Hinauf in die Vergangenheit

Beim Wandern mit einem Geologen erfährt man, wie die Erde vor Millionen Jahren ausgesehen hat und wie die Muscheln auf den Berg gekommen sind

von Ute Fuith | aus COMPLETE 2/17   

Foto: Imst Tourismus/Martin Lugger

Langsam wandern wir auf dem Imster Höhenweg Richtung Rotkopf. Bei jedem Schritt knirscht der Schotter unter unseren Füßen. „Die Steine, auf denen wir jetzt gehen, sind 80 Millionen Jahre alt und stammen aus dem Urmeer Tethys. Das hat während der Kreidezeit weite Teile Europas bedeckt“, sagt Magnus Lantschner. Auf seinen geologischen Wanderungen eröffnet der Naturpädagoge ein Fenster in die Vergangenheit der Erdgeschichte. Für den Laien des 21. Jahrhunderts wirken die Alpen unverrückbar und ewig, aber „tatsächlich ist die Landschaft hier um uns immer noch in Bewegung“, erklärt der Geologe. Die Entstehung der Alpen, die vor rund 100 Millionen Jahren durch die Kollision von Afrika mit Europa initiiert wurde, dauert bist heute an.

In den „Gosauschichten“ ist nachzulesen, wann die Alpen aus dem Meer auftauchten: „Damals haben sich hier Dinosaurier getummelt.“ – „Und wann sind dann die ersten Menschen gekommen“, fragt ein Kind aus der Gruppe. Der Geologe zieht eine 46 Meter lange Schnur aus seinem Rucksack: „Jeder Zentimeter steht für eine Million Jahre in der Geschichte der Erde. Die ersten menschenähnlichen Wesen mit aufrechtem Gang tauchen zwei Zentimeter vor dem Ende der Schnur auf. Aus geologischer Sicht ist das nur „ein Wimpernschlag“. Machen wir das Beste draus.


Interview

Magnus Lantschner, Geologe und Naturpädagoge

– Was begeistert dich an der Geologie?

Die Geologie eröffnet mir einen Zugang in eine andere Dimension. Geologische Abläufe sind in extrem langen Zeiträumen vor sich gegangen. Sie spiegeln eine eigene Lebenswelt wider. Die Natur ist für mich wie ein Puzzle, bei dem jeder Teil aus einer anderen Zeit stammt. In der Geologie gibt es nicht nur eine lineare Abfolge von Ereignissen, sondern auch ihre Gleichzeitigkeit.

– Was können wir von der Geologie lernen?

Das Augenscheinlichste ist, dass es die Erde schon sehr lange gibt und dass sie nicht auf den Menschen gewartet hat. Wir sind so auf uns selbst konzentriert, dass wir ganz übersehen, dass es die Erde schon seit 4,6 Milliarden Jahren gibt, den Menschen aber erst seit rund 200.000 Jahren.

– Wie kommen Muscheln auf die Bergspitzen?

Viele Menschen stellen sich das vereinfacht so vor, dass hier an dieser Stelle einmal ein Meer war. Was wir mit Gewissheit sagen können, ist lediglich, dass die Steine, die die Muscheln umschließen, im Meer entstanden sind. Es ist auch eine Frage, wie man „hier“ definiert – ob wir z. B. den Längen- und Breitengrad meinen oder den ursprünglichen Ablagerungsraum.

Die Steine sind jedenfalls viel weiter südlich entstanden und im Laufe der Jahre nach Norden gewandert. Alles ist noch immer im Fluss.


Route

Gebiet: Lechtaler Alpen, Muttekopfgebiet, Naturschutzgebiet

Schwierigkeit: mittel bis schwer

Die Tour befindet sich durchwegs in steilem Gelände, einige wenige Sicherungen sind angebracht. Gutes Schuhwerk und Schwindelfreiheit sind also Voraussetzungen.

Beste Zeit: Juni bis September

Augangspunkt: Bergbahnen Hochimst

Infos: Der Umweltbildungsverein Natopia veranstaltet in Kooperation mit dem Tourismusverband Imst Naturführungen. Tel. 05412/69 10 www.imst.at

Tourenbeschreibung: Mit dem Doppelsessellift hinauf auf das Vordere Alpjoch und leicht ansteigend auf den Imster Höhenweg über ein paar Steighilfen mit Seilsicherung Richtung Rotkopf. Bald eröffnen sich Tiefblicke in das Seebrig. Dieses wunderschöne, einsame Hochkar ist das Ziel. Über steiles Gelände steigt man weglos zu der Moorfläche hinunter. Zur Alpenvereinshütte Muttekopf sind es vom Seebrig aus circa 30 Minuten im Abstieg auf gutem Weg. Von der Muttekopfhütte kommt man über den Drischlsteig (Vorsicht, ausgesetzt!) in etwa 40 Minuten wieder zur Bergstation der Imster Bergbahnen.



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