünglichsten, rauesten und gleichzeitig romantischsten Seite kennen

von Karin Wasner | aus COMPLETE 3/18   

Foto: Karin Wasner

„Pass auf, da geht’s runter!“ Die Warnung höre ich kaum mehr. Weit unter mir kreisen Tausende Seevögel zwischen den Klippen, ihr Geschrei und das dumpfe Dröhnen der Brandung übertönen beinahe jedes Geräusch. Vor mir liegt nur noch der Ozean, als endlos scheinender glitzernder Teppich. Das kleine Land Wales hat 2012 den längsten Küstenwanderweg der Welt eröffnet. Die 1.400 km des Wales Coast Path führen von Chepstow ganz im Süden bis nach Queensferry im Norden. Er ist der längste zusammenhängende Wanderweg entlang einer Landesküste. Und unterwegs hat man eines fast immer im Blick: das Meer, die Irische See.

Tim ist mein Wegbegleiter für diesen Tag. Der Biologiestudent aus Bangor saß mir im Bed & Breakfast im kleinen Städtchen Rhosneigr auf der Insel Anglesey gegenüber. Wir hatten dasselbe Ziel: Holyhead. Auf unserem Weg wechseln sich felsige Steilküsten mit goldenen Sandstränden ab. Mal paddeln Surfer in Neoprenanzügen durch die Wellen unter uns, mal patschen Kinder auf Schatzsuche durch das seichte Wasser der Bucht, die wir überqueren. In einem verschlafenen Fischerdorf laden Männer in wasserfesten Overalls Muscheln aus verblichenen Booten. Der Duft von Salz und Algen liegt in der Luft. Dazwischen streifen wir durch Dünen oder kniehohes Gras, oft unter dem kritischen Blick weißwolliger Schafmütter und ihrer Lämmer.

Am South Stack Lighthouse, unserem Ziel am äußersten Zipfel der Insel im Norden von Wales, zeigt mir mein Begleiter Tordalken und Trottellummen. Von beiden habe ich nie zuvor gehört, doch Ornithologen aus der ganzen Welt kommen, um sie zu beobachten.

Nicht wegen der beeindruckenden Natur, sondern um zu arbeiten, kam Chris Thorne aus seiner Heimat Schottland nach Nordwales. Die Landschaft aber war es, die ihn bleiben ließ. Als Air-Force-Soldat war Chris als Bergretter im Nationalpark Snowdonia stationiert – und sofort in die Gegend verliebt. Die Waliser nennen die für ihre spektakulären Bergketten berühmte Region „Eryri“: Adlerhorst. „Morgens gehst du klettern, nachmittags kajaken und am Abend sitzt du mit einem Bier mit Freunden am Strand.“ Seine Augen leuchten vor Begeisterung, während er sich in seinen Neoprenanzug zwängt. „Hier kannst du alles machen: bergsteigen, segeln, tauchen!“ In seiner Agentur vermittelt er Abenteuer. „Coasteering“ nennt sich das Klettern über Felsen, Springen in Wasserlöcher und Erkunden von Höhlen entlang der walisischen Küste. „One, two, three, jump!“ Zwölf andere Möchtegern-Adrenalisten zählen mich ein. Als ich endlich im sechzehn Grad kalten Wasser strample, sehe ich über mir auf den Klippen die Wanderer und sehne mich wieder nach festem Boden unter den Füßen.

In schottisch-walisischem Dialekt erzählt Chris von Walen, Delfinen und Meeresschildkröten. Und einem Seehund, mit dem er in einer Höhle festsaß. Inzwischen ist er Vater von zwei kleinen Töchtern. In der Schule werden sie auf Walisisch unterrichtet, eine der ältesten gesprochenen Sprachen Europas. Walisisch oder Kymrisch gehört zu den keltischen Sprachen und ist nach langem Kampf um ihren Erhalt heute wieder eine identitätsstiftende Kraft. Sympathisch ist er, der Nationalstolz der Waliser. Von Radikalität oder Aggressivität ist hier nichts zu spüren. „Aber sag ja niemals Engländer zu einem Waliser!“ Alle Straßenschilder, Karten und Folder, jedes Dokument oder offizielle Schreiben ist zweisprachig. Etwa 700.000 Waliser sprechen Kymrisch, hier im Norden ist es für 80 % der Bevölkerung die Muttersprache. Unaussprechlich sind die Ortsnamen auf meinem weiteren Weg: LLarnhuddlad, LLanwenllwyfo. Große Freude kommt auf, als ich versuche, auf Kymrisch ein Bier zu bestellen. „Os gwelch chi’n dda“. Und das ist nur „Bitte“. Am „Cwrw“ scheitere ich endgültig, aber der Kellner hat ein gutes Herz. Der Radiosender im Pub sendet für meine Ohren klingonisch oder für Tolkiens Elben, der Burger schmeckt hingegen wunderbar irdisch.

Kulturen hat Wales schon viele kommen und gehen sehen. Kelten, Römer, Wikinger, sie alle hinterließen ihre Spuren. Aber kein Volk so eindrückliche wie die Normannen. Im 13. Jahrhundert unterwarf König Edward I. die Waliser und verwirklichte das ambitionierteste Burgenbauprogramm des Mittelalters, den „Steinerner Ring“. Siebzehn Burgen rund um die Region Snowdonia, von denen er acht neu errichten ließ, sollten den Widerstand der Waliser für immer brechen. Carnerfon, Conwy, Harlech, Beaumaris, jede der vier Königsburgen beanspruchte mehrere Jahresetats Englands und beschäftigte um die 1.000 Arbeiter. Steinerne Festungen der Unterdrückung, weithin sichtbar, inspiriert von einer neuen Philosophie: Ihr Anblick sollte abschrecken, jeden Aufstand von vornherein sinnlos erscheinen lassen, die Waliser für alle Zeit entmutigen. Ein Ring, sie zu knechten.

Heute sind die ehemaligen Zwingburgen viel besuchte Attraktionen. In einem Land nur etwas größer als Niederösterreich zählt man 641 Burgen. Mal sind sie klein, verfallen und vom Grün der Jahre überwuchert, dann haben sie die Dimensionen einer Stadt und werden umspannt von einem Baugerüst groß wie der Stephansdom.

Auf Llyen treffe ich Simon Logan, Spezialist für Wanderreisen. Er kennt die Pfade seit Jahren, die ich eben erst entdecke. Mit seinem Kollegen Peter Hewlett hat er geholfen, den Wales Coast Path zu entwickeln, Wege zu markieren und zusammenzuführen. „Gehen ist Meditation in Bewegung. Dein Kopf wird Schritt für Schritt leerer.“ Die Halbinsel Lleyn, auf der wir gemeinsam unterwegs sind, blickt auf eine lange Geschichte des Gehens zurück. Jahrhundertealte Pilgerwege führen durch eine der am dünnsten besiedelten Gegenden Europas. Alle in eine Richtung: Bardsey Island. Mehr als zwanzigtausend Heilige sollen dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Am Strand des kleinen Fischerortes Aberdaron steht eine Steinkirche aus dem 12. Jahrhundert. Einst die letzte Station auf der Pilgerstrecke nach Bardsey, baumelt jetzt auch schon mal ein nasser Bikini am eisernen Zaun. „Der Papst stellte im Mittelalter drei Reisen zu dem winzigen Eiland zwei Meilen vor der Küste mit einer Pilgerreise nach Rom gleich.“ Daraufhin wagten Scharen von Pilgern die gefährliche Überfahrt und hofften dadurch auf einen verkürzten Aufenthalt im Fegefeuer.

Die Angst vor der Hölle ist nicht der Grund, warum Simon hier so gerne unterwegs ist. „Die Weite des Horizonts auf der einen und die abwechslungsreiche Landschaft auf der anderen Seite!“, weiß er genau, was den Zauber des Küstenwanderns ausmacht.

Wales feiert 2018 das „Jahr des Meeres“. Ebbe, Flut. Immer wieder Tafeln, an denen man den „Tidenhub“ für den Tag ablesen kann. Hier sind die Gezeiten wichtiger als der Wetterbericht. Wann kommt das Wasser, wann geht es wieder? Gibt es unseren Pfad noch, wenn wir zurückgehen wollen? Können die Boote starten oder liegen sie wie vergessen im Sand? Wer an der walisischen Küste lebt, hat eine Gezeiten-App.

Warum sind wir so gern am Meer? Es zieht uns magisch an. Nirgendwo spürt man die Kraft der Natur wie am Rand eines Ozeans, das Meer als riesige Projektionsfläche für Gefühle und Wünsche. Und wieder stehe ich am Rande der Welt und starre auf die Wellen. Für C. G. Jung steht das Meer in Träumen und Fantasien für das Unbewusste. Kreischend kreisen Möwen über mir, aber meine Gedanken kommen mit jeder Welle, die brandet, mehr zur Ruhe.