Natürlich Slowenien

Von den Alpen ans Meer: Bei einer Spritztour durch Slowenien sind aktive Naturliebhaber und Genießer in bester Nachbarschaft

von Maria Kapeller | aus COMPLETE 2/17   

Foto: Lukas Ilgner

Es gab eine Zeit, da brannten Anže Pazlars Schultern regelrecht. Monatelang. Danach waren sie es gewohnt, bis zu fünf Mal am Tag das Boot von Anžes Vater über den Bleder See zu stemmen. Die „Tina“ ist eine traditionelle Pletna, ein Holzboot, benannt nach Anžes Halbschwester. Wenn sie mit 20 Besuchern voll besetzt ist, wiegt sie eine Tonne. Während der rund 15 Minuten langen Fahrt vom Ufer hinüber zu Sloweniens einziger Insel, der Marieninsel mit der Kirche Mariä Himmelfahrt, steht Anže fest verankert am Heck des Bootes und zieht in einem tranceähnlichen Rhythmus beide Ruder durchs Wasser. Pletnas haben in Bled eine jahrhundertelange Tradition. Die Bootstouren über den von Gletschern geformten See sind fest in Familienhand und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Dafür sorgte im 18. Jahrhundert Maria Theresia höchstpersönlich. Sie stattete rund 20 Familien mit den notwendigen Rechten aus.

An die gemeinsame österreichisch-slowenische Geschichte erinnert auch jene Eisenbahnbrücke aus dem Jahr 1906, die über die Vintgar-Klamm führt. Sie liegt auf der legendären Bahnlinie Wien-Triest, die Sommerfrischler einst geradewegs ans Meer brachte. Die Schlucht wurde 1891 entdeckt. Die Befestigung des eineinhalb Kilometer langen Weges galt unter den damaligen Bedingungen als bautechnisches Meisterwerk. Bei einer Klammwanderung reicht der Blick von den hölzernen Galerien auf das teils wild rauschende, teils zahm dahinfließende smaragdgrüne Wasser des Flusses Radovna. Die Schlucht ist Teil von Sloweniens einzigem Nationalpark Triglav, der nach dem höchsten Gipfel des Landes – dem 2.864 Meter hohen Triglav – benannt ist und den östlichen Teil der Julischen Alpen umfasst.

Eingebettet in das Bergmassiv des Nationalparks ruht ein weiterer Gletschersee: Bohinj. Er ist der größere, schroffere Bruder des Bleder Sees: länger, tiefer, von mächtigeren Gipfeln umrankt. Stille Buchenwälder wachsen bis ans Ufer, das von hellen Kiesstränden gesäumt ist. Exakt 4,1 Kilometer lang ist der Bohinj-See. Und doch führt er ans Ende der Welt. Nach Ukanc, was im alten Dialekt der Region „am Ende“ bedeutet. „Früher glaubten die Menschen, dass die Erde mit dem Tal-ende aufhört“, sagt Simon Rozman. Er zeigt Touristen auf einem 59 Jahre alten Elektro-Schiff den See. Heute befindet sich am Ende der Welt ein idyllischer Campingplatz, der zumindest abseits der Hauptsaison Ruhe und Abgeschiedenheit schenkt. Dasselbe Versprechen verheißen die gelben Kanus, die am Seeufer darauf warten, ins Wasser gezogen zu werden. „Als ich das erste Mal hierher kam, versprach mir mein jetziger Mann eine Kanufahrt“, erzählt Guide Katarina Đurđević. „Was ich nicht wusste: Wir mussten erst einmal zehn schwere Kanus tragen, bevor es losgehen konnte.“ Mittlerweile hat sie Übung darin: Sie ist in die Outdoor-Agentur ihres Mannes, PAC Sport, mit eingestiegen. Das Kanu steuert sie heute so routiniert über den See, als hätte sie in den vergangenen zehn Jahren selten etwas anderes gemacht.

Damit die raue, unberührte Natur um den Bohinj-See sich nicht selbst zum Verhängnis wird, wollen die einheimischen Touristiker den sommerlichen Hochbetrieb drosseln und das Angebot in eine noch nachhaltigere Richtung steuern. Der Wunsch: Gäste sollen mit dem Zug anreisen und die öffentlichen Busse vor Ort nutzen. „Wir benötigen zwar Fortschritt, aber etwas unberührt zu lassen ist auch eine Entwicklung“, ist der örtliche Tourismuschef Klemen Langus überzeugt. Ab der Sommer-saison 2017 ist Bohinj deshalb Mitglied der Alpine Pearls, eines Netzwerks für sanften Tourismus in alpinen Regionen, dem auch Bled angehört. Beide Mitgliedschaften machen nur einen kleinen Teil jenes Puzzles aus, das Slowenien 2016 als erstes Land der Welt die Auszeichnung „Green Destination“ einbrachte.

Ein einzigartiger Flecken Erde ist auch Sloweniens weiter südlich gelegene Karstregion. Die Hochebene zwischen dem Vipava-Tal und der Adria ist von kargen Kalksteinfelsen, Dolinen und Höhlen geprägt. Das Ergebnis
eines Tausende Jahre alten Gegenspiels aus Gestein und der Kraft des Wassers. Genauer erforscht wurde dieses Phänomen unter den Habsburgern, seither hat sich die Bezeichnung Karst weltweit etabliert. Die raue Schönheit des Karstes kann man z. B. in den sechs Kilometer langen Höhlen von Škocjan erleben. Sie zählen zum UNESCO-Welterbe. Der herabsinkende Fluss Reka hat hier eine filmreife Unterwelt erschaffen. Der Rundgang durch den für Besucher zugänglichen Teil dauert eineinhalb Stunden und macht klar: Nicht nur das Ende der Welt liegt in Slowenien, auch das Paradies. „So haben die ersten Forscher diesen Ort genannt, weil er enorm reich an Tropfsteinen ist“, erklärt Führerin Damjana Može nach dem Durchschreiten der „Stillen Höhle“. Heute führt ein sicherer, betonierter Pfad entlang an meterhohen, 12.000 Jahre alten Stalagmiten und Stalaktiten, die wie versteinerte Luster von der Höhlendecke hängen und eine urzeitliche Filmkulisse abgeben würden. Der Stille folgt Getöse. Weit unten rauscht der Fluss Reka durch die feuchte Finsternis und kräuselt sich zu weißem Schaum. Darüber bäumt sich eine bis zu 150 Meter tiefe Schlucht auf, der größte unterirdische Canyon Europas.

Wieder zurück im Tageslicht zeigt sich der Karst im Frühling und Frühsommer noch grün, während er im Sommer regelrecht austrocknet. Pliskovica ist ein traditionelles Karstdorf. Zwischen Steinhäusern und Weinreben winden sich enge Gassen. Eine Wanderung auf dem sechs Kilometer langen Karstweg führt vorbei an Trockensteinmauern, Hirtenhütten und wilden Orchideen. Schautafeln erklären das entbehrungsreiche Leben, das die Liaison zwischen dem kargen, steinigen Untergrund und dem starken Bora-Wind den Bewohnern früher bot. Vielleicht halten die Menschen das kulinarische Erbe der Region deshalb so hoch, weil sie sich noch an schlechtere Zeiten erinnern. Aus Dankbarkeit darüber, was die raue Natur abwirft, wenn man sich mit ihr verbündet. Heute sind der trockene, tiefdunkle Rotwein Teran, der luftgetrocknete Karstschinken Kraški pršut und der mineralienhaltige Karsthonig lokale Produkte mit geschützter Herkunftsbezeichnung. Vom einfachen Leben vergangener Tage zeugt auch das als Museum erhaltene Karsthaus in Štanjel, einem der ältesten Orte der Karstregion, der auf einer 363 Meter hohen Anhöhe thront. Im unteren Raum sind Weinpresse und Stall untergebracht, oben das Nötigste. Ein Bett, ein Stuhl, eine Kochecke. Regenwasser wurde früher in einer Zisterne gesammelt. „Vor diesem Brunnen versammelten sich die Dorfbewohner, um Klatsch und Tratsch auszutauschen“, erklärt der örtliche Tourguide, „quasi ein altertümliches Facebook.“

Vom Karst geht es weiter an die nicht einmal 50 Kilometer lange slowenische Adriaküste: Während Portorož mit Hoteltempeln und Flaniermeilen protzt, gibt sich Piran bescheiden. Die Kleinstadt muss sich nicht künstlich aufhübschen, sie ist eine schlichte Schönheit und als kulturhistorisches Denkmal geschützt. Auf einer weit ins Meer reichenden Landzunge schmiegen sich die Häuser eng aneinander, während der Putz langsam von ihren Mauern fällt. Spielende Kinder, Radfahrer und Espressi schlürfende Erholungssuchende tummeln sich am belebten Platz Tartini. Er liegt dort, wohin bis vor 200 Jahren noch das Hafenbecken reichte. In den zahlreichen Kirchen und Klöstern der Stadt scheint die Zeit hingegen stehengeblieben zu sein. Im Minoritenkloster neben der Kirche St. Franziskus beginnt der Tag um 6.50 Uhr in der Früh: Morgengebet, Meditation, Mittagessen, Nachmittagsgebet, Abendessen, Abendgebet. „In der Zwischenzeit verrichten wir verschiedene Arbeiten, zum Beispiel Blumengießen“, berichtet Slavko Stermšek, einer von drei Patern. Mit einem fast spitzbübischen Grinsen fügt er hinzu: „Nur kochen tun wir nicht selber.“

Apropos kochen: Die Herstellung von Meersalz spielt an der slowenischen Küste seit jeher eine wesentliche Rolle. Heute existieren noch zwei Salinen: eine große im Naturpark Sečovlje und eine kleine im Naturpark Strunjan. Von Piran aus führt ein ins idyllische Hinterland eingebetteter Radweg entlang der Strecke der ehemaligen Schmalspurbahn Parenzana über Portorož nach Strunjan. Olivenhaine, Weinreben, Kakiplantagen und kleine private Gärten zieren die Landschaft. Im Naturschutzgebiet Strunjan umrahmen schmale, begehbare Deichpfade die riesigen Salzbecken. Zum Baden inmitten der üppigen Natur lädt die sichelförmig angelegte „Mondbucht“ ein: Unterhalb einer 80 Meter hohen Klippe schimmert die Adria in sattem Türkis. Dieser Anblick ist nur einer von vielen Gründen, bald wieder beim Nachbarn Slowenien an die Tür zu klopfen.


Slowenien

Fläche: ca. 20.000 km²

Einwohner: rund 2 Millionen

Hauptstadt: Ljubljana

Geheimtipp: das Thalasso-Spa lepa vida mit Blick auf die Salzbecken der Salinen von Sečovlje an der Küste



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