Das wilde Ende der Welt

Patagonien, der südlichste Zipfel Südamerikas, ist ein unglaubliches Wunder: eine weite, fast menschenleere Wildnis auf einer Million Quadratkilometern, die Reisende entlang endloser Straßen zu sich selbst führt

von Karl Riffert | aus COMPLETE 3/17   

Foto: Karl Riffert

Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als der Lachsfischer sein jähes Ende fand. Ein Schuss bellte ins Dunkel der Nacht. Ein zweiter Fischer sagte später der Polizei aus Puerto Natales, eine Geisterkatze habe unversehens angegriffen. Man glaubte dem Mann. Puerto Natales ist ein Städtchen mit 19.000 Einwohnern an der Seno Ùltima Esperanza, der Bucht zur letzten Hoffnung, im tiefen Süden Chiles. Die ersten europäischen Siedler, vor allem Deutsche und Engländer, kamen 1911 hierher und lebten von der Schafzucht. Dann verdingten sich die Leute in einer nahen Kohlemine, schließlich wurde der Fisch, der Lachs, zum größten Arbeitgeber. Chile ist der zweitgrößte Lachsproduzent der Welt. Heute suchen die jungen Leute ihre Jobs im Tourismus.

Puerto Natales ist so etwas wie ein Gore-Tex-Mekka, das Tor zum wilden Patagonien. Von hier aus brechen die Touristen nach Feuerland auf, dem kältesten Teil Patagoniens, oder zu den beiden bekanntesten chilenischen Nationalparks in der großen Wildnis, dem Bernardo-O’Higgins-Park und dem Torres-del-Paine-Park. Versorgt wird Puerto Natales wie auch das noch südlichere Punta Arenas per Schiff, denn es führt keine einzige Straße, keine einzige Bahnlinie in die 2.000 Kilometer entfernte Hauptstadt Santiago de Chile. Eine Banane ist hier zehnmal so teuer wie in Santiago, aber die Luft hundertmal besser.

Und weil alles so weit weg ist und die Polizeistation klein, blieb der Verdacht am plötzlichen Ende des Lachsfischers vor zwölf Jahren an den Geisterkatzen hängen, den Pumas. Dies, obwohl Zweifel aufkamen, denn die Frau des toten Lachsfischers machte sich bald mit dem zweiten Fischer auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub.

Pumas gibt es in vielen Bergregionen Amerikas. Sie sind so scheu, dass man versucht ist, zu glauben, sie könnten sich unsichtbar machen. Die Raubkatzen greifen extrem selten Menschen an. Es gibt nur einen einzigen Platz auf der Erde, wo man als Wanderer mit etwas Glück wirklich auf Pumas stoßen kann. Das ist das fantastische Torres-del-Paine-Massiv, wo ich gerade, vorbei an grasenden Guanako-Herden, den wilden Verwandten des Lamas, hinauf zum magisch-blauen Grey-Gletscher marschiere. Typisch für Guanakos ist übrigens, dass ein männliches Tier eine Herde von rund einhundert Weibchen führt. Keine Ahnung, wie das so ein Guanako-Macho hinkriegt. Warum die Pumas hier in den chilenischen Bergen so kühn sind, weiß auch niemand so genau. Vielleicht aber, weil dies einer der menschenleersten Landstriche des amerikanischen Doppelkontinents ist und weil es den Anden oft an dichten Wäldern fehlt, in denen man sich als Puma verstecken könnte.

Es regnet ein wenig, aber das macht nichts, denn schon bald können sich die Wolken blitzartig wie ein Theatervorhang öffnen und einen strahlend-blauen Himmel hervorzaubern. Man sagt, in Patagonien könne man mitunter an einem einzigen Tag alle vier Jahreszeiten erleben. Die Landschaft, geprägt von den 2.500 Meter hohen Granitnadeln des Torres-del-Paine-Massivs, wirkt wie aus einem Fantasy-Film. Man wäre nicht überrascht, würden plötzlich Zauberer, Drachen oder Hobbits auftauchen. Oder eben ein Puma, denn dies hier ist Puma-Land. Das Wort Puma stammt aus der Sprache der Quechua-Indianer und bedeutet „der Starke“. Tatsächlich kann ein Puma bis zu zwei Meter lang werden und unglaubliche fünfeinhalb Meter hoch springen. Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl. Am Wegrand liegt ein Guanako-Skelett.

„Du brauchst keine Angst vor dem Puma haben“, sagt meine patagonische Führerin Gaynor in stark wienerischem Deutsch. „Pumas jagen nur in der Nacht und sie fressen keine Österreicher.“ Gaynor hieß früher einmal Gitti und ist in Wien aufgewachsen. Ihr Vater, ein Chilene, war vor der Pinochet-Diktatur geflohen, jener bleiernen Zeit zwischen 1973 und 1990, in der 3.200 politische Gegner ermordet und 28.000 gefoltert wurden. „Wir hatten in der Wienzeile ein Restaurant, das Macondo. Fünf Tage, nachdem Chile gegen Pinochet gestimmt hatte, verkaufte mein Vater es und die Familie kehrte nach Chile zurück. Heute bereut er die Rückkehr“, erzählt Gaynor, die mit 17 erstmals nach Patagonien kam.

Es gibt übrigens zwei Patagonien. Schuld daran sind die Anden. Patagonien, das ist der unterste Zipfel Südamerikas, alles Land südlich des Rio Colorado und des Rio Bio Bio. Ein Land, zwölfmal so groß wie Österreich.

Mitten durch diese Wildnis ziehen sich die mächtigen Anden. Im schmalen Teil westlich der Anden-Kette, der zu Chile gehört, findet man üppige Regenwälder und viel Grün. Östlich der Anden hingegen, im argentinischen Teil Patagoniens, der mehr als zwei Drittel ausmacht, ist es trocken und heiß. Die Anden machen es dem pazifischen Regen nämlich schwer und verwandeln so endlose Weiten in eine windige, karge Pampa, auf der sich Schafe und Rinder wohlfühlen und ein einzelner Mensch so verloren wirkt wie irgendwann einmal der erste Astronaut auf dem Mars. Hier findet man auch riesige Schaffarmen, Estancias genannt, die zwischen 80.000 und 250.000 Schafe in der patagonischen Pampa weiden lassen.

In den Höhenlagen beschert der Anden-Schnee auch in Argentinien frisches Eis für mächtige Gletscher, darunter den schönsten auf dem Planeten, den Perito-Moreno-Gletscher. Doch vorerst führt uns unser Weg noch weiter in den Süden zur Hafenstadt Punta Arenas an der Magellan-Straße. Die heißt so, weil der portugiesische Seefahrer Fernão de Magalhães auf seiner tollkühnen dreijährigen Weltumseglung, der ersten überhaupt, auch nach Patagonien gekommen war. Ein schwerer Sturm, der 36 Stunden dauerte, trieb die fünf Schiffe des Portugiesen am Allerheiligentag des Jahres 1520 in eine Bucht, die sich als Durchfahrt vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean erwies: die 570 Kilometer lange Magellan-Wasserstraße.

Wir treffen in Punta Arenas einen chilenischen Vorzeige-Unternehmer, der sich brennend für Magellan und andere Seefahrer, die nach Patagonien kamen, interessiert. „Von der 42-köpfigen Crew schafften es nur 18, wieder nach Hause zu kommen. Alle anderen, darunter auch Magellan selbst, starben“, sagt Juan Mattassi Alonso. Der heute 52-Jährige startete 1999 mit Kajak-Touren für Touristen und gründete später JLM Mapas, den inzwischen größten Kartenverlag Chiles. Einen Teil seines Vermögens investierte Mattassi in das Nao-Victoria-Schiffsmuseum in Punta Arenas, wo unter anderem Magellans Schiff im Originalmaßstab zu sehen ist, wie auch die legendäre „Beagle“, deren Nachbau rund 250 Millionen Dollar gekostet haben soll.

Die „Beagle“ war das Schiff, mit dem Charles Darwin kurz vor Weihnachten 1832 nach Feuerland kam, dem südlichsten und der Antarktis am nächsten liegenden Teil Patagoniens. Darwin ließ sich mit einigen Besatzungsmitgliedern an Land absetzen, um mit den Eingeborenen Kontakt aufzunehmen. Das war nicht ungefährlich, denn die Feuerland-Indianer galten als notorische Kannibalen. Das Gesicht der Indios war weiß bemalt, ihr Haar filzig und fettig, und sie erstaunten die Engländer mit ihrer Fähigkeit, ganze englische Sätze wiederholen zu können, die sie gehört hatten, ohne jedoch ein Wort zu verstehen. „Man kann kaum glauben, dass diese armen Wichte Bewohner derselben Welt sind“, notierte Darwin erstaunt.

Von der Weite Patagoniens war Darwin hingegen tief beeindruckt. „Warum nur“, fragte sich Charles Darwin, „haben denn diese dürren Wüsten sich so einen festen Platz in meinem Gedächtnis errungen?“ „Die Ebenen von Patagonien sind ohne Grenzen“, notierte Darwin, „denn sie sind kaum zu durchqueren und daher unbekannt. Sie sind dadurch geprägt, dass sie Jahrhunderte lang so bestanden haben, wie sie jetzt sind, und es scheint keine Grenze für ihre Dauer durch künftige Zeiten zu bestehen.“ In Wahrheit aber ändert sich alles, auch Patagonien. Die Begegnung mit dem weißen Mann war für die Ureinwohner eine Katastrophe und endete mit ihrer weitgehenden Auslöschung. Zwischen 1860 und 1880 bekamen weiße Siedler für einen Indianerkopf ein Stück Land. Gruselige Zeiten.

Patagonien scheint leer und ist doch voller Geschichten, schöner wie grausamer. Der Reiseliterat Bruce Chatwin, der Clint Eastwood ziemlich ähnlich gesehen haben soll und in jungen Jahren bei Sotheby’s in London im Kunsthandel tätig war, bereiste Patagonien vor 43 Jahren. Er soll von einem Tag zum anderen abgereist sein und seinen Job bei der „Sunday Times“ per Telegramm gekündigt haben mit den Worten: „Für vier Monate fort nach Patagonien“. Er fuhr durch ein Land, wo die Straßen oft pfeilgerade zum Horizont führen, links ist nichts, rechts ist nichts, nur endlose Pampa. Es ist eine „last frontier“, wie die Amerikaner sagen, eine unbeschreibliche Wildnis voller Schönheit und Leere. Man fährt von nirgendwo nach nirgendwo und kommt doch zu fantastischen Gletschern, zu unwirklichen, großartigen Landschaften und vielleicht sogar zu sich selbst. Am wilden Ende der Welt.


Länder: Chile / Argentinien
Fläche: rund 1 Million Quadratkilometer

Einwohner: knapp 2 Millionen
Bekannt für: fantastische Gletscher und endlose Weiten; Nationalparks Torres del Paine und Los Glaciares


Chillen in Chile

Room with a view. Das Hotel mit der schönsten Aussicht in Patagonien liegt wie ein weißes Schiff über dem türkisen Wasser des Pehoé-Sees an der schönsten Stelle im chilenischen Torres-del-Paine-Nationalpark. Legionen von Promis waren schon hier, von Robert Redford bis zu den Kennedys. DZ all inclusive ab € 900,–.
www.explora.com

Bett von Leo DiCaprio. In einem privaten Teil des Torres-del-Paine-Nationalparks liegt das exklusive Awasi Patagonia, das aus nur dreizehn Villen und einem Haupthaus besteht. Der Preis für die Villa inkludiert einen privaten Guide und einen Allradwagen. Leonardo DiCaprio wohnte hier während der Dreharbeiten für seine Umweltdoku. Das Awasi ist das südlichste Relais & Chateaux-Hotel der Welt. Drei Nächte ab € 3.200,– pro Person.
www.awasipatagonia.com

Coole Sache. An der Bucht zur letzten Hoffnung nahe dem Städtchen Puerto Natales liegt das Designhotel El Singular, das seine Geschichte vor hundert Jahren als Kühlhaus begann. Sehr schöne Zimmer. Ab ca. € 250,– pro Person.
www.thesingular.com

Join the Army. Sieben Kilometer vom Haupteingang des Torres-del-Paine-Nationalparks am Fluss Serrano liegt dieses erschwingliche Hüttendorf in unmittelbarer Nähe eines Armee-Camps. Das Hotel del Paine bietet sehr kleine, gemütliche Zimmer mit eigener Dusche. DZ ab ca. € 128 ,–.
www.hoteldelpaine.com

Argentinische Nächte

Draußen das Nichts. Das Eolo ist ein exklusives Hotel im argentinischen Teil Patagoniens. Es liegt zwischen dem Wüstenstädtchen El Calafate, wo Gletscher-Touristen gewöhnlich per Flieger aus Buenos Aires landen, und dem Los-Glaciares-Nationalpark. 17 luxuriöse Zimmer mit atemberaubender Aussicht auf das Nirgendwo. Alles inmitten einer 10.000-Hektar-Estancia mit eigenen Pferden.
Ab € 450,– pro Person.
www.eolopatagonia.com

Garten Eden in der Wüste. In El Calafate, dem Tor zu allen Gletscherabenteuern, liegt das sehr schöne Viersternhotel Posada Los Alamos inmitten einer weitläufigen, gepflegten Gartenanlage. Best in El Calafate. DZ ab ca. € 100,–.
www.posadalosalamos.com

Spezialitäten

Curanto. Ein sehr beliebtes Gericht in Patagonien ist „Curanto“, ein Eintopf aus einem Berg Muscheln, einer Hendlhaxe, Wurst, Schweinefleisch und Erdäpfeln. Muss man probieren.

Königskrabbe. Ein Monster aus den Tiefen des kalten Meeres vor den Küsten Patagoniens ist die Königskrabbe, die bis zu 25 Zentimeter groß wird. Sehr lecker.

Restaurants

Santolla, Puerto Natales. Das Santolla gilt als bestes Fischrestaurant in Puerto Natales. Exquisite Küche mit viel Fisch und Meeresfrüchten, insbesondere auch Königskrabben. Ungewöhnliches Design. // Magallanes-Str. 73 B

El Fogón de Pepe, Puerto Montt. Nichts für Vegetarier. Hier gibt es die besten Steaks in Patagonien. // Rengifo 845

Sushi-Bar, El Calafate. Zwei Japaner in der Pampa, am Tor zu den großen Gletschern. Hervorragende Sushi und Lachs-Sashimi. Der Lachs kam übrigens erst 1936 nach Chile. Heute ist das Land zweitgrößter Lachs-Produzent der Welt. // 9 de Julio y Ave Del Libertador San Martin

Geführte Reise

Kooperation. Hofer Reisen offeriert eine umfangreiche und preiswerte 14-tägige Patagonien-Reise (Argentinien und Chile) mit deutschsprachigen Reiseleitern, die u. a. zum Perito-Moreno-Gletscher und in den Torres-del-Paine-Nationalpark führt. Preis: ab € 2.999,–. Business-Class gegen Aufpreis. Termine: 31. 1., 28. 2., 28. 3. Buchung bis 16. 10.
Tel. +43 1 386 00
www.hofer-reisen.at



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