„Eine Stadt der Händler“

Museumsdirektor Philibert Varenne weiß alles über die Geschichte der „canuts“, der Seidenweber von Lyon

von David Schwarzenbacher | aus COMPLETE LUXUS 1/17   

Foto: G. Mirat/Maison des Canuts

complete magazin: Lyon war lange die Hauptstadt der Seidenweberei Frankreichs, wenn nicht ganz Europas. Wie kam es dazu?

philibert varenne : Die Geschichte begann 1536, als der damalige König François I. der Stadt eine explizite Autorisierung zur Seidenweberei gab. Bis dahin waren Seidenprodukte ausschließlich aus Italien importiert worden. Der Kaiser wollte das Geld in Frankreich halten. Die Wahl fiel auf Lyon, weil die italienisch-französische Grenze nur zehn Kilometer von der Stadt entfernt verlief.

— Der König schuf also eine Art Monopol?

Genau. Der König lud Seidenweber aus Italien ein, um uns das Weben beizubringen. Wirklich Fahrt nahm die Seidenweberei aber erst im 17. Jahrhundert auf, als König Louis XIV. begann, den königlichen Hof und Versailles mit Seide auszustatten. Danach wollte die gesamte Aristokratie in Frankreich und bald auch in ganz Europa die Produkte aus Lyon. Denn wenn Louis XIV. etwas hatte, dann wollten es die anderen auch.

— Was war so besonders an den Stoffen aus Lyon?

Die Weber hatten einen eigenen Stil. Zunächst fertigten sie nur Kopien von Mustern aus Italien an. Aber Anfang des 17. Jahrhunderts begannen sie, mit Künstlern zusammenzuarbeiten, die eigene, kreative Muster entwarfen. Lyon war damals sehr bekannt für das Design und die Malerei von Blumen und das floss auch in den Stil der Weber ein.

— Welche Bedeutung hatte die Seidenweberei für die Entwicklung der Stadt?

Eine große. Schon um 1744 waren etwa 100.000 Menschen in der Seidenindustrie beschäftigt – und das bei 150.000 Einwohnern! Man brauchte ja nicht nur Weber, sondern auch Designer oder Färber. Die Französische Revolution war dann ein Rückschlag. Denn wer kaufte die Seide? Der König, die Aristokratie und die Kirche. Der neuerliche Aufschwung kam mit Napoleon. Er erkannte, dass die Industrie extrem wichtig für Frankreich war. Schließlich wurden fast
80 Prozent der gewebten Seide exportiert.

— Joseph-Marie Jacquard erfand 1805 in Lyon den Jacquard-Webstuhl. Wie beeinflusste der die Branche?

Die Erfindung war essenziell. Mit dem mechanischen Webstuhl konnte mindestens doppelt so schnell gearbeitet werden. Während die alten Webstühle von zwei Personen bedient werden mussten, benötigte man für den Jacquard-Webstuhl nur eine.

— 1831 kam es zum Aufstand der Seiden-weber von Lyon. Warum revoltierten sie?

Die Preise für die Seidenprodukte wurden damals von den Händlern diktiert – und zwar erst nach der Fertigstellung. Deshalb wussten die canuts im Vorhinein nie, wie viel Geld sie tatsächlich verdienen würden. 1831 konnte man sich dann auf eine Art Mindestlohn einigen. Allerdings hielten sich einige Händler nicht daran und schließlich löste der König die Vereinbarung auf. Bei den folgenden Demonstrationen kamen zwei canuts ums Leben, worauf die Weber zu den Waffen griffen. Sie kontrollierten die Stadt für etwa eine Woche, dann rückte die Armee ein und beendete den Aufstand. Insgesamt starben knapp 600 Menschen.

— Die canuts wollten einen gerechten Lohn?

Ja, aber es ging ihnen nicht nur ums Geld. Sie wollten auch ihre Würde verteidigen! Sie waren sehr stolz auf ihre Arbeit. Die Webstühle gehörten ihnen, sie waren selbstständig, ihre Auftraggeber waren wichtige Leute. Außerdem war die Seidenweberei eine komplizierte Angelegenheit. Die canuts waren deshalb sehr gebildet. Sie wussten Bescheid über die Ideen des Sozialismus, sie diskutierten in Cafés, sie hatten sogar ihre eigene Zeitung, das „Echo der Fabrik“. Das war eine wirkliche Qualitätszeitung!

— Wie sah eine typische Seidenweberei aus?

Die canuts arbeiteten, wo sie lebten. Die Webstühle standen oft mitten in der Wohnung. In einer typischen Weberei gab es zwei bis sechs Webstühle. Die meisten canuts siedelten sich Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Hügel La Croix-Rousse im Norden der Stadt an. Die neuen Jacquard-Webstühle waren fast vier Meter hoch. La Croix-Rousse war damals noch sehr ländlich und bot dementsprechend viel Platz.

— Welche Rolle spielt die Seidenweberei heute in Lyon?

Die Region Rhône-Alpes ist nach wie vor die wichtigste Textilregion Frankreichs. Etwa 20.000 Menschen arbeiten in diesem Bereich. Marken wie Hermès produzieren in der Region, lokale Weber arbeiteten für Firmen wie Chanel oder Christian Dior. Quantitativ spielt die Seidenweberei heute zwar nur noch eine kleine Rolle, aber wir haben uns angepasst und uns auf andere Stoffe konzentriert. Im Bereich der technischen Textilien sind wir die Nummer eins in Europa. Airbags etwa sind aus gewebten Materialien. Bestimmte Teile von Flugzeugtragflächen bestehen aus Karbonfasern – die sind ebenfalls gewebt.

— Wie würde Lyon heute aussehen, wenn es die Seidenweber nicht gegeben hätte?

Die Stadt wäre eine andere. Dass die Chemieindustrie in Lyon heute einen wesentlichen Faktor darstellt, ist auch der Seidenindustrie zu verdanken, denn das technische Know-how dafür stammt zum Teil aus dem Färbereiwesen. Selbst in der Politik wirkt der Einfluss der canuts fort. Lyon ist weder links noch rechts, sondern eine Stadt der Wirtschaft, eine Stadt der Händler.

Zur Person
Philibert Varenne ist Seidenweber in sechster Generation und Direktor der Maison des canuts, eines Museums für Seidenweberei mitten im Viertel La Croix-Russe.

10 et 12 rue d’Ivry
69004 Lyon
www.maisondescanuts.fr



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