„Der Rausch, nach dem ich süchtig war“

Philipp Hochmair kennt keine halben Sachen. Der österreichische Schauspieler gibt in der Serie „Vorstadtweiber“ den schmierigen Minister Schnitzler und hat dafür sein Fest-Engagement am Thalia Theater in Hamburg aufgegeben. Seitdem konzentriert sich der „Popstar des Theaters“ verstärkt auf Film und Fernsehen. Im rätselhaften Film „Tiere“ spielt er nun die männliche Hauptrolle. Während des Interviews schließt er oft seine Augen, wenn er antwortet. Er bereitet sich auf seine neue Fernsehrolle vor: einen blinden Kommissar.

von Sara Schausberger | aus COMPLETE 4/17   

Foto: Ela Anger

COMPLETE MAGAZIN: — Herr Hochmair, im Film „Tiere“ spielen Sie einen Koch. Kochen Sie auch privat gerne?

Philipp Hochmair: Ich koche wahnsinnig gerne, zentral ist im Film aber nicht, dass Nick Koch ist. Vielmehr ist er der kochende Betrüger, der kochende Gambler, der kochende Suchende, der in starkem Kontrast zu seiner Freundin Anna steht, der intellektuellen Künstlerin.

— War Ihnen sofort klar, dass Sie Nick spielen wollen, als Sie das Drehbuch gelesen haben?

Spielen will ich erst mal grundsätzlich alles. Und dann ist dieses Drehbuch so gut geschrieben, dass es nur richtig sein konnte, das Angebot anzunehmen. Die Unfähigkeit der Figuren, zu kommunizieren, und ihre Schwierigkeit, eine Beziehung zu führen, haben mich sehr interessiert.

— Der Film erzählt eine rätselhafte Geschichte. Man weiß nicht, wessen Wahrheit erzählt wird. Haben Sie versucht das Rätsel für sich zu lösen?

Dieses Drehbuch wirft natürlich einige große Fragen auf. Ich habe dennoch erst einmal alles auf mich zukommen lassen. Das war auch der richtige Weg, weil es im Film viel um Unterbewusstes geht. Im Wissen um den Autor Jörg Kalt, der sich das Leben genommen hat, und seine vorherigen Filme kann man die Verzweiflung, die den Film umgibt, gut verstehen. „Tiere“ entzieht sich auch jeder Kategorisierung. Es ist ein Liebesfilm, eine Komödie, ein Drama, ein Horrorfilm. Das ist das Tolle daran.

— Das Pärchen im Film zieht sich in die Schweizer Alpen zurück. Haben Sie auch manchmal das Bedürfnis nach totalem Rückzug?

Absolut. Und es ist auch sehr nachvollziehbar, dass ein Paar in der Krise sagt, es nimmt sich eine gemeinsame Auszeit und mietet dazu ein Ferienhaus. Aber ich fürchte, das funktioniert nur in den wenigsten Fällen.

— Sie waren lange Ensemble-Mitglied am Burgtheater und am Thalia Theater. Vor zwei Jahren haben Sie Ihr Fest-Engagement aufgegeben. Warum?

Mit dem Erfolg der Serie „Vorstadtweiber“ habe ich erkannt, dass für mich
die Kombination von Dreh und Staatsschauspiel nicht mehr zu handhaben ist. Man kriegt einen Anruf, hat ein Casting und muss fünf Tage später für einen Monat nach Südafrika fahren. Das macht mir Spaß, es entspricht meinem Charakter. Aber mit der Planung eines Staatstheaters ist das nur schwer zu vereinbaren.

— Sie genießen die Freiheit?

In vollen Zügen. Ich habe 20 Jahre lang exzessiv Theater gespielt, jetzt ist es schön, etwas anderes zu machen. Mir war auf einmal „Vorstadtweiber“ wichtiger, als nur noch im Theater auf der Bühne zu stehen.

— Was ist der Unterschied?

Es ist ein anderer Beruf und trotzdem irgendwie der gleiche. Beim Theater gibt es eine körperliche Ausschüttung, die es im Film nicht gibt, und nach dieser Ausschüttung war ich süchtig. Wenn man zweimal hintereinander „Faust“ oder „Werther“ spielt, ist das ein körperlicher Rausch, der sich im Film nicht herstellen kann. Dort gibt es allerdings eine andere Art von Rausch. Man verschwindet in einer Rolle und ist für ein, zwei Monate jemand völlig anderer. So geht es mir jetzt gerade mit „Blind ermittelt“.

— Was wird „Blind ermittelt“?

Es soll eine Reihe werden, ähnlich wie „Tatort“. Wir drehen erst mal den Pilotfilm. Ich spiele einen wirklich guten Polizeiermittler, der bei einem seiner Fälle erblindet. Die Polizei sortiert ihn daraufhin aus, aber er möchte seinen Fall trotzdem selber lösen. Als Blinder wird er dabei natürlich mit anderen Schwierigkeiten konfrontiert.

— Wollten Sie immer schon Schauspieler werden?

Es gab eine Art Erweckungserlebnis. Wir haben in der Schule Francis Ford Coppolas Film „The Outsiders“ gesehen, in dem es um sozial benachteiligte Banden geht. Der Anführer einer Bande rezitiert in Anbetracht der aufgehenden Sonne ein Gedicht, woraufhin unsere Englischlehrerin meinte, dass sicher niemand von uns ein Gedicht aufsagen kann. Ich hatte gerade Goethes „Totentanz“ auswendig gelernt, bin ohne Vorwarnung auf den Tisch gesprungen und habe die Ballade vorgetragen. Und da war sie, diese Energie, die ich vorhin beschrieben habe.


Philipp Hochmair

Der österreichische Schauspieler Philipp Hochmair wurde 1973 in Wien geboren und hat am Max Reinhardt Seminar Schauspiel studiert. Er war Ensemble-Mitglied am Burgtheater und am Thalia Theater in Hamburg. Er spielt in der ORF-Serie „Vorstadtweiber“ und aktuell im Kinofilm „Tiere“. Hochmair tourt weltweit mit seinen Soloprojekten „Werther“ und „Jedermann Reloaded“, in einer Rockkonzert-Variante mit seiner Band Elektrohand Gottes.