48 Stunden in Vilnius

Hier treffen Hipster auf Babuschkas und ein Kater wird zum Botschafter ernannt. Die verrückte litauische Hauptstadt ist es allemal wert, nicht verwechselt zu werden

von Julia Prummer | aus COMPLETE 3/17   

Foto: Gytis Ožiūnas

„Vilnius … ist das in Lettland?!“ Litauen und seine Hauptstadt werden mindestens genauso oft mit Lettland und Riga verwechselt wie „Austria“ und „Australia“. Geografisch ist an diesem Irrtum aber deutlich mehr dran, schließlich sind die beiden baltischen Staaten Nachbarn. „Wir nehmen das niemandem übel – die Namen sind ähnlich und beide Länder relativ unbekannt“, sagt Onė Maldžiūnaitė, die in Vilnius eine Boutique betreibt. Vielleicht hat gerade das dazu geführt, dass die litauische Hauptstadt so lange ein Geheimtipp in Europa geblieben ist. Weniger touristisch als Riga und nicht so pittoresk-historisch wie Tallinn, ist Vilnius drauf und dran, zur Hipster-Metropole Osteuropas zu werden.

Wobei „Metropole“ das falsche Wort ist, um die Stadt zu beschreiben. Sicher, auf den ersten Blick hat Vilnius einiges mit anderen europäischen Städten gemein: Wer den Gediminoberg (für Österreicher eher ein Hügel) besteigt, könnte ebenso gut auf dem Grazer Schlossberg stehen. Von dort eröffnet sich ein wunderbarer Ausblick über die Dächer der Altstadt Senamiestis, den weitläufigen Kathedralenplatz und die beiden Flüsse Neris und Vilnia. Dennoch – es ist nicht das Herausgeputzte, das Vilnius so besonders macht; es ist das Versteckte, das Verwinkelte und ein wenig Verrückte, das die Menschen hierher zieht.

So verhält es sich auch mit Onės Boutique Šarka, zu Deutsch Elster. Sie liegt nicht auf der touristischen Pilies-Gatve, sondern in einem stillen Seitengässlein – wer ihre Schätze entdecken will, muss die Elster erst finden. Seit mittlerweile sechs Jahren betreiben Onė, ihre Schwester Justė und ihre Mutter Jurgita das kleine Geschäft. Zu kaufen gab es anfangs liebevoll ausgewählte Secondhand-Kleidung, antiken Schmuck und Deko-Utensilien. Irgendwann begann Justė, eine gelernte Kostümbildnerin, auch selbst designte Stücke zu verkaufen. Das lief so gut, dass daraus eine eigene Modelinie namens „0+0=1“ geworden ist. Der Name drückt die Haltung der Familie zur schnelllebigen und wenig nachhaltigen Modewelt aus. Alles, was Justė schneidert, ist recycelt: Alte, wiederverwendete Materialien lässt sie durch ihre innovativen Entwürfe in völlig neuem Glanz erscheinen.

Das machen die Bewohner von Vilnius auch mit der Stadt selbst. Viele Fassaden der stuckverzierten Häuschen in Senamiestis sind heruntergekommen. Dort ist in den letzten Jahren spannende Street-Art entstanden. Während andere Städte ihre Graffitis als Vandalismus abtun, gibt es in Vilnius mittlerweile einen offiziellen Street-Art-Plan, der Touristen und Interessierte zu den bekanntesten Werken führt.

Doch auch ohne Plan wird man rasch fündig, denn Kunst versteckt sich in Senamiestis hinter jeder Ecke – ob es nun Street-Art, der kreative Vintage-Designladen oder die Craft-Bier-Bar ist. „Das liegt wohl an unserer Geschichte: Lange Zeit waren die Litauer arm und konnten sich keine schicken Sachen leisten. Da wird man kreativ und schafft Dinge fast aus dem Nichts: Sei es aus einem Kleid der Großmutter oder sogar aus alten Vorhängen“, meint Onė.

Litauen war 1990 die erste Sowjetrepublik, die sich von der UdSSR lossagte. Die Litauer erinnern sich an diese Zeit nur sehr ungern zurück, doch sie ist nicht spurlos an Vilnius vorübergegangen: Neben der litauisch-russischen Minderheit sprechen auch sonst viele Litauer russisch, weil sie es in der Schule gelernt haben. Vereinzelt existieren heute noch „Komunalkas“, das sind russische WGs, wo jede Partei einen oder mehrere Räume einer Wohnung exklusiv nutzt, Bad, Klo und Küche aber geteilt werden. Mehr als zehn Leute können so zusammenwohnen. Wer das Zentrum verlässt und die Neris auf der žaliasis Tiltas (Grüne Brücke) überquert, kommt in den Stadtteil Šnipiškės. Dort beginnt der Plattenbau, wo die Mieten leistbarer als im Zentrum sind – ein Litauer verdient im Monat durchschnittlich 600 Euro.

Zwischen den Plattenbauten, den einzigen Wolkenkratzern der Stadt und einigen historischen, in die Jahre gekommenen Holzhäusern liegt der Kalvarijų-Turgus (Kavallerie-Markt): der wahrscheinlich beste und günstigste Ort in Vilnius, um einzukaufen. Wer sich auf das bunte Markttreiben in einem Kauderwelsch aus Litauisch und Russisch einlässt, kann mit den alten „Babuschkas“ (Omas) um frisches Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten feilschen, lokalen Honig verkosten und exzellente Fleisch- und Michprodukte erwerben. Wer sich traut, kann außerdem ein Fahrrad, eine Kamera aus Sowjetzeiten oder eine Stange Zigaretten kaufen – wobei die Herkunft aller drei Dinge womöglich zweifelhaft ist.

Neben der Neris lohnt es sich auch, den zweiten und für Vilnius namensgebenden Fluss, die Vilnia, zu überqueren. Wer das tut, marschiert nicht nur vom Zentrum in die Vorstadt, sondern verlässt Vilnius, ja sogar Litauen und betritt die Republik Užupis. Das Künstlerviertel hat 1997 seine Unabhängigkeit erklärt. „Als wir hergekommen sind, war es ziemlich gefährlich, dafür aber billig – an heißes Wasser war nicht zu denken“, erzählt Tomas Čepaitis, der Außenminister der Republik. Užupis ist eine der ältesten Vorstädte von Vilnius, das manchmal auch das „Jerusalem des Ostens“ genannt wird. Bis 1941 war die Stadt ein wichtiges jüdisches Zentrum Osteuropas. Ein Großteil der Juden von Vilnius wurde im Zweiten Weltkrieg ermordet. Während die Sowjets die Altstadt und die beiden dort liegenden jüdischen Gettos nach dem Krieg zumindest teilweise wieder aufbauten, blieb Užupis leer und verfallen zurück. Düstere Gestalten siedelten sich an und das Viertel galt als so gefährlich, dass die Užupio-Gatve den Beinamen „Straße des Todes“ erhielt. Wer zieht an so einen tristen Ort? „Es hatte eine Art melancholische Schönheit an sich, die sich schwer beschreiben lässt … Künstlern geht es um mehr als Komfort“, erklärt Tomas. Um das Leben der Bewohner zu verbessern, wurde über Nacht die Republik ausgerufen. Und das, wie es sich gehört: mit einem Präsidenten auf Lebenszeit, einer Flagge, einer eigenen Währung (nur am Nationalfeiertag) und einem diplomatischen Korps. Zu diesem gehören auch Österreicher: Da ist zum einen der Botschafter von Wien-Floridsdorf. Ein anderer vertritt die österreichisch-
norwegische Grenze, die mitten durch ihn selbst verläuft – er ist halb Österreicher, halb Norweger. An die anderen österreichischen Botschafter kann Tomas sich auf die Schnelle nicht erinnern. Kein Wunder, Užupis hat über 400 Botschafter. Der 417. wurde Ponulis, er vertritt alle Buchhandlungen der Welt, unter anderem auch die Keistoteka, in der er lebt und manchmal die Kunden kratzt. Er ist ein launischer roter Kater und eines der Maskottchen der schrägen Künstlerrepublik. Sogar Postkarten mit seinem Bild gibt es zu kaufen. In der Verfassung von Užupis wurden seine Rechte berücksichtigt: „Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Hausherrn zu lieben, aber in schweren Momenten muss sie ihm beistehen.“ Hunde wiederum dürfen verfassungsgemäß Hunde sein. Menschen haben das Recht zu weinen, zu lieben und einzigartig zu sein. Die Verfassung hängt mittlerweile in viele, viele Sprachen übersetzt in der Paupio-Gatve auf Metalltafeln und ist eine beliebte Touristenattraktion.

„Als Kind habe ich gerne Königreich gespielt, heute spielen wir gemeinsam mit allen Bewohnern von Užupis“, sagt Tomas. Der „Unabhängigkeitstag“ wird am 1. April begangen. Spätestens jetzt durchschaut wohl jeder die humoristische Intention der Republik: „April, April“. Damit der jährliche Umzug am Tag der Unabhängigkeit stattfinden kann, schließt die Verwaltung von Vilnius extra die Straßen von Užupis für den öffentlichen Verkehr. „Das haben wir der berühmten Užupis-Diplomatie zu verdanken“, sagt „Außenminister“
Tomas Čepaitis stolz. Diese hat wohl auch dazu geführt, dass Užupis heute zu den beliebtesten und schönsten Stadtteilen von Vilnius gehört und immer mehr Menschen anzieht. Sogar ein ehemaliger Bürgermeister der Stadt, Artūras Zuokas, lebt hier. Der ist übrigens weit über die Grenzen von Vilnius hinaus bekannt, weil er einst einen falsch parkenden Mercedes auf der Gediminas-Prospektas mit einem Panzer platt gemacht hat. Das war natürlich nur ein Gag – oder doch nicht?


Land: Litauen (nicht Lettland)

Oft unbekannt: seit 2004 in der EU,
Währung Euro

Einwohner: an die 600.000, gefühlt weniger – jeder kennt hier jeden

Sprache: Litauisch. Mit Englisch, Russisch oder Polnisch kommt man auch gut durch

Auffällig: hohe Kirchendichte

Geheimtipp: Künstlerrepublik Užupis


Übernachten

Shakespeare Boutique Hotel. Shakespeare hat nicht viel mit Vilnius zu tun, der Name des Hotels gibt allerdings Aufschluss über sein Konzept. Jedes der 31 Zimmer ist einem Autor, Dichter oder berühmten literarischen Werk gewidmet: ein Zimmer für Tolstoi, eines für Dostojewski und – wie könnte es anders sein – für Shakespeare, wo es sich die Gäste mit einem guten Buch und einer Tasse selbst aufgebrühtem Tee gemütlich machen können.
// info@shakespeare.lt
www.shakespeare.lt


Mode & Design

De'Žavu Vintage Boutique. Vilnius steht auf Vintage – das erkennt man nicht zuletzt an den vielen Humana-Shops, die in der Stadt fast so häufig sind wie die Kirchen. Wer es etwas schicker mag, aber trotzdem nicht auf Mode mit Geschichte verzichten will, wird in den beiden De’Žavu-Boutiquen fündig. Neben ausgefallenen Kleidungsstücken gibt es tolle Accessoires (Sonnenbrillen!) zu erstehen.
// info@dezavu.lt
www.dezavu.lt

Šarka daiktų kelionės. Šarka, zu Deutsch Elster, heißt der liebevoll geführte Familienbetrieb von Jurgita und ihren Töchtern Justė und Onė. Der Laden ist eine wahre Fundgrube für alle, die auf Vintage-Deko und Secondhand-Kleidung stehen. Obendrauf gibt es selbst designte Stücke von Justė und ihrem Label „0+0=1“, das sich in Vilnius bereits großer Beliebtheit erfreut.
// sarkos.pastas@gmail.com
www.facebook.com/sarka.daiktu.keliones

Moustache-Boutique. Wer die litauische Modeszene kennenlernen will, hat dazu in der Moustache-Boutique Gelegenheit. Hier werden ausschließlich Kreationen litauischer Designer von Kleidung über Schuhe bis hin zu den passenden Hüten für Frau und Mann verkauft – ausnahmsweise mal nicht secondhand.
// info@moustache.lt
www.moustache.lt

Essen & Trinken

Šnekutis. Wer die deftige litauische Küche verkosten möchte, ist in den Šnekutis-Gasthäusern gut aufgehoben. Zum selbst gebrauten Bier gibt es Kepta Duona, in Öl frittierte Schwarzbrotsticks mit Knoblauch. Für den größeren Hunger sind Cepelinai (gefüllte Zeppeline aus Erdäpfelteig), Šaltibarščiai (kalte Rote-Rüben-Suppe) oder Bulviniai Blynai (Erdäpfelpfannkuchen) zu empfehlen. Häufig bedient der stadtbekannte Wirt, Valentas Vaškevičius, selbst.
www.jususnekutis.lt

Špunka. Wer die schräge Künstlerrepublik Užupis nicht nur besuchen, sondern auch ihre Bewohner kennenlernen will, sollte auf ein Bier in die kleine Bar neben dem Engel von Užupis gehen. Neben einer großen Auswahl heimischer Biere (wer nett fragt, darf kosten) gibt es etwa auch einen Craft Cider („Obelą“), produziert in Vilnius.
// uzupio9@spunka.lt
www.spunka.lt

Shopping & Märkte

Keistoteka. Alte Bücher, neue Bücher, außergewöhnliche Postkarten, litauische Designersouvenirs und die Verfassung von Užupis können in der netten kleinen Buchhandlung im Künstlerviertel erstanden werden. Allergikern ist ein Besuch nicht zu empfehlen, denn zum Inventar gehört auch Ponulis. Der launische rote Kater des Geschäfts ist Kunden nicht immer wohl gesonnen.
// info@keistoteka.lt
www.keistoteka.lt

Kalvarijų Turgus/Kavallerie-Markt. Ausgewiesene Bioprodukte gibt es auf dem urigen Großmarkt keine; dafür sonst alles, was man brauchen (oder nicht brauchen) kann: vom besten Fleisch aus der Region über frisches Gemüse, verkauft von alten Frauen, die es selbst geerntet haben, bis hin zu Kameras aus der UdSSR und billigen Zigaretten. Die Preise sind gut – für den, der feilscht, sind sie noch besser.
// info@kalvariju-turgus.lt
www.kalvariju-turgus.lt



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