Weites Wasser. Weites Land

Die Region Neusiedler See – Seewinkel ist nicht nur ein Paradies für Vögel. In der ausgedehnten Landschaft fühlt auch der Mensch sich leicht wie eine Feder

von Karin Wasner | aus COMPLETE 3/17   

Foto: Karin Wasner

„Schau, ein Eisvogel!“ Benjamin Knes reißt sein Fernglas hoch. Im Schilfgürtel des Neusiedler Sees hört man an diesem warmen Herbstnachmittag nur die im Wasser wogenden Halme, das Surren der Libellen und immer wieder neue Vogelstimmen.

Benjamin kennt sie alle. Er ist Ranger im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel und Vögel sind seine Leidenschaft. Mit der ist er hier goldrichtig. 350 Vogelarten finden im Nationalpark jährlich Heimat, Brutstätte oder Winterquartier. „Die Lage und die Bedingungen sind perfekt. Hier ist zum Beispiel das wichtigste Brutgebiet für den Silberreiher.“

Sein Kollege nennt den Park „die einzige offene Raststation auf der Vogelautobahn zwischen Afrika und Europa“. Mit dem 320 km2 großen Neusiedler See, der zur Hälfte mit Schilf bedeckt ist, den 45 Salzlacken, Sandsteppen, Wiesen, Weiden und Weingärten ist die Region seit 2001 UNESCO-Welterbe. „Im Unterschied zu anderen Nationalparks schützen wir hier mehr Kultur- als Naturlandschaft, denn der Mensch hat diese Landschaft zu dem geformt, was sie jetzt ist.“

Die wahren Naturschützer aber sind für Benjamin die Weidetiere. Sie bewahren Wiesen und Lacken vor Verwaldung und Verschilfung. „Die Beweidung ist essenzieller Bestandteil der Parks.“ Steppenrinder, Wasserbüffel, Weiße Esel, Warmblutpferde, ja sogar die berühmten Graugänse fungieren hier als natürliche Rasenmäher. Sie sorgen dafür, dass die Vögel weiterhin ideale Brutbedingungen vorfinden.

Ende August beginnt der Vogelzug. Dann sind auch die Jungen der im Burgenland legendären Störche bereit für die 10.000 km weite Reise ins warme Afrika. Wieder andere wie Seeadler, Merlin oder Raufußbussard kommen demnächst aus dem Norden, um im milden Klima des Seewinkels zu überwintern.

Auf unserer Tour kommen wir auch bei einem ehemaligen Grenzwachturm zwischen Apetlon und Illmitz vorbei. Benjamin sucht vom Turm aus den Horizont nach der 300-köpfigen Graurinderherde ab, die seit 1995 hier weidet. An die unendlich scheinende Weite musste sich der Kärntner, der Wildtier-ökologie studiert, erst gewöhnen. Kein Berg, kein Baum verstellt hier die Sicht. Über die Steppen fegen jetzt vertrocknete Feldmannstreu, kugelige Stechpflanzen, die in Western durch verlassenen Städte rollen. Plötzlich mischt sich zu dem Pfeifen des Windes ein seltsames Flöten. Ein Schwarm Kraniche – an die tausend Vögel – rauscht flügelschlagend an uns vorbei. „Die sind auf der Durchreise und übernachten auf den Viehweiden im Seevorgelände“, raunt Benjamin mir zu und lässt seinen Feldstecher noch lange nicht sinken.

Fast unablässig fegt ein Wind über die pannonische Tiefebene. Das freut Wassersportler mehr als die vielen Radler, die hier fast schon zur Landschaft gehören. Am Strand in Podersdorf ist der Himmel an manchen Tagen bunt von den vielen Drachen, die Kitesurfer über den See ziehen. Dazwischen brausen Windsurfer mit flatternden Segeln von einer Seite zur anderen. Stand-up-Paddler, Kajakfahrer, Segler – sie alle finden ihre Winkel und Ecken auf dem Steppensee, der im Durchschnitt nur einen Meter tief ist.

Direkt an seinem Ufer und mitten im Nationalpark hat Christine Lentsch ihre Lieblingsriede. „Hier hat schon mein Urgroßvater Wein gemacht.“ Der sandige Uferboden und das spezielle Mikroklima lassen besondere Weine gedeihen, erklärt ihr Vater Josef, Winzer und Wirt des Gasthauses zur Dankbarkeit in Podersdorf. See und Lacken sorgen für die Luftfeuchtigkeit, die für die spezielle Edelfäule Botrytis notwendig ist. Erst durch sie werden die berühmten Süßweine möglich. „Weltweit gibt es nur drei Regionen, in denen das natürlich gemacht werden kann!“ Stolz betrachtet Josef Lentsch die Trauben, die an seinen Reben hängen und schon zu schrumpeln beginnen. Im Heurigen der Familie verkosten wir abends die edlen Tropfen. Das Schönste daran: Zu jeder Flasche gibt es eine Geschichte, die mit jedem Glas lustiger wird.


Tipps

Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel

Der Steppen-Nationalpark mit seinen Lacken, Schilfgürteln und Wiesen beherbergt bis zu 350 Vogelarten. Das ganze Jahr über werden Exkursionen, Führungen, mobile Infopoints und Workshops für Besucher veranstaltet. Gratis-Ferngläser, -Karten und -Infos gibt es im Nationalparkzentrum in Illmitz. Im Nationalparkshop kann man Vogelbestimmungsbücher und -CDs, T-Shirts und Plakate kaufen.

www.nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at

Weinstube Podersdorf

Im Heurigen der jungen Winzerin Christine Lentsch und ihrer Mutter kommen regionale Köstlichkeiten auf den Tisch: Blunzen, Mangalitzaschweinswurst, Steppenrindschinken und feines Sauergemüse vom „Paradeiserkaiser“ Erich Stekovics. Und natürlich die besten Tropfen der lokalen Winzer. www.dankbarkeit.at

Gasthaus Dankbarkeit & Nachtquartier

Seit 1934 kocht die Familie Lentsch (im Bild Markus und sein Vater Josef) mit Herz und Leidenschaft in dem 300 Jahre alten Gebäude in Podersdorf. Jetzt kann man auch „dankbar schlafen“: Fünf lie- bevoll renovierte Zimmer stehen bereit, wenn man noch ein Glaserl vom Pinot Gris aus dem Lentsch'schen Keller mehr trinken will. www.dankbarkeit.at

Surf & Coffee

Aus „Sport Schneider“ und dem „Podo Restaurant“ wurde ein moderner Surf- und Coffeeshop. Windsurfer und Stand-up-Paddler finden hier die passende Ausrüstung – und nun auch einen perfekten Espresso.

www.surfandcoffee.at

Zur Blauen Gans
In Weiden am See haben Anita und Peter Szigeti ihre Liebe zu Sekt und gutem Essen in ein Haubenlokal verwandelt. Küchenchef Martin Kugler vereint gekonnt die pannonische und mediterrane Küche. www.zurblauengans.at

Weinclub 21
In der modernen Vinothek stehen 84 Weine von 21 Winzern der Region zur Verkostung bereit und können zu Ab-Hof-Preisen gleich mitgenommen oder online bestellt werden. www.weinclub21.at

Weingut Münzenrieder

In Apetlon, mitten im Nationalpark, keltern Vater Johann und Sohn Johannes Weißwein, Rotwein, Süßwein und Frizzante. Ihr Erfolgsrezept: naturnahe Bewirtschaftung, Ertragsbeschränkung und schonende Kellerwirtschaft. www.muenzenrieder.at

Martiniloben

Im November feiert die Region ihren Schutzpatron und den jungen Wein. Weinbauern öffnen ihre Keller, dazu gibt es Ausstellungen, Führungen, Exkursionen und das kulinarische Highlight: das Ganslessen. 9.–12. 11. 2017
www.neusiedlersee.com



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