Politik in der Seestadt – warum ein rot-grünes Prestigeprojekt blau wählte

  
Politik

Die Seestadt ist ein rot-grünes Vorzeigeprojekt und wählte bei der Gemeinderatswahl mehrheitlich blau. Das war 2015. Ein Jahr später ist die Seestadt von der FPÖ dominiert, wählte bei der Bundespräsidentschaftswahl 2016 aber mehrheitlich Van der Bellen.
Die Seestadt – ein Paradoxon.

Das große Versprechen: keine Schläfersiedlung

Mai 2007: Der Startschuss für die Seestadt. Der Gemeinderat stimmt dem Siedlungsprojekt auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern zu. Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) und Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) versprechen eine Siedlung in der man wohnen, arbeiten und auch seine Freizeit verbringen kann. Eine eigene Stadt in der Stadt. Zehn Jahre später leben die ersten 6.000 Menschen am künstlich angelegten See. Was ist aus den Versprechen geworden?

Die Nahversorgung erinnert an ein niederösterreichisches Kaff. Ein „Spar“, ein „Libro“, eine Bäckerei, eine Apotheke, eine Trafik. “Es gibt keine Diskonter, nur ein ‘Spar’ ist zu wenig”, ärgert sich ein Student. Geschäfte gibt es, aber keine Auswahl. “Mit dem Ausbau der Seestadt kommen auch mehr Einkaufsmöglichkeiten”, verspricht Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (SPÖ).

Die Ladenbesitzer fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Es mangelt an Kunden – trotz lokalem Monopol. Neue Kunden sollen erst mit dem Abschluss der zweiten Bauetappe 2022 kommen. Von außen verirrt sich kaum jemand in die Seestadt. Das liegt vor allem am zweiten Problem.

Der Seestaat: Mobil nach innen, abgeschottet nach außen

Vize-Bürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (Die Grünen) schwärmt von der autofreien Stadt. Die Seestadt soll zeigen, dass es auch mit wenigen Autos geht. „Perfekt angebunden und bewusst entschleunigt“ wirbt die Webseite der Seestadt. 0,7 Autostellplätze pro Wohnung sind geplant, die meisten davon in Sammelgaragen. Der Wiener Durchschnitt liegt bei zwei Stellplätzen pro Wohnung. Einkaufen fahren die Seestädter mit der “SeestadtFlotte”, einem Fahrradverleihsystem für E-Bikes und E-Lastenräder.

Junge Bewohner sind überzeugt: Eine autofreie Seestadt ist möglich. Für die Familien ist der Alltag ohne Auto allerdings komplizierter. Die teuren Stellplätze ab 90 Euro aufwärts belasten sie finanziell. Einige müssen ihre Kinder außerhalb der Seestadt in den Kindergarten bringen, da es noch nicht genug Krippenplätze gibt.

Über ein Problem schimpfen alle gleich: Zu wenig Besucherparkplätze. “Man kann niemanden einladen. Freunde, die zu Besuch kommen, müssen entweder weit draußen parken oder zahlen sechs Euro für einen Parkplatz”, meint eine junge Frau beim Frisör. Das trifft nicht nur die sozialen Kontakte, sondern auch die örtliche Gastronomie.

Ein gefundenes Fressen für die FPÖ. Sie kritisiert das Mobilitätskonzept, fordert mehr Parkplätze und stellt sich gegen ein generelles Tempolimit von 30 km/h. Der Bezirksvorsteher-Stellvertreter Werner Hammer (FPÖ) fasst zusammen: “Man kann die Leute nicht zum Öffi-Fahren zwingen, indem man das Autofahren unerträglich macht”.

Die Stadtentwicklung beschwichtigt, mit dem Ausbau der Seestadt wird alles besser. Zwei Dinge sollen die Mobilität der Seestädterinnen und Seestädter verbessern: Die S-Bahn und die Stadtstraße mit Anbindung an die Autobahn. Erstere fährt voraussichtlich ab 2019 bis zum neuen Bahnhof Aspern Nord.

Zweitere wird komplizierter. Die Anbindung steht und fällt mit dem umstrittenen Lobautunnel. Ob der Tunnel kommt, entscheidet der Verwaltungsgerichtshof. Vize-Bürgermeisterin Vassilakou kämpft seit Langem dagegen, will sich aber dem Urteil beugen.

Soziale Durchmischung: Die Gefahr des Banlieue

Die Seestadt will nicht nur innovativ sein, sondern auch sozial. 760 von den 2.600 Wohnungen der ersten Bauetappe sind gefördert. Die Stadt Wien will damit die Ansiedlung unterschiedlicher sozialer Gruppen fördern. Eine derartige soziale Durchmischung bedeutet in Zeiten steigender rassistischer Ressentiments aber auch steigende Konflikte und Widerstand.

Von Konflikten hört man in der Seestadt wenig. Es herrscht eine seltsame Harmonie. “Das Zusammenleben läuft gut, auch mit den ausländischen Nachbarn”, meint eine Pensionistin. Viele Bewohner haben den Eindruck, dass immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund in die Seestadt ziehen. Statistiken darüber gibt es nicht. Eine Erklärung wäre, dass die geförderten Wohnungen zu den letzten gehörten, die im Herbst 2015 fertiggestellt wurden.

Als im März 2016 nach Unterkünften für Flüchtlinge gesucht wurde, war die Grenze der Toleranz aber erreicht. 20 junge Flüchtlinge sollten temporär in einer leerstehenden Erdgeschossfiliale unterkommen, doch die Wien 3420 Aspern Development AG lehnte das ab. Abseits davon gibt es in der Seestadt keine eigenen Flüchtlingsunterkünfte, allerdings eine Initiative, die regelmäßig Sammelaktionen für eine nahegelegene Flüchtlingseinrichtung veranstaltet.

In Harmonie gespalten

Im Großen und Ganzen sind die Seestädter mit der Entwicklung des Projekts zufrieden. Wenn es sich mit dem Pendeln vereinbaren lässt, wohnen die meisten gerne dort. Dennoch gibt es Schwierigkeiten. Vor allem der Konflikt in der Verkehrspolitik treibt die Leute zur FPÖ.

Aber politische Einstellung kommt nicht nur aus dem Wohnumfeld. Gerade dann nicht, wenn man erst seit Kurzem dort wohnt. Wer vorher schon Globalisierungsverlierer war, bleibt es auch in der Seestadt.

Eine Unsicherheit vor dem, was kommen könnte, schwingt trotzdem mit. Die Seestädter werden in den nächsten zehn Jahren 15.000 neue Nachbarn haben. Selbst wenn sie mit den jetzigen gut auskommen, befürchten viele, dass mit “den Neuen” Konflikte entstehen könnten. Diese Angst kennt man auch von anderen Orten. Das schnelle Wachstum der Seestadt verstärkt die Unsicherheit allerdings noch.

Trotzdem: Die Seestadt zeigt, wie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen gut miteinander leben können. Die erste positive Eigenschaft, die den meisten zur Seestadt einfällt, ist die harmonische Nachbarschaft, die sowohl das Ländliche als auch das Städtische in sich verbindet. Darauf könnte die Seestadt aufbauen. Könnte. Die Seestadt – ein Konjunktiv.

Lesen Sie auch: Seestadt-Spaziergang mit der FPÖ und Seestadt-Spaziergang mit der SPÖ


Autoren: Luca Scheiring, Clemens Draxler, Julia Strohdorfer, Manuel Lavoriero, Felix Kostersitz