Stadt der Genießer

Lyon steht für französische Lebensart in ihrem ursprünglichsten Sinn

von Elisabeth Schepe | aus COMPLETE LUXUS 1/17   

Foto: Elisabeth Schepe

Den Kopf mit einem Arm abgestützt, blickt Paul zufrieden auf die Stadt. Der Kragen seiner weißen Weste leuchtet in den Farben der französischen Trikolore, darunter baumelt das goldene Abzeichen des „Meilleur Ouvrier de France“. Die Kochmütze, die er wie eine Krone trägt, hat er tief in die faltige Stirn gezogen. Sie reicht bis zum Giebel des mehrstöckigen Hauses. Der 91-jährige Paul Bocuse ist Lyons berühmtester Einwohner, der Sonnenkönig der Stadt. Im Le-Part-Dieu-Viertel, direkt neben der nach ihm benannten Markthalle, hat man den Begründer der Nouvelle Cuisine überdimensional an eine Hauswand gemalt.

„Lyon ist ihm dankbar“, sagt Stadtführerin Stéphanie, „wir haben alle eine starke Verbindung zu ihm.“ Sie schwingt die gläserne Tür zum Markt auf. Sofort umgeben uns der Lärm der geschäftigen Besucher und Händler und die Aromen von Brioche, Käse und frischem Fisch. Es ist der perfekte Start für eine Stadt, die wie keine andere für das französische Savoir-vivre, den kompromisslosen Genuss, steht. Lyons Patron Paul Bocuse wurde vom Gault Millau zum Koch des Jahrhunderts gewählt. 1975 erhob ihn der französische Präsident zum Ritter der Ehrenlegion. Neben seinem Drei-Sterne-Restaurant, das etwas außerhalb Lyons liegt, besitzt er hier mehrere Brasserien und eine Fast-Food-Kette. Gerade ist eine neue Ausgabe seines Standardwerks „Bocuse für jeden Tag“ (Jacoby & Stuart) erschienen. „Monsieur Paul“ ist eine Legende, die aktuell bleibt – und eine Marke, die die Stadt für sich zu nutzen weiß.

Die Liebe zum Essen und der große Appetit, für den Bocuse steht, sind aber nicht nur eine Attraktion. In Les Halles Paul
Bocuse kaufen Lyoneser täglich hochwertige Lebensmittel ein. Auf den ersten Blick wirkt die Markthalle in ihrem Überfluss dekadent, auf den zweiten sieht man hier auch Familien und Pensionisten beim Einkauf für das Mittagessen. Bei La Mère Richard lassen sie sich dicke Scheiben von Käselaiben schneiden, gegenüber bei Maison Bupier begutachten sie den Fisch. Nebenan, in der Maison Rousseau Oyster Bar, schlürfen Geschäftsleute in ihrer Mittagspause eilig ein paar Austern. In der Charcuterie Maison Sibilia, einer der besten der Stadt, stehen die Kunden für Le Jesu Wurst, eine der opulenten Pasteten im Teigmantel, oder ein Säckchen Grammeln an. „Wir essen alle Teile vom Schwein – von Kopf bis Fuß“, sagt Guide Stéphanie. Fast alle Fachhandlungen in der Markthalle werden von den Firmenchefs selbst betrieben. Sie beantworten gern Fragen zu ihren Spezialitäten. Ein Händler erklärt uns, worum es sich bei den ovalen Teigklößen handelt, die an Grießknödel erinnern. Es sind „Quenelles“ – Knödel mit verschiedenen Füllungen. Besonders typisch für Lyon sind die Quenelles de Brochet mit passiertem Hecht.

Die Markthalle ist nur ein Vorgeschmack auf die vielen Genüsse, die in dieser Stadt an jeder Ecke warten. In Lyon gibt es mehr als 2.000 Restaurants. Das sind die meisten pro Kopf im ganzen Land. Sie werden jedes Jahr von neu ankommenden jungen Köchen aufgemischt, die längst nichts mehr mit Paul Bocuse zu tun haben. Und nun will die Stadt noch eines draufsetzen: 2018 wird die Cité de la internationale gastronomie, ein Zentrum für Gastronomie mit interaktivem Geschmacksparcours, Ausstellungen und Kochshows, eröffnen. Die Renovierung des ehemaligen Hospitals Grand Hôtel Dieu (dt. Herberge Gottes) am Ufer der Rhône, heute ein historisches Wahrzeichen, ist das aktuelle Mammutprojekt der Stadt. Neben dem Gastronomiezentrum werden auf diesem Areal ein Hotel, ein Konferenzzentrum sowie Restaurants und Shops entstehen. Der Komplex soll noch mehr Besucher in die Stadt der Genießer locken.

2016 wurde Lyon bei den World Travel Awards zur „Leading City Break Destination“ Europas gewählt. Eine Touristenhochburg ist die Stadt an der Rhône und Saône trotzdem noch nicht. Lyon konkurriert mit den Publikumsmagneten Côte d’Azur und Bordeaux. Von Paris will man sich in aller Deutlichkeit abgrenzen: Sympathischer, vielseitiger, besonderer und leistbarer sei ihre Stadt, sagen die Leute vom städtischen Tourismusamt. Auch die Lage sei besser, die Nähe zur Küste und zu den Alpen ein Vorteil. Tatsächlich sind es nur zwei Stunden bis zum nächsten Skigebiet. Und bei klarer Sicht sieht man von Fourvière, einem der Hügel der Stadt, im Westen den Mont Blanc. Davor breiten sich Lyons Viertel aus und erzählen Architekturgeschichte wie aus dem Lehrbuch: Direkt unterhalb von Fourvière beginnt der gut erhaltene mittelalterliche Teil Vieux Lyon. Dann folgt die Halbinsel zwischen Saône und Rhône, Presqu’île, die im 17. und 18. Jahrhundert bebaut wurde. An ihrer Spitze, an der sich die beiden Flüsse vereinen, steht das futuristische Musée des Confluences (siehe auch S. 4). Es ist das wahrscheinlich wichtigste Monument des hypermodernen Confluences-Viertels am ehemaligen Hafen. Am anderen Ufer der Rhône knüpft die Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts mit vereinzelten Wolkenkratzern an. Und an den Ausläufern der Stadt blitzen die Türme der sozialen Wohnbauten hervor. Dieses Nebeneinander von Epochen ist selbst für Europa eine Seltenheit. Und ein Grund mehr für einen Spaziergang auf den Hügel Fourvière.

Foto: Elisabeth Schepe

Beim Rückweg hinunter geht die Zeitreise weiter: Hier kommt man an zwei teilweise ausgegrabenen römischen Theatern vorbei. Auf ihren Tribünen nahmen einst viele Tausende Besucher Platz. Heute finden hier Sommerfestspiele statt (siehe auch S. 18). „Lugdunum“ war im Römischen Reich die Hauptstadt Galliens. Eingefleischte „Asterix“-Leser kennen sie etwa aus dem Heft „Tour de France“. Die beiden reisenden Gallier decken sich bei ihrem Stopp in Lugdunum mit Wurstspezialitäten ein. Gar nicht so unrealistisch, tut es ihnen doch heute der Großteil der Touristen gleich.

Apropos Wurst: In der Stadt, in der sich alles um den Genuss dreht, ist nach dem Essen vor dem Essen. Kaum hat man sich versehen, sitzt man schon wieder an einem Tisch und lässt sich den ersten Gang servieren. Hört man dabei auf die Tipps der Einwohner, landet man früher oder später in einem der „Bouchons“. Das Daniel et Denise Saint Jean ist eines dieser urigen Gasthäuser in der Altstadt. Hier stimmt einfach alles: Die karierten Tischdecken, der Lärm, das Gedränge – alles ist so, wie es sich in einem Gasthaus gehört. Es gibt pochiertes Ei in Weinsauce und Brouchet-Knödel. Dazu: Rotwein in bauchigen Gläsern. Und von der Wand lächelt „Monsieur Paul“ persönlich. Mehr Frankreich geht nicht.

Satt – fürs Erste zumindest – begibt man sich wieder auf die Kopfsteinpflaster der Altstadt. Ist man mit Ortskundigen unterwegs, nimmt man dabei eine Abkürzung durch eine Traboule. Traboules sind versteckte Passagen innerhalb von Häuserblocks. Sie ermöglichen den Durchgang von einer zur nächsten Straße. Die Enge im mittelalterlichen Lyon hat die Bewohner erfinderisch werden lassen: Platz gespart haben sie nicht nur mit Geheimgängen, sondern auch mit Wendeltreppen, die in den Innenhöfen außerhalb der Mauern in die oberen Stöcke führen.

Während in Vieux Lyon noch die Geschichte dominiert, vermischt sich im Viertel La Croix-Russe, am nördlichen Hügel der Stadt, das Alte auf charmante Art mit dem Neuen. Im 18. Jahrhundert lebten und arbeiteten hier die canuts, die berühmten Seidenweber Lyons (siehe auch S. 14).
Die große Zeit der Textilindustrie ist seit den 40er Jahren passé. In den Fachwerkshäusern, in denen einst die riesigen Jacquard-Webstühle Platz fanden, findet man heute teure Ateliers und Lofts. Die Gassen, durch die vor hundert Jahren das unablässige Klackern und Rattern der Webstühle dröhnte, sind heute vollgesprüht mit Street-Art-Gemälden.

Verbringt man ein paar Tage in Lyon, zieht es einen früher oder später auch aufs Land – dorthin, wo die rustikale Küche der Region ihre Wurzeln hat. Das Beaujolais, die Weingegend um die Ecke, bietet sich für einen Ausflug an. Die Region ist vor allem für ihren jungen Beaujolais Nouveau berühmt-berüchtigt, der weltweit im November einen Grund zum Trinken bietet. Der Ruf vom billigen, in Massen produzierten „Nouveau“ wird aber weder dem Wein noch der Gegend gerecht. Das Beaujolais überrascht zuallererst mit seinen Farben. Die kleinen Dörfer auf den Weinhügeln glänzen in warmem Gold. Sie sind aus „pierres dorées“, einem Kalkgestein mit goldener Färbung, gebaut. Claude Geoffray empfängt uns im Chateau Thivin, einem Landhaus aus dem 14. Jahrhundert. Er ist Winzer in fünfter Generation. In seinen Kellern lagert kein Beaujolais Nouveau, sondern vor allem Côte de Brouilly von der roten Gamay-Traube. Ihre Weinberge nennen er und die anderen Winzer „vignoble heroique“ (heroischer Weinberg), denn die Hänge der Hügel im Beaujolais sind ungewöhnlich steil. „Das Beaujolais ist vor allem zum Entdecken da. Bis auf den Nouveau kennt man nach wie vor nicht viele Weine von hier“, sagt Geoffray und nimmt einen Schluck von seinem Côte de Brouilly. Und was hat das Beaujolais, was Bourdeaux und Burgund nicht haben? „Die goldenen Steinhäuser, die Ruhe. Es ist hier sehr einfach, Winzer persönlich zu treffen. Man kann ohne Termin einfach an die Tür klopfen.“ Außerdem? „Das Essen: Es gibt in dieser doch sehr kleinen Gegend viele ausgezeichnete Restaurants mit Michelin-Sternen.“ Womit wir wieder beim Anfang wären. Denn in und um Lyon beginnt und endet alles an einem reich gedeckten Tisch.



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