„Jeder für sich und manches zusammen“- Das Leben im ersten Que[e]rbau Wiens

  
Queerbau

Im Que[e]rbau kann jeder leben: Klassische Familien, Homosexuelle, Pensionisten und Asylanten. Eine bunte Reportage.

„Sind da Geister in dem Haus?“ hallt die helle Stimme des kleinen Buben durch das lichtdurchflutete Wohngebäude. Lachend laufen er und sein Bruder die Treppen hinunter. Ob im Que[e]rbau wirklich Geister spuken, lässt sich schwer feststellen. Eines ist aber klar: Freigeister findet man in dem bunten Wohnprojekt der Seestadt allemal.



Das Korkbrett mit den 76 Schlüsseln lehnt unscheinbar hinter dem Rednerpult an der Plane. In dem weißen Zelt steht die Hitze. Trotz der Schweißperlen auf den Stirnen der Versammelten, liegt in der stickigen Luft auch Vorfreude. Die schmucklosen Schlüssel bedeuten ein neues Leben für die Anwesenden. Neben dem üppigen Buffet stehen händchenhaltend zwei Frauen. Das Lächeln auf ihren Lippen verrät die Freude auf das neue Heim. Nach der Reihe werden alle aufgerufen, um ihren Schlüssel in Empfang zu nehmen. Es ist der 21. Juni und der Que[e]rbau ist nach sieben Jahren Wartezeit eröffnet.


Ein queeres Projekt im Namen der Vielfalt

Sieben Jahre – die Zeit, die es braucht, damit aus einer Idee ein fünfstöckiges Wohnhaus wird. Angefangen hat alles mit Andreas Konecny und Roland Hampel – dem Obmann des Vereins Que[e]rbau und dem Architekten. Von Anfang an waren zwei Aspekte essentiell: Die Repräsentation einer queeren und bunten Weltstadt wie Wien und die Möglichkeit, dass die Mieterinnen und Mieter als Gemeinschaft nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander leben und ihren Wohnraum selbst gestalten können.

Unter diesem Motto stellten Andreas Konecny und das Que[e]rbau Team den Entwurf der Politik vor. „Queer lädt Vielfalt ein und löst gleichzeitig die Kategorien auf“, erklärt der Initiator des Projekts. Dazu könne man wohl schwer Nein sagen. Das sah auch die Politik so. Die Rückmeldung war nicht nur positiv, sondern regelrecht auffordernd. Auch die österreichische Bevölkerung nahm das Projekt unterstützend an. Konecny merkt lediglich an, dass gewisse Medien den Que[e]rbau aus einem einseitigen Blickwinkel beleuchteten. „Den Que[e]rbau als „Schwulen- und Lesbenhaus“ zu bezeichnen, ist wie zu sagen „Europa für Schwule und Lesben“ – es ist ein Teil davon, aber nicht das große Ganze.“

Seestadt ist… bunt

Anita ist eine der vielen neuen Mieterinnen des Que[e]rbaus. Sie und ihre Partnerin wollten eigentlich in die Stadt ziehen, entschlossen sich dann aber doch für die Seestadt. „Wir wollen hier einfach leben, ohne schief angeschaut zu werden. In Wien war es damals zwar nicht schlimm, aber ganz akzeptiert waren wir nicht.“ Weil man vor allem in der Arbeitswelt als queere Person immer noch mit Diskriminierung kämpfen muss, möchte Anita lieber unerkannt bleiben.

Die Seestadt war von Anfang an einer der potentiellen Bauorte, die für den Que[e]rbau in Betracht gezogen wurden. Das Teilgebiet der Donaustadt zusammen mit der Aspern Developmenet AG hießen den Vorschlag willkommen und auch das Rathaus bot seine Unterstützung an. Alle stimmten der Idee zu, dass Wien als queere Weltstadt auszeichnen soll. „Dabei gibt es den Qu[e]rbau nicht nur in Wien zum ersten Mal, sondern auch in Europa.“ erklärt Konecny. Ein weiteres Projekt steht in Wien bereits in den Startlöchern und auch aus dem deutschsprachigen Raum kommen bereits vermehrt Anfragen.

Miteinander leben, nicht nur nebeneinander wohnen



Genau so innovativ wie die Idee war die Planung und Umsetzung des Baus selbst. Denn bei Que[e]rbau handelt es sich um eine Baugruppe. Das bedeutet, dass die Bewohnerinnen und Bewohner selbst in die Gestaltung des Wohnhauses involviert waren. Jede Mieterin und jeder Mieter konnte somit selbst entscheiden, wie sie und er gerne wohnen würde, was jede Wohnung zu einem Unikat macht. Nach außen hin wirkt das Gebäude fast unscheinbar und unterscheidet sich kaum von den umliegenden Wohnhäusern – eine Entscheidung, die der Architekt Clemens Kirsch mit Absicht gewählt hat. Man müsse daran denken, dass das Gebäude viele Jahre stehen und ein Zuhause bieten soll. An Modefarben sehe man sich schnell satt. Deshalb ist das Haus innen und außen in dezenten Erdtönen gehalten.



Um die Vielfalt zu repräsentieren, sind die einzelnen Wohnungstüren in unterschiedlichen Blautönen gehalten. All diese Feinheiten unterstreichen die individuellen Persönlichkeiten des Qu[e]rbaus. Konecny war es aber auch wichtig, die Gemeinschaft, das aktive Zusammenleben und den Austausch der Bewohnerinnen und Bewohner zu fördern. „Das Motto ist: jeder für sich und manches zusammen.“



Zum Beispiel gemeinsam in die hauseigene Sauna zu gehen, oder sich auf der Terrasse die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Besonders wichtig ist hier das Vereinscafé, das die Mieterinnen und Mieter gemeinsam betreiben. Das Miteinander steht im Qu[e]rbau an erster Stelle.


Die Schlüssel sind alle vergeben und das Zelt ist immer noch voll mit Leuten. Der kleine Junge ist mittlerweile nicht mehr auf Geisterjagd, sondern auf der Suche nach Essen. Während er noch unentschlossen vor dem Buffet steht, gesellt sich eine Frau mit langen, grauen Haaren zu ihm. Als er sie bemerkt, leuchten seine Augen auf und er grinst breit. Die Frau grinst zurück. Sanft wuschelt sie ihm durch seine Haare. „Na, wie geht’s dir, Schnucki? Wo sind denn Mama und Papa?“ Der Bub dreht sich um und zeigt auf ein junges Ehepaar, das essend an einem der Tische sitzt. Der Altersunterschied zwischen der Frau und dem Buben ist zwar groß, doch sie scheinen bereits gute Freunde zu sein – was gut ist, denn jetzt sind sie Nachbarn.


Alle Farben des Regenbogens



Sieben Jahre – das ist viel Zeit, um sich als Community kennen und lieben zu lernen. Durch die gemeinsame Facebook-Gruppe und vielzählige Treffen konnten die Mieterinnen und Mieter des Que[e]rbaus schon vor dem eigentlichen Einzug Freundschaften bilden. Nachdem sie sich anfänglich nur geistig nahegestanden sind, sind sie jetzt auch im Alltag Nachbarn. Regenbogenfamilien, queere Flüchtlinge und weltoffene Menschen teilen ein gemeinsames Zuhause und machen die Seestadt jeden Tag um ein Stück bunter.


Autoren: Isabella Radich, Maria Lahodny, Annika Zweimüller, Carla Marquez