Der hippe Westen

Outdoor- Sportler statt Couch Potatoes, Bio-Märkte statt Fast-Food-Ketten, und jede Menge Hipster: Portland ist die vielleicht unamerikanischste Stadt der USA

von Lea Hajner | aus COMPLETE 2/17   

Foto: Alan Weiner

„Fühlt euch einfach wie zuhause“, steht im Begrüßungs-E-Mail. Wir haben unseren Gastgebern noch nicht die Hände geschüttelt, da bekommen mein Partner und ich schon den Zugangscode zu ihrem Haus anvertraut. Wie viele andere Portlander vermieten Brenda und Dave ein Zimmer ihres Hauses im Mississippi District an Touristen. Eigentlich eine gute Gelegenheit, die Stadt aus der Sicht der Locals kennenzulernen. Nun sind unsere Gastgeber aber spontan Campen gefahren und wir haben sturmfrei.

Also gehen wir auf eigene Faust auf Entdeckungstour. Obwohl hier überall Einfamilienhäuser stehen, ist die Nachbarschaft sehr belebt. Direkt ums Eck von unserem Haus gibt es ein nettes Café, eine Art Tante-Emma-Laden und einen Platz, auf dem an Ständen Street Food verkauft wird.

Seitdem in den 60er Jahren Hippies nach Portland kamen, gilt die Stadt als Mekka der Alternativen in den USA. Die Stadt hat seit 1980 ausschließlich linke und demokratische Bürgermeister.

Auch dank Fernsehserien wie „Portlandia“ oder der neuen Netflix-Produktion „You Me Her“ wird Portland immer populärer. Und so wächst auch die Anzahl der Zuwanderer aus den überfüllten und hochpreisigen Metropolen an der Westküste, vor allem aus Los Angeles und San Francisco. Die coolen Kalifornier sind den eingefleischten Portlandern allerdings oft ein Dorn im Auge. Da kommt man als Europäer wesentlich besser an. Auch bei Kim, die mir meinen ersten „Stumptown Coffee“ in einen Pappbecher füllt. Ob er schmeckt, will sie wissen? Das tut er, für Filterkaffee gar nicht mal schlecht. Es ist einer der vielen Produkte, die aus Oregon stammen und die zu einem Besuch in der größten Stadt des Bundesstaats einfach dazugehören. Genauso wie eine Bierverkostung. Insgesamt haben sich über 70 Microbreweries hier angesiedelt und Portland den Spitznamen „Beervana“ verpasst. Hopfen und Malz sind allseits beliebt und ein klassisches Getränk für viele Anlässe. So sind Kinovorführungen mit Bierverkostungen keine Seltenheit und ein gemütliches Treffen im Park wird auch gerne mit Bier begleitet.

Selbst im wohl größten Buchladen der Welt, bei Powell’s City of Books, gibt es Bier. Das Geschäft ist so groß und verwinkelt, dass ich dankbar für den Lageplan bin. Hier wird auf 6.000 Quadratmetern alles verkauft, was es in Buchform gibt: von Fiction über Non-Fiction zu Comics bis hin zu historischen Werken oder feministischen Schriften. Zwischen den Bücherreihen sitzen immer wieder Menschen, auch im Café des Bookstores wird gelesen. Ich schließe mich gerne an, blättere durch einige Stadtreiseführer und suche nach Shoppingtipps.

Ganz in der Nähe stoßen wir auf einen erstaunlich günstigen Secondhand-Laden der amerikanischen Kette Buffalo Exchange. Von Cowboystiefeln aus weißem Straußenleder bis hin zu Rennradkappen im Retrolook – wer auf der Suche nach ausgefallenen Teilen ist, wird hier garantiert fündig. Deutlich teurer geht es im Flagshipstore von Poler Stuff zu. Hier kann man hippe Schlafsack-Anzüge, Pendleton-Decken und bedruckte T-Shirts kaufen. Direkt nebenan bei Danner gibt es Lederschuhe für Wanderer, Jäger, Sicherheitskräfte und stilsichere Portlander. Seit 1932 werden die Schuhe in Oregon in Handarbeit hergestellt.

Weil Shopping früher oder später müde und hungrig macht, werfen wir einen Blick auf die Restaurantliste. Wir möchten einen schnellen Snack. Was könnte es da Besseres geben als einen Donut? Auch wenn man es beim Anblick der berühmten knallbunten Voodoo Doughnuts nicht ahnen würde: Die Portlander stehen auf gutes und meist auch gesundes Essen. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel. Wer nach endlosem Warten in der Schlange endlich einen der berühmten Voodoo Donuts ergattert, versteht auch den Slogan: „Die Magie verbirgt sich im Loch“. Mit erhöhtem Blutzuckerspiegel geht es zurück ins Appartement.

Vor der Haustür liegt ein grünes Kajak. Unsere Gastgeber Brenda und Dave sind wieder zuhause. Sie begrüßen uns herzlich, ein bisschen so, als würden wir uns ewig kennen. Die beiden schwärmen von ihrem Ausflug an die Küste. Die Portlander lieben ihre „Coast“. Mit dem Auto ist sie nur eineinhalb Stunden entfernt und das perfekte Ziel für Entspannung und Frischluft. An Wochenenden und im Sommer ist der kleine Ort Cannon Beach zum Bersten voll mit Portlandern. Deswegen fahren die beiden lieber spontan unter der Woche hin. Die Pazifikküste ist rau und oft nebelverhangen – wildromantisch und so ehrlich wie die Seele Portlands.

Am Abend sind wir faul und spazieren zum Mississippi Marketplace ums Eck. Zur Auswahl stehen zehn kleine Streetfood-Stände und ein German- Bier-Pub mit dem einladenden Namen „Prost!“. Diese Art von gemischtem Essensangebot, oft biologisch und regional angebaut, ist typisch für Portland. Die neueste Zusammenarbeit verschiedener Restaurants nennt sich Pine Street Market und beherbergt neun verschiedene Restaurants unter einem Dach, kuratiert von Mike Thelin, der auch das Feast Portland mitbegründet hat. Das Food-Festival findet jährlich im September statt.

Auch wenn sie zuhause selbst in der Küche Hand anlegen, achten die Portlander auf gute Zutaten. Der Lebensmitteleinkauf ist ein gesellschaftliches Ereignis, verrät uns Dave. Er schickt uns zum Wochenmarkt am Gelände der Universität. Jeden Samstag kommen die Kleinbauern aus dem fruchtbaren Willamette Valley und bieten den Städtern ihre Waren an. Noch nie habe ich auf einem Markt so viele hippe, mit Dreiecken und Prismen verzierte Marmeladen-Etiketten gesehen. Die Verpackung scheint mindestens genauso wichtig zu sein wie der Inhalt. Selbst die Biopilze werden in niedliche Holzkisten gepackt. Und auch die Popkultur findet ihren Platz auf diesem Gemüsemarkt: Auf einer Tafel wird mit dem Slogan „House of Chards“ für die verschiedenen Kohlsorten geworben.

Am Rückweg sehen wir vom Bus aus die Straßenschilder vorbeiblitzen. Darunter sind Namen wie „NE Lovejoy“ oder „NE Flanders Street“. Ganz zu Recht erinnern diese an die Fernsehsendung „The Simpsons“, denn ihr Erfinder, Matt Groening, kommt ursprünglich aus Portland. Er selbst wuchs in der Evergreen Terrace auf. Denselben Namen trägt die Wohnadresse der Simpsons.

Als wir aussteigen, verdunkeln sich die Wolken am Himmel und die ersten Regentropfen fallen auf den Asphalt. Für Einheimische keine Überraschung, von Wettervorhersagen halten sie nicht viel. „Es ist einfacher, den Regen immer zu erwarten“, erklärt uns Brenda, als wir nass beim Haus ankommen. Die meisten Portlander haben statt eines Schirms eine Regenjacke dabei, um im Fall des Falles nicht ihr Fahrrad stehen lassen zu müssen. Jacke an, Kapuze auf und ab nach Hause. Es geht ihnen ums Prinzip, wie so oft in Oregon. „Wir sind ja nicht aus Zucker und mit Regenschirm fällst du hier nur als Tourist auf“, sagt Brenda. Unsere Kleidung ist völlig durchnässt, aber im Einkaufskorb liegen Biokarotten, glückliches Hühnerfleisch und bunte Cocktailtomaten und warten nur darauf, zu einem gesunden Abendessen verkocht zu werden. Wir fühlen uns nicht die Spur touristisch, alles richtig gemacht also.

Portland

US-Bundesstaat: Oregon

Stadteinwohner: 601.510

Bekannt für: junge, alternative Lebenskünstler und Hipster; Vielfalt an Biersorten

Spitznamen: City of Roses, Beervana, Stumptown, Bridgetown

Motto: Keep Portland weird!

Hashtag: #PDXNOW



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