48 Stunden in Thessaloniki

Der ehemalige Melting Pot des Balkans ist heute eine lebhafte Studentenstadt und drauf und dran, sich – wieder einmal – neu zu erfinden

von Elisabeth Schepe | aus COMPLETE 4/17   

Foto: Karin Wasner

Alles steht. Dann geht es im Schritttempo weiter. Dann steht wieder alles. Die Eiswürfel in dem Plastikbecher mit Kaffee klappern, sobald der Taxifahrer den Gang einlegt. Ab und zu schlürft er ein paar Schlucke durch den Strohhalm. „Zum Abendessen müsst ihr die kleinen frittierten Fische probieren!“ Der englische Name fällt ihm jetzt gerade nicht ein. „Aber auf keinen Fall die Großen! Die Kleinen sind besser. Die stehen nicht auf der Karte, weil sie kaum was einbringen.“ Mittlerweile haben wir es bis ins Zentrum geschafft. Plattenbauten mit brummenden Klimaanlagen und vollgeräumten Loggias prägen das Stadtbild. In den Erdgeschoßen aber reiht sich eine Bar voll mit jungen Leuten an die nächste. „Bei uns ist es ein bis zwei Grad kühler als in Athen.“ Darauf ist der Taxifahrer stolz. Ein Punkt für Thessaloniki, null Punkte für das verhasste Athen. Er biegt auf die Promenade ab. Am Pier genießen Familien und Teenager die Abendsonne, draußen am Meer kurven Ausflugsschiffe. „Ich muss euch noch etwas zeigen“, sagt der Taxifahrer, kurz bevor er uns beim Hotel absetzt. Stolz präsentiert er am Handy Fotos seiner kleinen Enkelin. Die heißt nämlich auch Elisabeth. Beim Abschied empfiehlt er uns, den Sightseeing-Bus vom Weißen Turm aus zu nehmen. Auch wenn er das eigentlich nicht sagen sollte – „ist ja schlecht für mein Geschäft“.

Unsere erste Taxifahrt entpuppt sich als Crashkurs für Thessaloniki. Gastfreundschaft, Lokalstolz, eisgekühlter Kaffee und Stau – von all dem gibt es in dieser Stadt haufenweise. Im Ballungsraum Thessaloniki, der sich vom Thermaischen Golf ins Landesinnere ausbreitet, lebt etwa eine Million Menschen. Der öffentliche Verkehr besteht trotzdem nur aus ein paar Buslinien. An einem U-Bahn-Netz wird seit 1986 gebaut. Bei den Arbeiten ist man auf Überreste der antiken Stadt gestoßen. Spaziert man durch das Zentrum, kann man durch die Baustellengitter unter die aufgestemmte Straße spähen. In den dunklen, halbfertigen Schächten dort unten sind auch antike Mauern und Steine auszumachen: Überbleibsel der Via Egnatia, jener Straße, die von Rom bis nach Istanbul führte. Der Fund verzögerte den U-Bahn-Bau erneut. Die antiken Schätze sollen in einem unterirdischen Museum innerhalb der Stationen ausgestellt werden. 2019 soll es (nach 31 Jahren) aber wirklich so weit sein und die erste Linie in Betrieb genommen werden. Das ist die eine Seite der Stadt, die chaotische, krisengebeutelte – die, die im Rest Europas oft von Griechenland vermittelt wird. Was Thessaloniki aber außerdem ausmacht, ist der Ehrgeiz und die kreative Energie, die die Stadt in Atem halten und die sich vermutlich aus ihrer bewegten Geschichte speisen. Über die Jahrhunderte hat sich Thessaloniki, Saloniki, Selânik oder Ladino immer wieder neu erfunden. Und ist gerade drauf und dran, es wieder zu tun.

Dafür ist auch der Bürgermeister der Stadt, Yiannis Boutaris, verantwortlich. Ein tätowierter Millionär und Winzer in seinen 70ern. Über Boutaris hat hier jeder eine Meinung. „Er hat so viel Geld, dass er nicht korrupt sein muss. Das ist ein Vorteil“, scherzt einer unserer gesprächigen Taxifahrer. Boutaris ist nicht nur reich, sondern auch klug genug, auf den Tourismus zu setzen. Schließlich ist Thessaloniki touristisch privilegiert: Die Urlaubshalbinsel Chalkidiki und der Berg Olymp liegen gleich nebenan. In der Vergangenheit verbrachten die meisten Touristen nur einen Tag in der Stadt. Nun mausert sie sich langsam zur „City-break-Destination“. Das liegt auch daran, dass sie – seit Boutaris im Amt ist – ihre kosmopolitische Geschichte und damit ihr größtes Potenzial wiederentdeckt. Alexander der Große, die Römer, Byzanz und schließlich die Osmanen hinterließen in den vergangenen Jahrtausenden unübersehbare Spuren in Thessaloniki, das ob seiner Lage stets ein wichtiger Knotenpunkt war. Neben Muslimen und Christen lebte hier auch eine große jüdische Community. Eleftherina Theodorondi arbeitet am EU-Projekt „NEARCH“ mit. Ihr Team will das Bewusstsein für die archäologischen Schätze Thessalonikis schärfen. „Wir müssen offener sein und den Leuten die Bedeutung der Geschichte näherbringen. Sonst werden wir nie einen Tourismus mit hoher Qualität haben.“ Eleftherina gibt ein Beispiel: „Die jungen Leute sitzen jeden Abend neben dem Galerius-Bogen und trinken Bier, aber sie haben keine Ahnung, was dieser Bogen eigentlich bedeutet.“

Rund 100.000 Studenten wohnen in und um Thessaloniki. Nach wie vor schicken viele Familien aus Südosteuropa ihre Kinder zum Studieren in die griechische Hafenstadt. Mitten im Zentrum liegt der gigantische Campus der Aristoteles-Universität. Sie ist nicht nur die größte Hochschule in Thessaloniki, sondern auf der gesamten Balkanhalbinsel. Hier sitzen Griechen, Bulgaren und Albaner zwischen den Vorlesungen zusammen in der Mensa, trinken Kaffee und essen Bougatsa. Doch die meisten gehen nach dem Abschluss ins Ausland. Das tut der Stadt, in der so viele von ihnen ausgebildet wurden, am meisten weh.

Auf einem Hügel oberhalb der Stadt thront das Anatolia College. Olga Tsantila ist hier zur Schule gegangen. Das private Anatolia College hat einen guten Ruf. Trotzdem: „Vor fünfzehn Jahren haben wir die Jobs so gewechselt“, sagt Olga und schnippt schnell hintereinander mit den Fingern. „Heute ist das nicht mehr so. Die Akademiker gehen nach Deutschland oder Großbritannien.“ Doch während die einen weggehen, kommen die anderen. Gabi zum Beispiel. Die 20-jährige Austauschstudentin aus Missouri verbringt ein Semester am Anatolia College. In den USA studiert sie Wirtschaft und Marketing, hier hat sie sich für Kurse in griechischer Kunst und Architektur eingeschrieben. Überschwänglich schwärmt sie von ihrer griechischen Wahlheimat: „I love it!“ Gabi grinst über beide Ohren. „Das Zentrum ist total überschaubar und liegt direkt am Wasser – und erst die vielen verschiedenen Clubs!“

Die Clubkultur in Thessaloniki kann sich tatsächlich sehen lassen. Vor allem im September. Da findet das Reworks Festival statt. In einem Café sollen wir den Organisator Anastasios Diolantzis treffen. Ganz in Schwarz gekleidet, biegt er auf einem Klapprad um die Ecke. Bei einem Glas eiskaltem Kaffee sprechen wir über sein Festival, das jährlich rund 15.000 Besucher anzieht. „Wir versuchen eine weite Bandbreite an elektronischer Musik zu präsentieren.“ Jedes Jahr holt Anastasios mit seinem Team 60 bis 70 Acts nach Thessaloniki. Die Locations verteilen sich über die ganze Stadt – vom Zentrum bis zu alten Industriekomplexen im Westen. In Thessaloniki spürt Anastasios „einen guten Vibe“, auch wenn er ein gebürtiger Athener ist. „Ich bin optimistisch, dass sich Thessaloniki kulturell öffnet und internationaler wird.“

Den „Vibe“ Thessalonikis macht auch die kosmopolitische Vergangenheit aus, die der Stadt eine gewisse Melancholie verleiht. Da gibt es zum Beispiel die alte Modiano-Markthalle. Eine jüdische Familie ließ sie 1926 im französischen Stil erbauen. Heute steht das mondäne Gebäude fast leer. Nur ein paar Schritte weiter, am Kapani-Markt, fühlt man sich wiederum nach Istanbul versetzt. Hier drängen sich Pensionisten an Fleisch- und Fischhändlern mit fleckigen Schürzen und lauten Stimm-organen vorbei und kaufen Gewürze, Nüsse und Baklava. Ein Stück nördlicher, wo die Straßen der Stadt steiler werden, liegt der Bit-Bazar. In diesen Häuserblock zogen in den 1920er Jahren Flüchtlinge aus Kleinasien. Viele von ihnen verwandelten die Erdgeschoße in Geschäfte. Oft waren Schmuck und Antiquitäten das Einzige, was sie vor ihrer Abreise zusammengerafft hatten. Deswegen gibt es bis heute hier zig Antiquitätenläden. Nur ein paar Minuten entfernt kommen wir an der Agios-Dimitrios-Kirche vorbei. Vor dem Portal stehen Zelte und Tische voller Süßigkeiten und Geschenke – alles in Zuckerlrosa. Dutzende aufgebrezelte Verwandte und Bekannte sind zur orthodoxen Taufe eines Mädchens gekommen. In der voll besetzten Kirche wird die Zeremonie von mehreren Kameraleuten festgehalten. Direkt unter dem Becken, in das das schreiende Kind gerade getaucht wird, liegt die Gruft des Stadtheiligen Dimitrios. Als Christ wurde er von den Römern verfolgt und hier eingesperrt. Später baute man über seiner Gruft eine Kirche.

Um die Verwirrung perfekt zu machen, spulen wir noch einmal ein paar Jahrhunderte vor und stoßen auf ein weiteres Puzzlestück Thessalonikis: „Ano Poli“ heißt die auf einem Hügel gelegene Altstadt. Es ist die ehemalige osmanische Gegend. Von hier aus behielten die muslimischen Herrscher ihr Thessaloniki im Blick. Immer wieder öffnen sich zwischen den verfallenen Altbauten Achsen, die die Sicht auf den Golf, den schneebedeckten Olymp und die Stadt freigeben. Spätestens hier oben erkennt man die tatsächliche Größe dieser Metropole, die zugleich pulsiert und melancholisch stimmt und in der alles und nichts zusammenpasst.



ANZEIGE