Humans of Seestadt – Porträts und Geschichten aus der Seestadt

Humans Of Seestadt - Titelbild

Christian – der Wirt

„Ich bin vor zwei Jahren von München in die Seestadt gezogen, um hier das Lokal ÖEINS zu gründen.”

“Meine Freundin ist aus Österreich. Die Seestadt ist für mich wie ein modernes Dorf, wie ein Urlaubsort. Man kennt die Leute auf der Straße. Es ist ruhig hier. Zu ruhig. Ich vermisse den Lärm der Großstadt. Vor allem im Winter herrscht eine traurige Stimmung. Ich will jetzt erstmal hierbleiben. Ich habe aber nicht vor, ewig in der Seestadt zu wohnen.

Das Geschäft läuft gut. Es wäre aber gelogen, zu behaupten, dass es immer so war. Vor allem die Anfangszeit war eine große Herausforderung. Alles, was leicht ist, war irgendwann mal schwer. Wir spüren, dass es sich jetzt bessert. Eine neue Jeans-Hose muss auch getragen werden, damit sie passt. Genauso ist es mit unserem Lokal: Es hat eine Weile gedauert, bis es läuft.

Ich sehe mich als Pionier hier in der Seestadt. ÖEINS war eines der ersten Lokale, die hier geöffnet haben. Jetzt planen wir die Zukunft. Ich bin voller Hoffnung. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch wachsen.“


Nicole & Carina – die Mütter

„Wir sind wegen der Schule in die Seestadt gezogen.”

“Wir sind beide voll berufstätig, da gibt es nichts Besseres als die Ganztagsvolksschule. Unsere Söhne sind beide acht Jahre alt und gehen in die Parallelklasse. So haben wir uns kennengelernt.“

Nicole

„Die Seestadt ist wie eine Oase in der Stadt. Es ist alles sehr familienfreundlich und man kennt schon einige Leute vom Einkaufen im Supermarkt oder von der Schule. Man hat hier alles, was man braucht – man muss die Seestadt nicht verlassen.“

Carina

„Ich bin vor zwei Jahren von Niederösterreich hergezogen, also gerade zur Eröffnung der Seestadt. Ich hab’ mich nach einem Job im medizinischen Bereich umgesehen. Eigentlich war das Schottentor mein Kriterium, aber mit der U2 ist man sofort da. Von meinem Balkon aus habe ich sogar einen Blick direkt auf den Schulhof.“

Helmut – der Vater

„In der Seestadt ist viel los.”

“Vieles ist aber noch im Entstehen. Als Elternteil kann man mit seinen Kindern viel unternehmen: Im See schwimmen, spazieren, skaten. Die Verbindung ist gut, wenn man von Wien kommt. Die Anbindungen in der Seestadt könnten aber besser sein.“


Viktoria – die Krankenschwester

“An der Seestadt gefällt mir besonders die Gemeinschaft.”

“Man fühlt sich hier nicht alleine und kommt sofort in Kontakt mit anderen Menschen. Es gibt auch immer wieder Events, bei denen man sich treffen kann. Man kann spazieren gehen, Leute treffen und schwimmen. Viele meinen zwar, die Verbindung in die Innenstadt ist blöd – aber mir persönlich gfollt‘s hier!”


Volkan – der Vater

.”Es gibt zu wenig Kindergartenplätze hier”

„Heute hab’ ich bis fünf Uhr nachmittags gearbeitet, jetzt mache ich gerade eine Pause. Ich arbeite in Niederösterreich. Ramadan mache ich nicht, das ist mir zu streng. 15 Stunden ohne Trinken halte ich nicht aus.

Ich habe meine Frau in der Türkei kennengelernt. Wir haben in mehreren Bezirken in Wien gelebt. Vor drei Monaten sind wir dann zusammen mit unserer Tochter vom 12. Bezirk in die Seestadt gezogen. Ich wollte meine Tochter heuer im städtischen Kindergarten in der Seestadt anmelden, die hatten aber keinen Platz mehr für sie. In Stadlau hätte ich einen Platz bekommen, aber das ist zu weit entfernt. Es fehlt die Busverbindung. Deshalb bleibt meine Frau mit ihr zuhause.“


Michael – der Magistratsmitarbeiter

“Es gehört mehr her für die jüngere Generation.”

“Es ist ziemlich schön hier, weil die Nachbarschaft vertraut ist. Der Wein ist auch gut. Wir haben viele Felder. Auch der See ist schön. Wir haben zwar genügend Einkaufsmöglichkeiten, aber es könnte schon besser sein. Ein Spar ist zu klein für alle Bewohner der Seestadt. Mal schauen, wie es aussieht, wenn die Seestadt ausgebaut ist. Das dauert noch zehn bis 15 Jahre.“


Charliene – die Kellnerin und Studentin

„Ich bin im September in die Seestadt gezogen.”

“Am selben Tag fand hier gerade ein Technofestival statt. Wir waren sehr überrascht. Meine Mitbewohnerin und ich sind aber nicht hingegangen. Mein erster Eindruck von der Seestadt? Sauber. Ein Ort mit Urlaubs- und Sommerfeeling.

Ich studiere nebenbei an der Universität Wien. Ich fahre fast nie mit der U-Bahn. Stattdessen benutze ich das Auto. Das ist auf jeden Fall angenehmer. Die Bewohner der Seestadt kommen meistens – genau wie ich – nicht aus der Hauptstadt. Wer schon mal in Wien gewohnt hat, der zieht nicht in die Seestadt.“


Ciagatay – der Student

„Ich besuche gerade einen Deutschkurs.”

“Seit März wohne ich im Studentenwohnheim in der Seestadt. Geboren bin ich in der Türkei. Im Herbst will ich dann mit dem Studium beginnen – Maschinenbau. Was ich danach machen will? Das weiß ich noch nicht. Mit einem Abschluss im Maschinenbau gibt es sicher viele Chancen.“


Julian – der Fahrradhändler

„Meine letzte Tour war von Ybbs nach Krems über die Wachau.”

“Wohin meine nächste Fahrradtour führt wird, weiß ich noch nicht. Fahrradfahren ist für mich ein guter Ausgleich zum Berufsalltag.

In meinem Geschäft verkaufe und verleihe ich Fahrräder für Kinder und Erwachsene. Außerdem bieten wir hier Fahrradkurse und Reparaturen an. Wir haben einen Radverein gegründet, der einmal im Monat einen Radausflug veranstaltet. Die Teilnehmer kommen meistens aus der Seestadt, sind Wochenendfahrer oder auch Leute, die jeden Tag das Fahrrad benutzen.

Die Seestadt ist zwar nicht groß, aber sie wächst. Es ist hier wie in einem kleinen Mikrokosmos. Für mich hat die Seestadt die Vorteile einer Großstadt, vor allem was die Infrastruktur betrifft. Man hat ein urbanes Lebensgefühl, aber gleichzeitig den Vorteil, aus der Stadt flüchten zu können.“


Fatima – die Mutter

„Ich bin hergezogen, weil es ein schöner Bezirk mit neuen Wohnungen ist.

“Ich bin Hausfrau und mein Mann ist Schuhmacher in der Seestadt. Wir gehen fast jeden Tag mit den Kindern zum See.“


Erek – der Pensionist

„Mir gefällt’s hier total gut.”

“Der See ist toll. Leider ist dort vor kurzem jemand ertrunken, die Person war erst 50 Jahre alt.

Beruflich war ich Brauer und Mälzer. Jetzt bin ich pensioniert. Das Tolle hier in der Seestadt sind die Sterne. Der Mond ist manchmal blutrot. Die Nachbarschaftsbücherei, find ich, hat keine guten Bücher. Ich habe selbst die besten Bücher.“


Tarik – der Student

„Ich studiere Soziologie an der Universität Wien.”

“In meiner Freizeit spiele ich Klavier und Orgel. Im 2. Bezirk gibt es eine evangelische Kirche mit einer Orgel, auf der ich regelmäßig übe. Ich komme eigentlich aus Bonn, wohne seit vier Jahren in Österreich und seit März hier im Studentenwohnheim in der Seestadt. Die Miete ist mit 350 Euro relativ günstig. Die Zimmer sind neu und modern.

Wir trinken hier nicht viel Alkohol. Wir chillen lieber. Am See. Vielleicht bin ich auch hierhergezogen, weil ich indirekt aus dem Großstadtleben fliehen wollte.“


Dragan – der Busfahrer

„Gerade ist eine ältere Frau in der Landstraße eingestiegen und einfach umgekippt.”

“Die Rettung musste sie abholen. Solche Vorfälle gibt es immer wieder. Schlimm ist, dass die Leute einfach vorbeigehen und niemand etwas unternimmt. Einmal musste ich selbst hingehen und einer Frau helfen – bis dann endlich die Rettung gekommen ist.

Seit fünf Jahren bin ich Busfahrer in der Seestadt. Es ist ein anstrengender Job. Die Leute sind oft sehr respektlos, schauen mich an und meinen: ‚Arschloch, fahr’ endlich mal los!’.
Man hat nun mal 1.000 Leute mit 1.000 Meinungen.

Heute hab’ ich Dienst bis ein Uhr nachts, ich fahre eigentlich gerne in der Nacht. Einziger Nachteil: Um Mitternacht kommen dann die Säufer aus der U-Bahn. Betrunkene sind das größte Problem für uns Busfahrer.

Die Seestadt ist ein wunderschöner Ort. Ich hab’ das Projekt von Anfang an verfolgt. Ich kenne alle hier. Aber hier wohnen? Um Gott’s Willen, nein! Was soll ich in der Seestadt? Ich wohne am Gürtel im 7. Bezirk, gegenüber von der Lugner City. Lärm, betrunkene Leute, die schreien – das bin ich gewohnt.“


Autoren: Manuel Lavoriero, Bettina Häberlin, Daniel Gombos
Fotos: Bettina Häberlin, Daniel Gombos, Manuel Lavoriero, Harun Celik

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