“Ich darf nicht zweifeln” – Interview mit Seestadt-Planer Johannes Tovatt

  
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Der schwedische Architekt Johannes Tovatt spricht über die Hürden, die eine Planstadt mit sich bringt, über die mögliche Zukunft der Seestadt und wieso er anstatt eines Rathauses einen See im Zentrum geplant hat.



Herr Tovatt, was sind die größten Herausforderungen bei der Planung einer komplett neuen Stadt?
Tovatt: Das ist sehr unterschiedlich in den verschiedenen Ländern. Aus meiner Sicht sind es aber politische und soziale Herausforderungen.

Welche Herausforderungen sind das genau?
Zum Beispiel, dass ein Stadtteil oder eine neue Stadt kein Extremstandort wird. Anders gesagt, dass es kein Ghetto wird. Es ist wichtig, dass es Verknüpfungen und Mischungen auf allen Ebenen gibt. Die Herausforderung ist es, lebenswerte und liebenswerte Milieus zu schaffen.

Wie kann man das beeinflussen?
Für eine Mischung auf allen Ebenen spielen die Erdgeschosszonen eine wichtige Rolle. Diese müssen belebt sein und eine Vielfalt an Angeboten und Geschäften bieten. Für die Verknüpfung muss ein Austausch zwischen der Seestadt und der Innenstadt stattfinden. Die Innenstadt Wiens darf nicht mit der Seestadt konkurrieren, denn die Seestadt gibt und die Innenstadt muss zurückgeben. Immerhin schafft man dort Wohnungen und Arbeit für tausende Personen. Diese Menschen nutzen die Innenstadt und produzieren Kultur, Enthusiasmus und vor allem auch Steuergelder.


Die Seestadt ist nicht Tovatts flächenmäßig größtes Projekt. Gerade arbeitet er an einem Ausbau von Stockholm, der die doppelte Größe der Seestadt erreichen soll. Jedoch war die Seestadt Aspern für ihn bisher die größte Herausforderung. Die Kombination aus Größe und Lage des ehemaligen Flugfeldes machen es schwierig, denn der Standort ist von allen Seiten abgeschottet.


Warum hat man sich für diese Lage entschieden?
Das waren sehr pragmatische Gründe. Erstens, weil es ein riesiges Areal ist und weil die Eigentumssituation von Stadt und Bund deutlich war. Strategisch war natürlich auch die Verlängerung der U2 ein wichtiger Grund. So eine Stadt wie die Seestadt funktioniert nur mit den nötigen Anbindungen.


Jeder zweite Zug der U2 Linie fährt bis zur Endstation Seestadt. In den Stationen dazwischen ist lange nichts zu sehen. Man fährt hinaus aus dem Zentrum und wie aus dem Nichts erscheint plötzlich diese neue Stadt.


Normalerweise wächst eine Stadt von innen nach außen. Wieso wird bei der Seestadt von außen nach innen gebaut?
Ja, das ist ungewöhnlich. Aber die Absurdität wird in der Zukunft aufgehoben und es kommt zu einer Verdichtung. Es gibt schon diese Geisterstationen bei der U-Bahn. Dort ist jetzt noch nichts, aber alles wird noch wachsen.

Stellt das nicht Probleme für die Bewohner dar, die jetzt schon dort wohnen?
Ja, ganz deutlich. Heute gibt es noch viele leere Flächen, aber in zehn Jahren nicht mehr. Für die Menschen, die jetzt schon dort wohnen, ist die Innenstadt ein wichtiger Zielpunkt. Alles fließt hinein und sie ist ein Knotenpunkt für Reisen in alle Richtungen.

Die Innenstadt ist bestimmt ein Knotenpunkt, aber Banlieues oder Trabantenstädte zeichnen sich besonders durch ihre Abhängigkeit von der eigentlichen Stadt aus – denken Sie die Seestadt steht in so einem Abhängigkeitsverhältnis zu Wien?
Die Abhängigkeit muss da sein. Sie ist wichtig und es darf auch nicht anders sein. Innenstädte sind an sich sehr introvertiert. Diese Situation ist vorgegeben. Deshalb ist eine stabile Verbindung, durch U-Bahn, Busse, öffentliche Verkehrsmittel nach Wien sehr wichtig. Die Verbindung und der Austausch mit der Innenstatt sind essentiell. Natürlich muss dennoch ein Milieu geschaffen werden, in dem man bleiben will und kann!

Dafür muss die Stadt 25.000 zukünftigen Einwohnern aber etwas bieten können. Was kann das sein?
Geschäfte und Arbeitsplätze. Im Grunde die Dinge die ansatzweise schon dort sind. Alles, was es schon dort gibt ist ein Zeichen für ernste Arbeit. Die Geschäfte sind nicht einfach gekommen. Es liegen tausende von Arbeitsstunden und Verhandlungen dahinter, um ein Geschäft dort anzusiedeln.

Was haben Sie schon bei der Planung bedacht, damit die Seestadt nicht zu einer Schlafstadt wird?
Es ist die Ur-Frage oder der Urzweifel der Seestadt. Vor allem durch die Größe und Lage ergeben sich viele Schwierigkeiten. Ich darf nicht zweifeln, aber das ist natürlich immer eine gefährliche Frage. Kann es eine Schlafstadt werden oder besser gesagt: Wird es eine werden?
Ich habe die Lösung in Bewegung und Verknüpfungen gesucht. Auch in dem Rhythmus von öffentlichen Räumen, lebenden Straßen, Plätzen und Parkräumen. Wir haben versucht, so weit wie möglich sichere und überblickbare Strukturen zu schaffen, um diese Gefahr zu minimieren. Aber ja, es kann auch anders werden.


Bis 2028 soll die Seestadt Aspern weitgehend fertiggebaut sein. 10.500 Wohneinheiten für bis zu 25.000 Menschen sollen bis dahin entstehen. Geht man heute durch die Straßen der Seestadt, sieht alles noch ziemlich leer aus. Das, obwohl schon etwa 6.000 Menschen in der neuen Stadt wohnen.


Gibt es eine bestimmte Zielgruppe, die die Seestadt ansprechen soll?
Nein, es gibt keine bestimmte Zielgruppe. Alle Menschen sollen angesprochen werden, denn sonst wird es ein Ghetto.

Wie kann diese soziale Diversität geschaffen werden?
Es gibt eine interessante Anfangs-Diversität durch die Einfamilienhäuser, die umliegend sind. Das ist schon vorhanden, wenn auch ein bisschen distanziert. Zusätzlich muss man natürlich mit allen möglichen Eigentumsverhältnissen arbeiten.

Macht es Sinn, so viele Menschen gleichzeitig in einen so riesigen Wohnpark zu siedeln, oder wäre es nicht sinnvoller, Lückenbau in bereits bestehenden sozialen Gefügen zu betreiben?
Hoffentlich werden in der Zukunft nicht einfach Baublöcke fertiggestellt, sondern auch Baulücken gefüllt. So kann es zu einer Verdichtung kommen. Das klingt vielleicht ein bisschen künstlich oder konstruiert, aber es ist immerhin auch eine konstruierte Stadt.
Man kann genauso das Unerwartete organisieren, indem man Offenheit lässt. Man kann Komplexität und auch Komplikationen in eine Stadt einbauen. Das kostet zwar ein bisschen, aber dann kann etwas ganz Besonderes entstehen in der Zukunft.

Und die Seestadt bietet die Möglichkeit für Unerwartetes?
Das muss sie tun. Über die Jahrzehnte müssen Veränderungsmöglichkeiten da sein. Mit der großmaßstäblichen Struktur der Seestadt kann man spielen. Diese versucht lediglich Grundprinzipien der Stadt zu organisieren. Alle kleinmaßstäblichen Aspekte wie Inhalt, Ausdruck, Architektur oder Straßenraum müssen sich ständig entwickeln.

Um Fehler in der Zukunft zu vermeiden, schlägt der Schwede vor, kreativere Köpfe, wie etwa Studierende, an den Ideen für die Stadtentwicklung mitwirken zu lassen. Politiker würden laut ihm oft dramatische, strategische Entscheidungen treffen, aber deren Auswirkungen nicht begreifen. Man müsse bewusster mit Ideen für den Ausbau umgehen, dann würden nicht so viele Fehler entstehen. „Das ist jedoch schwierig und erfordert einen gewissen Intellekt.“ Tovatt sieht lebendige Studierende, anstelle von ökonomisch orientierten Politikern, als geeignet dafür.

„Wenn man richtig arbeitet, setzt man die Interessen der Stadt an oberste Stelle und diese Interessen sind nicht notwendigerweise Geld!“

Einen Blick in die Zukunft bietet ein älteres Projekt des Stadtplaners. „Hammarby Sjöstad“ – oder auf Deutsch „Seestadt“. Diese Stadterweiterung in Stockholm hat nicht nur denselben Namen, sondern ist der Seestadt Aspern auch sonst sehr ähnlich. Nur kann man hier laut Tovatt den Erfolg bereits erkennen. „Dieser Ort hat sich in den letzten fünfzehn Jahren zu einem dynamischen und lebendigen Stadtteil entwickelt.“ Wird die Seestadt sich auch so positiv entwickeln?

Zehn bis fünfzehn Jahre wird es laut Tovatt mindestens noch dauern, bis die Seestadt als eigene Stadt funktioniert. Bis dahin muss sich der Plan ständig weiterentwickeln.

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Biografie Johannes Tovatt

Der Schwede ist 1964 in Stockholm geboren und stammt aus einer Familie mit fünf Kindern. Er hat gemeinsam mit seinen Geschwistern und seiner Mutter außerhalb Stockholms in einem Einfamilienhaus gewohnt. Heute lebt er in einer kleinen, sehr einfachen Wohnung am Rande der Stadt.

Mit 16 Jahren beschloss er, ein Boot zu kaufen und dachte damals wohl nicht, dass dieser Kauf seine berufliche Karriere bestimmen würde. Der Mann, der es ihm verkaufte, war der 50 Jahre ältere Ralph Erskine – ein renommierter und einflussreicher Architekt in Schweden. An diesem Tag lernte Tovatt seinen heutigen Mentor und Partner kennen.

Er begann schließlich mit kleineren „Küchendiensten“ im Unternehmen von Erskine und verdiente sich durch viel Arbeit seinen Titel als Architekt. Seine Ausbildung hat Tovatt formell nie abgeschlossen. Ende der 90er Jahre wurden Erskine und er Partner und gründeten gemeinsam Erskine Tovatt Architects. 2005 starb Erskine im Alter von 92 Jahren.

„Er war wirklich ein Vorbild für mich und ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben.“

Die beiden haben noch gemeinsam die Bewerbung für das Projekt Seestadt gemacht.


Autoren: Katharina Achleitner
Mit Unterstützung von: Elisabeth Bergmann