Franzl, schau oba!

Höhe und Tiefe, das Salzkammergut hat beides. Und die Menschen hier leben Tradition und Zukunft gleichermaßen

von Karin Wasner | aus COMPLETE 2/17   

Foto: OÖ Tourismus / Andreas Röbl

„Die Kaiserin ist da jeden Tag raufgelaufen.“ Ich keuche hinter der wanderbegeisterten Wirtin des Hubertushofs, Anna Panhuber, auf den Jainzen, den Hausberg von Bad Ischl und muss mir sagen lassen, dass eine Schwindsüchtige fitter war als ich.

Das Salzkammergut ist eine der landschaftlich abwechslungsreichsten Regionen Österreichs. Hier kommen Bergfuchs wie Wasserratte auf ihre Kosten. Im Juni wird auf der Katrin ein österreichweit einzigartiger BergeSeen-Trail eröffnet. 350 Wanderkilometer aus bereits bestehendem Wegenetz mit einem Höhenunterschied von insgesamt 148.850 Metern werden zu einem Weitwanderweg vereint. Auf der Etappe liegen 35 Seen: „Stars“ wie Wolfgang- oder Attersee, aber auch Geheimtipps wie die Lahngangseen. Zwanzig Tage lang ist man in unterschiedlichsten Landschaften unterwegs. „Wir sind gleich oben!“ – Meine Wanderführerin wirft mir einen mitleidigen Blick zu. „Sissis Gesellschafterinnen haben auch nur gejammert, die mussten ja auch immer mit ihr rauf.“

Im Salzkammergut sind Sissi und Franz lebendiger als irgendwo sonst in Österreich. Hier gibt es kaum jemanden, der nicht eine Geschichte über sie zu erzählen weiß. „Die Kriegserklärung an Serbien wurde in unserem Haus in Ischl geschrieben“, sagt Annas Mann Johann, „die haben sie nur zum Unterschreiben in die Kaiservilla rübergetragen.“

Franz Bittner, Hutmacher in fünfter Generation, schaut von seiner Bad Ischler Werkstatt auf die kaiserliche Sommerresidenz. Vieles hat sich verändert, seit sein Ururgroßvater Franzls Jagdhüte aufgebügelt hat. Und doch sind die Lindenholzformen und Nähmaschinen noch die gleichen wie zur Kaiserzeit. „Jedes Stück, das hier rausgetragen wird, ist anders“, sagt er, einen noch unbehandelten, roten Filzkegel in der Hand. „So einen Hut hast halt dein Leben lang.“ Nicht nur traditionelle Hüte für Trachtenvereine oder Musikkapellen werden von Familie Bittner gefertigt, Tochter Kathi, die Juniorchefin, entwirft auch schon mal einen modernen Hochzeitshut. Und die Zukunft des Hutmacherhandwerks ist weiblich: Magdalena und Sarah, Österreichs einzige Hutmacherlehrlinge, werden bei den Bittners ausgebildet. „Schon Magdalenas Uroma hat bei uns gearbeitet!“ Franz Bittner freut sich über die gelebte Tradition in seinem Betrieb.

Das regionale Handwerk hat es sogar in eine UNESCO-Hitliste geschafft. Das Handwerkhaus Salzkammergut wurde 2016 in das Register guter Praxisbeispiele für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes aufgenommen – als eine von weltweit nur 17 Institutionen. Zur Landesausstellung 2009 eröffnet, ist das Haus ein Zusammenschluss und Treffpunkt unterschiedlichsten Handwerks. Die „Handwerkszentrale“ betreibt einen Shop mit regionalen Produkten und veranstaltet regelmäßig Ausstellungen. „Handwerk ist nicht nur romantisch. Handwerk sichert die Zukunft unserer Region!“, sagt Barbara Kern. Sie begleitet mich durch die Ausstellung, die das Schaffen von 24 Handwerksbetrieben dokumentiert. „Nicht nur der Lederhosenmacher ist Handwerk, auch der Fleischhauer. Ohne den hätten die Bergbauern, deren Kühe unsere Almen als Kulturlandschaften in Schuss halten, keine Abnehmer mehr.“ Dieser Kreislauf macht das Handwerk ökologisch wie ökonomisch bedeutend. Auch Barbara Kern betont die Bedeutung der Habsburger-Monarchie für das Salzkammergut: „Nur wegen des Kaiserhauses hat sich die Region zu dem entwickelt, was sie heute ist.“ Davon zeugen nicht nur die Souvenirs, die man hier überall findet – vom Sissihäferl bis zum „Kaiser Franz Josef I.“-Zahnstocherhalter. Kern: „Die Habsburger haben damals in Generationen gedacht. Heute nennen wir das nachhaltig.“

Generationen verbindet auch eine der wichtigsten lokalen Marken, die Gmundner Keramik. In jedem zweiten Haushalt findet sich zumindest ein Stück aus dem Traditionsbetrieb am Traunsee, oft ziert es das grüngeflammte Zwiebelmuster. Gegründet im selben Jahr, in dem Kolumbus Amerika entdeckte, zählt die Gmundner Keramik zu den ältesten Unternehmen Österreichs. Jedes Stück wird um die 60 Mal von den Mitarbeitern in die Hand genommen. Bei einer Führung durch die hellen Räume kann man den Malern bei der Arbeit zusehen: Konzentriert zaubern sie bunte Muster auf das tongraue Material. Die Motive sind von der Natur inspiriert: Blümchen, Hirsche, Fische oder Designs, die sich „Traunsee“ nennen.

Vom Traunsee auf ganz andere Art gefesselt wird Walter Edthofer. Die Leidenschaft des sympathischen Gmundners ist das Wasser. Da ist er im Salzkammergut mit insgesamt 67 Seen genau am richtigen Fleck. Am Traunsee vermietet und verkauft er Kanus, Kajaks und Stand-Up-Paddle-Boards. „Vom Wasser aus hast du einen ganz anderen Blick auf die Welt. Es ist ganz ruhig und du bist plötzlich Teil der Landschaft.“ Gerade hat er seine morgendliche Bootstour hinter sich gebracht. „Jeder See hat seinen eigenen Charme. Der Attersee hat das Farbenspiel und der Traunsee die senkrecht ins Wasser stürzenden Felsen.“

Ich warte auf seine Anekdote mit dem Kaiser Franz Josef, aber es kommt keine. Ich muss an den galauniformierten Monarchen beim Stand-Up-Paddling denken und nehme dieses Bild anstelle eines Zahnstocherhalters vom Salzkammergut mit nach Hause.



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