Meister der Verwandlung

Ein Sexsymbol mit Mut zur Hässlichkeit: Der Ausnahme-schauspieler Javier Bardem lebt von seinen Widersprüchen

von Christian Fuchs | aus COMPLETE 2/17   

Foto: Mod Producciones

Langweilig wird einem mit diesem Mann nie. Während andere Stars in ihrer Karriere einem berechenbaren Masterplan folgen, sorgt Javier Bardem immer wieder für Überraschungen. Laszive Latin-Lover, vom Schicksal gebeutelte Außenseiter und immer wieder bedrohliche Bösewichte zählen zum Rollen-Repertoire des international gefeierten Spaniers. Bardem, der mit großem Ernst an seine Figuren herangeht, erlaubt sich aber auch Ausflüge in den Blockbuster-Bereich. Im neuen Teil der „Fluch der Karibik“-Saga spielt er mit Lust an der Übertreibung einen Zombie-Kapitän.

Durchbruch mit nackter Haut

Eigentlich scheint das Schicksal des mittlerweile 48-Jährigen vorprogrammiert. Hineingeboren in eine spanische Schauspieler-Dynastie, wächst der kleine Javier auf Filmsets und in Theater-Garderoben auf. Geprägt von seiner alleinerziehenden Mutter, der Schauspiel-Diva Pilar Bardem, hat der begabte Bub schon als Kind Auftritte in Serien und Filmen. Aber Javier Bardem folgt zunächst einer anderen Berufung. Die Malerei hat es ihm angetan. Um sein Kunststudium zu finanzieren, jobbt er als Türsteher, Bauarbeiter und sogar – einen Tag lang – als Stripper. Bis er merkt, dass ihn das Schauspiel-Erbe doch nicht loslässt. In der schwülstigen Komödie „Jamon Jamon“ gelingt Javier Bardem als lässiger Liebhaber 1992 der Durchbruch. Einer gewissen Nebendarstellerin namens Penélope Cruz wird er später in seinem Leben übrigens wiederbegegnen, mit weitreichenden Folgen.

Lob von Starkollegen

Nachdem er sein Talent in einer Reihe eher platter spanischer Komödien verschleudert, zieht der junge Bardem Mitte der 90er die künstlerische Notbremse. Mit Hilfe einiger Regie-Provokateure wie Álex de la Iglesia oder Pedro Almodovar bricht er aus dem Schönlingskorsett aus. Das Sexsymbol verwandelt sich in rabenschwarzen Thrillern wie „Perdita Durango“ in ein faszinierendes Monstrum. Javier Bardem mutiert durch seine Wandlungsfähigkeit schnell zu einem Aushängeschild des spanischen Kinos. Der internationale Erfolg kommt dann über das mitreißende Bio-Pic „Before Night Falls“ von US-Regisseur Julian Schnabel. So einfühlsam porträtiert der gebürtige Kanare Bardem den verfolgten kubanischen Dichter Reinaldo Arenas, dass ihm Superstar Al Pacino Lobesworte auf den Anrufbeantworter spricht. Beim Dreh freundet sich Bardem außerdem mit Johnny Depp an.

Mindestens ebenso hymnische Anerkennung widerfährt dem Spanier, als er im bewegenden Drama „Das Meer in mir“ einen Taucher spielt, der ganzkörpergelähmt für einen „Tod in Würde“ kämpft. Die wahre und kontroverse Geschichte berührt Kinobesucher in aller Welt und verleiht der Karriere von Javier Bardem den endgültigen Schub. In Hollywoodstreifen von Michael Mann oder Milos Forman hinterlässt er, auch mit seinem spanischen Akzent und brummiger Stimme, einen prägenden Eindruck.

Die hässlichste Frisur der Filmgeschichte

Und dann verwirklicht sich ein Traum von Javier Bardem. Sein Lieblingsregie-Duo, die Brüder Joel und Ethan Coen, klopft bei ihm an. Die Macher von skurril-abgründigen Meisterwerken wie „Fargo“ oder „The Big Lebowski“ wollen ihn als diabolischen Killer in ihrer Literaturadaption „No Country For Old Men“. Bardem akzeptiert sofort, auch wenn die Bedingungen hart sind. Er muss für den Part des finsteren Psychopathen nicht nur etliche Extrakilos zulegen. Auch die vielleicht bizarrste Frisur der jüngeren Filmgeschichte gehört zu der gespenstischen Erscheinung. „Ich vertraute dem Friseur“, erzählte Bardem der Zeitung „Die Welt“. „Der schnippelte dann an meinen Haaren herum, und plötzlich lachten alle Tränen. Im Spiegel sah ich dann das Resultat.“ Sein Mut zur Hässlichkeit wird Javier Bardem aber gedankt. Als erster spanischer Schauspieler überhaupt bekommt er einen Oscar für die beste Nebenrolle, in der euphorischen Dankesrede widmet er den Preis seiner Mutter und seinem Land.

Auch als kleine Verbeugung vor der Heimat kann man Bardems köstlichen Auftritt in Woody Allens Film „Vicky Cristina Barcelona“ sehen. Der exaltierte Künstler, den er in der Tragikomödie spielt, bringt alle spanischen Machismo-Klischees auf den Punkt. Und bricht sie gleichzeitig. Das feurige Beziehungsduell, das sich Javier Bardem mit Penélope Cruz in dem Film liefert, mündet in reale Anziehung. Die in Spanien ikonisch verehrten Schauspieler heiraten 2010 in einer kleinen, privaten Zeremonie.

Schüchtern und selbstironisch

Nach dem komödiantischen Intermezzo mit Woody Allen will es Bardem in puncto filmischer Intensität noch einmal wirklich wissen. In dem übersinnlich angehauchten Drama „Biutiful“ spielt er einen krebskranken Antihelden aus dem Ghetto, der Geister beschwört. „Es ist das größte Geschenk in meinem Leben, Emotionen erzeugen zu können“, verrät er 2010 aus Anlass des Filmstarts dem „GQ-Magazin“. „Denn Gefühle sind gut, für uns alle, sogar dann, wenn sie Tränen, Schmerzen und Leid mit sich bringen. Jeder von uns – gerade Männer – zieht eine Mauer um sich herum. Zu Recht, denn die Welt, sie ist hartnäckig und zäh, und sie wirft mit Dreck und Schmutz nach uns. Wenn wir unsere Gefühle also zumindest mal zwei Stunden im Dunkel des Kinosaals ausleben, dann ist das doch eine gute Sache.“

Dem Sozialschocker von Regisseur Alejandro González Iñárritu attestierte die Kritik allerdings zu viel des geballten Schreckens. Die Performance des Hauptdarstellers wird dagegen durchgehend gelobt. Der Rückschlag, der in der Laufbahn jedes gehypten Schauspielers kommt, scheint bei ihm auszubleiben.

Vielleicht liegt es an der bodenständigen, selbstironischen Art, mit der er sich bei Festivals und Pressekonferenzen präsentiert. Mögen viele seiner Charaktere etwas Überlebensgroßes haben, im Privatleben wirkt Bardem durchaus geerdet. Er weist darauf hin, dass seine vermeintliche Selbstsicherheit eine gewaltige Schüchternheit kaschiert. Zu dieser sympathischen Einstellung passt auch die Zurückhaltung, die Penélope Cruz und Javier Bardem in familiären Belangen pflegen. Die Boulevard-Reporter blitzen schon im Vorfeld ab, wenn sie die beiden Schauspieler in ihrem Haus in Madrid besuchen wollen, Gala-Events werden gemieden.

Kinderschreck

Am Anfang dieses Jahrzehnts und nach dem erschöpfenden Experiment „Biutiful“ tritt Bardem in eine neue Phase seiner Karriere ein. Mit seiner höchst unterhaltsamen Darstellung des Oberfieslings Silva in dem James-Bond-Epos „Skyfall“ scheint er sich auf gewisse Weise genüsslich zurückzulehnen. Zitate aus anderen Rollen des Spaniers blitzen auf, bis hin zu einer auffälligen Frisur, die den 007-Gegenspieler wie eine abseitige Figur der Coen-Brüder aussehen lässt. Bardem ist mittlerweile eine Marke im Weltkino, er muss sich nicht ständig mit Method-Acting quälen. Einfach einmal den Kinderschreck in einer der erfolgreichsten Leinwand-Franchises der Gegenwart geben, auch das geht sich mittlerweile aus. Und so wird man ihn in diesem Monat im Mega-spektakel „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache“ hinter dickem Zombie-Make-up fluchend sehen, als zornigen spanischen Seefahrer, der Johnny Depps Jack Sparrow über den Tod hinaus Vergeltung schwört. Aber da kommt noch viel mehr. Der Psychothriller „Mother“ von Regisseur Darren Aronofsky verspricht heftige Beziehungsdramen im Spannungsgewand. Im True-Crime-Epos „Escobar“ wird er die Titelrolle des berüchtigten kolumbianischen Drogenbosses spielen, der sich in eine Journalistin (Penélope Cruz) verliebt. Der Hunger nach avancierten Rollen ist also in Javier Bardem glücklicherweise nicht versiegt.


Die Welt des Javier Bardem

No violence, please

Er spielte brutale Gangster, eiskalte Killer und sogar einen Bond-Bösewicht, der die Welt in den Untergang stürzen will: Aber Bardem hasst eigentlich Gewalt im Kino. Und spricht sich öffentlich gegen unmotivierte Blutbäder in Actionfilmen aus.

Ja zu Starkstrom-Musik

Javier Bardem ist bekennender Hardrock-Fan, AC/DC eine seiner Lieblingsbands.

Kein Netzwerken

Man findet zwar einen offiziellen Twitter-Account des Spaniers, aber seit 2012 wurden dort nur wenig nennenswerte Meldungen hinterlassen. Soziale Netzwerke ängstigen uns, meint auch Ehefrau Penélope Cruz.

Nein zum Gaza-Konflikt

Private Postings findet man auch nicht auf Bardems Facebook-Seite, allerdings jede Menge kritischer Statements zur aktuellen Politik Israels. „Ich verteidige nicht Araber oder Palästinenser, sondern die Menschlichkeit“, distanziert er sich aber von Antisemitismus-Vorwürfen.

Autos nur auf der Leinwand

Wenn das sein Gegenspieler James Bond liest: Javier Bardem gesteht in Interviews freimütig, dass er keinen Führerschein besitzt.

Es lebe der Sport

Obwohl er in einem künstlerischen Umfeld aufwuchs, war der junge Javier kein blasser, vergeistigter Bub. Als begeisterter Rugby-Spieler schaffte er es sogar in das spanische Nationalteam.


Filmographie

Auszug:

2017: Pirates of the Caribbean: Salazars Rache

2012: James Bond 007 – Skyfall

2010: Eat Pray Love

2010: Biutiful

2008: Vicky Cristina Barcelona

2007: No Country for Old Men

2004: Das Meer in mir

2000: Before Night Falls

1997: Perdita Durango

1997: Live Flesh – Mit Haut und Haar

1992: Jamon Jamon

Bald im Kino:

Im Oktober ist Javier Bardem in „Mother!“ und „Escobar“ auf der Leinwand zu sehen



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