Seestadt – Stadt Crime oder Land Idylle?

Seestadt Crime oder Idylle

Seestadt heißt Idylle. Zumindest scheint es so. Doch jeder noch so idyllische Stadtteil kennt Probleme und Schattenseiten.



„Es ist schon ein bisschen anders hier. Es ist nicht so groß und wir kennen uns alle untereinander. Jeder ist freundlich hier. Ich habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht“, sagt Seestadt- Bewohnerin Helena und blickt sich um. Grüne Flächen, große Gärten, neue Häuser – in der Seestadt lässt einen kaum etwas daran erinnern, dass die Wiener Innenstadt nur eine halbe Stunde entfernt liegt. Helena hat davor im 19. Bezirk gewohnt. Die Seestadt gefällt ihr: „Es fühlt sich hier an, wie im Urlaub!“ Ein Traum vieler Menschen, denen der Trubel des Stadtlebens manchmal zu viel wird – und einer der Gründe, wieso die Seestadt inzwischen aus einer Gemeinschaft von mehr als 6.000 Menschen besteht.

„Das Zusammenleben funktioniert hier bis auf ein paar Kleinigkeiten sehr gut“



Jeder Stadtteil kennt individuelle Konflikte, die aus der gesellschaftlichen Zusammensetzung und dem Aufbau der Gemeinschaft resultieren. Nachbarschaftsstreits, Kriminalität, Konflikte innerhalb der Familie – auch in der Seestadt leben mittlerweile viele Menschen auf engem Raum nebeneinander und erfahren die Probleme und Reibungen, wie es sie in jedem anderen Stadtteil auch gibt. Die Intensität und Masse dieser Probleme ist in der Seestadt jedoch deutlich geringer als in anderen Teilen Wiens.

Bernhard Janku ist seit dreißig Jahren Polizist, vor einem Jahr ist er aus der Polizeiinspektion im angrenzenden Essling nach Seestadt übersiedelt. Hier, bei der Polizeiinspektion Sonnenallee ist er der Grätzl-Polizist. Zuvor hatte Janku 20 Jahre lang im zweiten Bezirk in der Nähe des Paters gearbeitet – ein Kontrast zur Seestadt, sagt er. „Das war ganz anders vom Aufgabengebiet her. Es ist hier in gewisser Weise zwar ruhiger, aber dafür muss man sich mit anderen Angelegenheiten abgeben, bei denen die Leute hier fast mehr Betreuung brauchen“. Kriminalität gibt es in der Seestadt nicht viel, sagt der Grätzl-Polizist. Die größten Probleme seien zwischenmenschlicher Art – Konflikte, die nun mal entstehen, wenn viele Menschen nah beieinander wohnen. Fahrraddiebstähle habe es in letzter Zeit wohl ein paar mehr gegeben. „Aber es ist nicht so, dass man jetzt sagen muss ‚Oho, wenn ich mein Radl da vorne abstelle kommt es weg‘, also es hat schon noch ein bisschen ländlichen Charakter“, lacht Janku. Ab und zu ein Fahrraddiebstahl oder Einbruch in ein Kellerabteil, selten Gewalt in der Familie. Viel krimineller wird es in der Seestadt kaum. „Was Kriminalität betrifft ist es sehr ruhig. Es passiert ziemlich wenig. Und kaum Gewalt unter Nachbarn oder sowas. Was ich im anderen Bezirk schon auch teilweise kannte, wo es eher soziale Brennpunkte gab. Das haben wir hier weniger“, erzählt der Polizist. Auch von Seiten der Bewohner und Bewohnerinnen sei man auf ein harmonisches Miteinander bedacht. „Das Zusammenleben bis auf ein paar Kleinigkeiten funktioniert sehr gut. Die meisten Leute hier wollen auch ein sehr harmonisches Zusammenleben.“ Ein größeres Problem der Polizei in der Seestadt seien die Autofahrer, die sich nicht an die Regeln halten, obwohl es eigentlich eine Zone mit vielen Radwegen und wenig Autoverkehr sein sollte: „Mit der Straßenverkehrsordnung haben wir eher noch Probleme als mit der Kriminalität“, sagt Janku.

Seestädter haben wenig zu bemängeln



Auch die Bewohner in der Seestadt fühlen sich insgesamt wohl und sicher in ihrem Stadtteil. Philipp Naderer wohnt seit zwei Jahren in der Seestadt und ist Teil eines Bauprojektes dort, das er selbst mit geplant hat. Gemeinsam mit seiner Familie inklusive Kleinkind, wohnt er in einem der kleineren Häuser des Projekts. Die Gemeinschaft ist eng verbunden: „Du kennst wirklich jeden – ein paar besser, ein paar nur sporadisch. Es ist die totale Ausnahme, dass man jemanden nur ganz selten sieht.“ Für ihn war nicht die Seestadt der Grund für den Umzug aus der Innenstadt, sondern viel mehr das Baugruppen-Projekt, dem er sich hier widmen konnte. Aber nicht nur speziell in der Baugruppe ist man enger mit der Nachbarschaft vernetzt, als in anderen Stadtteilen: „Man kennt deutlich mehr Leute in der Seestadt, als man das aus seiner alten Gegend gekannt hat“, meint Naderer. Durch die geografische Abgeschlossenheit des Stadtteils hätten sich auch schnell Facebook-Gruppen zur Vernetzung gegründet. „So fällt das schon leichter, denn du hast einen gemeinsamen Bezugspunkt, was du in einem traditionellen Bezirk nicht so hast“, erklärt er. Auch sicher fühlt sich Philipp Naderer in der Seestadt. Sein kleines Kind würde er ohne Bedenken abends auf der Straße spielen lassen, sagt Naderer ohne Zögern: „Das ist definitiv ein Unterschied“. Auf die Frage, was für Menschen denn in der Seestadt so wohnen, muss er kurz überlegen: „Also die empirische Antwort wäre wahrscheinlich Mittelschicht quer durch, wobei es das auch ganz gut trifft, glaube ich.“

Auch als Frau kann man sich in der Seestadt nachts sicher fühlen. Die 16-jährige Alena wohnt seit einem Jahr in der Seestadt und geht nachts gerne am See laufen. Sie fühlt sich wohl hier: „Ich kann auch in der Nacht raus, ohne dass ich Angst haben muss, dass irgendwas ist“, sagt sie. Außerdem gefällt ihr das soziale Miteinander in der Seestadt. „Jeder kann machen was er will, alles wird akzeptiert! Es gibt hier auch sehr viele Inder, Pakistani und sehr viele Österreicher und trotzdem können alle friedlich miteinander leben.“ Eine andere Meinung der Seestädter-Gesellschaft gegenüber hat Pia. Auch sie ist glücklich in der Seestadt, doch sie hat neben der allgemeinen Akzeptanz noch einen anderen Eindruck gewonnen: „Hier gibt es teilweise eine kollektive Ignoranz. Doch das ist wirklich eins der wenigen Dinge, die mich wirklich nerven.“

Ein Ort für jeden – oder doch nicht?



Seestadt wirbt damit, dass es hier „Platz für alle Generationen und viele Lebensstile, für das ganze Leben“ gibt. Und tatsächlich, es fällt sofort auf, wie vielfältig und durchmischt die Gemeinschaft hier ist. Auch die Bewohner bestätigen das. Sie sind glücklich hier. Die Verwaltung versucht, durch verschiedene Veranstaltungen und Aktivitäten die Gemeinschaft zu stärken. Bei einem Blick durch die Seestadt fallen Sportler auf, die gemeinsam auf der Wiese zu Justin Bieber ihr Workout machen – alles Menschen, die sich in der Seestadt kennen gelernt haben. Die Zufriedenheit der Nachbarn spürt man sogar zwischen den Betonbalkons. Alles wirkt harmonisch, jeder scheint nett und offen zu sein.

Platz für jeden scheint jedoch trotzdem nicht zu sein, zumindest nicht ohne Ausnahmen. Erst im März diesen Jahres musste eine Wagenburg ihren Standort in der Seestadt verlassen. Die Wagenburg „Gänseblümchen“, eine fahrbahre Unterkunft für Künstler, hatte sich 2013 auf einem steppenartigen Grundstück außerhalb der Seestadt angesiedelt. Drei Jahre durften sie dort bleiben und ihre alternative Wohnform verwirklichen, bis es zu Problemen mit den Anrainern kam und sie das Grundstück schließlich räumen mussten. Auf ihrer Website schreibt die Wagenburg davon vertrieben worden zu sein. Doch was waren die tatsächlichen Gründe für die Räumung? „Die Wagenburg ist jetzt zum Glück Geschichte für uns, ein Problem weniger. Aber die meisten von denen waren relativ friedlich und ruhig. Auch Lärm war äußerst selten, meistens war es eher die Verschmutzung oder die Tierhaltung“, antwortet Grätzl-Polizist Janku auf die Frage, ob die Bewohner der Wagenburg denn wirklich Probleme gemacht hätten. Tatsächliche Kunst habe er beim Besuch der Wagenburg, die sich selbst als Künstlerkollektiv bezeichnet, auch nicht wirklich ausmachen können. „Vielleicht ist dieses Wohnen eine Kunstform, mag schon sein. Aber mit den Anrainern hatten wir Probleme. Da hat es Kleinigkeiten gegeben, mit der Müllentsorgung und dergleichen“, erklärt er. Auch Anrainer, die neben der Wagenburg selbst sehr viel Geld für ihr Grundstück gezahlt hätten, seien über die mobile Unterkunft nicht erfreut gewesen, erzählt der Polizist: „Dann kriegt einer da ganz günstig die Möglichkeit, seinen Wagen dahin zu stellen. Das macht auch Neid.

Doch während die künstlerische Wagenburg ihr Areal erst nach insgesamt drei Jahren räumen musste, wurde anderen die Unterkunft vollständig untersagt. Im März 2016 bot der gemeinnützige Wohnbauträger EGB der Stadt ein leerstehendes Erdgeschosslokal in der Seestadt für die Unterbringung von Flüchtlingen an. Eine Gruppe von 20 Flüchtlingen, die über 18 waren und somit nicht mehr an der Minderjährigen- Betreuung teilnehmen konnten, sollten hier vorübergehend ein eine Unterkunft finden. Alles wurde besprochen und abgeklärt: „Die Vorbedingungen waren alle gegeben zu dem Zeitpunkt. Wir wären ready gewesen, doch die politische und rechtliche Zustimmung hat dann am Ende gefehlt“, bedauert Philipp Naderer. „Der Bezirksvorsteher hat einfach nicht gewollt, dass hier Flüchtlinge unterkommen. Ob das deswegen war, weil das nicht in sein Prestige-Projekt gepasst hat, muss man ihn selber fragen.“ Auf genau diese Frage erklärt Bezirksvorsteher Nevrivy selbst, das Problem habe nicht an der generellen Unterbringung von Flüchtlingen in der Seestadt gelegen. Es war die Nutzung von Erdgeschosslokalen, die für Gewerbetreibende freigehalten werden sollten. Im ersten oder zweiten Stock sei eine Unterbringung kein Problem gewesen, so der Bezirksvorsteher, danach habe aber niemand gefragt. „Es ist nicht darum gegangen, dass Flüchtlinge in die Seestadt kommen, die sind hier willkommen. Aber die Erdgeschosse sollen für Gewerbe frei bleiben, da wollen wir keine Schlafstätte.“

Seestadt im Zukunftswandel



Die Seestadt ist ruhig, es ist sicher. Viel passiert hier nicht. Ein großer Teil der Bewohner und sind Jungfamilien, die zahlreichen Spielplätze im Stadtteil werden zur Genüge genutzt. Kurz: Seestadt ist tatsächlich idyllisch. Ob das so bleiben wird, ist unsicher. Der Stadtteil ist noch jung. Obwohl die Gemeinschaft dort aus vielen Menschen besteht, werden immer mehr dazu kommen.

Diese soziale Zusammensetzung hängt direkt mit einem der wenigen Probleme in der Seestadt zusammen. Die vielen jungen Familien und die zahlreichen Geburten in der Seestadt erfordern entsprechende Einrichtungen – und zwar viele davon. Besonders an Kindergartenplätzen fehlt es momentan. Das bemängelt auch Philipp Naderer. Er sagt, die Infrastruktur, die für die Betreuung von Kleinkindern notwendig ist, habe in der Seestadt ihre Grenze erreicht. „Wir haben in unserem Haus jetzt acht Geburten innerhalb von einem Jahr gehabt, also ungefähr alle zwei Monate ein Kind“, erzählt er. „Es gibt viele, wo auch beide berufstätig sind, die einfach keinen Kinderbetreuungsplatz hier bekommen haben.“ Gerade die geografische Abgeschiedenheit der Seestadt mache Betreuungsplätze direkt vor Ort unbedingt notwendig, findet Naderer. „Wenn du in der Seestadt wohnst, ist es nicht wie in der Innenstadt, dass dir ein Kindergartenplatz in einem anderen Bezirk oder fünf Straßen weiter etwas hilft. Fünf Straßen weiter gibt es hier nicht, das ist dann mit den Öffentlichen mindestens eine halbe Stunde weg. Deswegen brauchst du eben relativ nahe an der Seestadt, beziehungsweise in der Seestadt, diese Betreuungsplätze.“

Bezirksvorsteher Nevrivy stimmt diesem Mangel an Betreuungsmöglichkeiten zu. Die Zahl an Geburten und Kindern sei bei der Planung enorm unterschätzt worden, erklärt er. „In Wahrheit haben wir zu wenig Plätze. Wir hatten weit über 100 Geburten in einem Jahr, davon ist man nicht ausgegangen. Und hier muss man nachziehen. In den nächsten Bauteilen sind Kindergartengruppen angedacht, aber für den Übergang ist der Druck von der Seestadt auf die Stadt sehr groß. Das ist eine der offenen Wunden, die ich in der Seestadt sehe. “

An diesem und ähnlichen Problemen werde momentan jedoch gearbeitet. Das Mantra lautet: die Seestadt wächst mit ihren Aufgaben. Und das ist auch notwendig, denn mit der Zeit kann sich auch hier die soziale Zusammensetzung und Dynamik verändern. Die zahlreichen Kinder in der Seestadt werden keine Kinder bleiben. Einerseits werden deshalb immer mehr entsprechende Bildungseinrichtungen notwendig, andererseits werden sich auch die einhergehenden Reibungspunkte entsprechend wandeln. Das sieht auch der Grätzl-Polizist Herr Janku so: „Es ist zu erwarten, dass ein Wandel passieren wird. Jetzt ziehen Jungfamilien her, irgendwann werden die Kinder aus den Jungfamilien zu Jugendlichen. Dann werden wir jugendlich-typische Vorfälle, vielleicht auch Straftaten haben.” Bezirksvorsteher Ernst Nevrivry sieht das anders: „Ich denke die Struktur wird sich nicht verschlechtern. Es werden mehr Menschen sein. Dass es, wenn mehr Menschen zusammenwohnen mehr soziale Knackpunkte gibt, ist logisch. Das ändert aber nichts daran, dass ich nicht denke, dass die Seestadt ein sozialer Brennpunkt wird.“

Fest steht bisher nur: Die Zufriedenheit der Bewohner in der Seestadt ist drei Jahre nach der ersten Besiedelung ungewöhnlich hoch. Bei einer Umfrage im Jahr 2016 gaben 82,3 Prozent der Befragten in der Seestadt an, mit der Wohnung und Wohnumgebung sehr zufrieden zu sein. Probleme kennt der Stadtteil bisher kaum – und gibt es sie doch, so wird aktiv an ihnen gearbeitet. Bleibt also nur zu beobachten, wie sich die Idylle innerhalb der Gemeinschaft in den nächsten Jahren entwickeln wird.


Autoren: Marlene Graf, Sophie Ehmsen

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