Schöne neue Autowelt

Schräge Studien, futuristische Konzeptautos, schrille Prototypen: Die japanischen Hersteller auf der Tokyo Motor Show geben sich abgehoben – zu Recht

von Christian Zacharnik | aus COMPLETE LUXUS 2/17   

Foto: Honda

Es war ein denkwürdiger Auftritt des VW-Vorstandes Herbert Diess bei der Tokyo Motor Show im Jahr 2015 – und ein merkwürdiger obendrein. Der Manager stellte sich vor die versammelte Journalistenriege und entschuldigte sich mit einem tiefen Kotau für den kurz zuvor bekannt gewordenen Diesel-Skandal. Nur: Die Japaner haben mit Diesel ungefähr genauso viel am Hut wie ein Veganer mit einem gepflegten Yakiniku vom Kōbe-Rind. Das macht sich bei einem Tokio-Besuch angenehm bemerkbar: Derbes Dieselgeratter gibt es nicht und damit auch keine Stickoxid-verpestete Luft. Auch auf der 45. Tokyo Motor Show am Messegelände „Big Sight“ auf der künstlichen Insel Odaiba glänzt der Diesel gerade mal durch Absenz. Stattdessen pflegen und entwickeln die Japaner das weiter, wonach die Europäer so ungelenk und mit deutlicher Verspätung streben: nachhaltige und saubere Antriebsmethoden, sprich: Hybrid, Plug-in-Hybrid, Elektro- und vor allem den Wasserstoff-Antrieb, den Honda (Clarity Fuel Cell) und Toyota (Mirai) neben der koreanischen Marke Hyundai (ix35 Fuel Cell) als einzige Hersteller weltweit in Serienreife anbieten. Bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio will die japanische Regierung übrigens 6.000 Brennstoffzellen-Autos auf den Straßen des Landes sehen.

Die im Lichte des Dieselskandals derzeit in Europa mit spezieller Verve geführte Diskussion zum Thema alternative Antriebe macht es besonders evident: Den Zug der Zeit hat man jenseits des Ostmeeres besser erkannt als anderswo. Während auf der Frankfurter IAA Mitte September singuläre Verbrennermotoren noch immer fröhliche Urstände feierten, gibt es sie in Japan nur mehr in Verbindung mit Elektromotoren, die noch dazu immer öfter die Hauptagenden des Antriebs übernehmen. Soll heißen: Nicht das E-Aggregat subventioniert den Benziner, sondern umgekehrt. Die CO2-Schleuder wird sozusagen zu einem Hilfsmotor „degradiert“, der nur noch dazu dient, den Akku zu laden. Bestes Bespiel dafür ist der neue Honda CR-V mit einem gänzlich neuartigen Hybridsystem, bestehend aus einem 2,0-l-Benziner, einem E-Motor und einem Generator. Angetrieben wird der Kompakt-SUV in der Regel vom E-Motor. Der Benziner treibt den Generator an, der einerseits die Akkus speist und darüber hinaus die Funktion des Getriebes übernimmt.

Der weltweite Hybrid-Vorreiter und unangefochtene Nummer eins in Japan, Toyota, erfreut in Tokio mit der Sportwagenstudie GR HV Sports, die hierzulande als nächste Generation des legendären GT86 firmieren wird – und zwar, wie könnte es anders sein, mit Hybridantrieb.

Ebenfalls Sportliches, allerdings rein elektrisch Angetriebenes, präsentiert Honda mit dem aufsehenerregenden Sports EV. Dass der Elektroantrieb auch bei expliziten Geländewagen künftig eine Option darstellt, macht Suzuki mit dem e-Survivor vor. Die Besonderheit des futuristisch gezeichneten Offroaders ist ein 4×4-System, bei dem jedes einzelne Rad von einem Elektromotor angetrieben wird. Es ist symptomatisch, dass diese Technologie, die Ferdinand Porsche und Ludwig Lohner 1899 in Wien ersannen und die in Form des legendären Lohner-Porsche ein Jahr später auf der Pariser Weltausstellung für Furore sorgte, nicht in Europa, sondern in Japan wiederbelebt wird.



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