“Gut gemeint, aber schlecht geplant” – ein Seestadt-Spaziergang mit der FPÖ [Video]

  
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Die rot-grüne Stadtregierung ist begeistert von ihrem Vorzeigeprojekt “Seestadt”. Aber was sagt die Opposition? Der stellvertretende Bezirksvorsteher der Donaustadt, Werner Hammer (FPÖ), im Interview.



Das ganze Gespräch findet ihr hier im Podcast…



…oder als Transkript.


Herr Hammer, seit wann verfolgen Sie das Projekt „Seestadt“?
-Hammer: Von Anfang an. Ich kenne das Projekt von der Baustelle auf. Das Gelände kenne ich sogar schon seit über 30 Jahren, als noch der Flughafen Aspern hier war.

Halten Sie sich regelmäßig in der Seestadt auf?
Ich bin regelmäßig hier, ja. Wir veranstalten in der Donaustadt den sogenannten „Blauen Bürgertreff“. Jeden Monat haben wir drei davon. Und einer ist in der Seestadt.

Was sagen Ihnen die Bewohner der Seestadt bei diesem Bürgertreff?
Die Seestadt hat sehr viele Fans. Aber auch sehr viele Gegner. Und das nicht außerhalb, sondern innerhalb. Vielen Leuten gefällt es hier nicht und sie ziehen weg. Es gibt eine sehr hohe Fluktuation. Die Seestadt polarisiert also.

Welchen Leuten gefällt die Seestadt, welchen gefällt sie nicht?
Es sind vor allem Singles, jüngere Leute, denen es hier gefällt. Viele Familien, Frauen und ältere Menschen haben sich die Seestadt aber ganz anders vorgestellt. Diese Leute sind enttäuscht von den vielfältigen Problemen, die es hier gibt.

Ist die Mobilität eines dieser Probleme?
Der autofreie Stadtteil ist noch nicht bei den Menschen angekommen. Die Grundvoraussetzung für einen autofreien Stadtteil ist, kein Auto zu haben. Das würde aber bedeuten, dass die gesamte Seestadt optimal mit öffentlichen Verkehrsmittel an die Stadt Wien angebunden sein muss.

Wie ist die Seestadt an die Innenstadt angebunden?
Derzeit fährt nur jede zweite U-Bahn nach Wien. Die S-Bahn und die Stadtstraße sind zwar in Planung, aber niemand weiß, wann sie kommen werden. Das Autobusnetz ist bei weitem nicht so ausgebaut, wie es eigentlich sein soll. Die Mobilität ist eines der Hauptkritikpunkte der Bewohner.

Welche Folgen zieht das Ganze mit sich?
Die Leute sind hier abgeschottet. Und steigen aufs Auto um.

Und das funktioniert hier nicht?
Nein, weil kein Parkraum für Fahrzeuge vorgesehen und vorhanden ist. Ein gutes Beispiel: Fast alle Autobesitzer der Seestadt müssen ihr Auto ein, zwei Kilometer außerhalb der Seestadt stehenlassen. Natürlich will man mit dem Auto bis kurz vor seiner Haustür gelangen.

Wie kommen Sie persönlich in die Seestadt?
Normalerweise komme ich zu Fuß. Ich wohne in unmittelbarer Nähe.
Viele Bewohnerinnen und Bewohner der Seestadt klagen nicht nur über mangelnde Parkplätze, sondern auch über wenig Einkaufsmöglichkeiten.
Ja, viele Bewohnerinnen und Bewohner sind mit der Erwartungshaltung hergezogen, viel mehr Geschäfte vorzufinden.

Was ist ihr Vorschlag?
Geschäfte sind ein Ort der Begegnung und der Kommunikation – Geschäfte wären ein optimaler Ort, wo Marketing betrieben werden kann. Die Stadt hat hier einen großen Nachholbedarf und muss die Seestadt für Unternehmer und Kleinbetriebe als auch für Mittelbetriebe attraktiver gestalten.

Wie?
Über Zuschüsse, Förderungen, Lohnnebenkosten, Subventionen – wie auch immer. Je mehr Geschäfte, desto attraktiver wird es auch für die Bewohner der Seestadt. Man kann Unternehmen mit Attraktivierungen „anlocken“. Es gibt einen Grund, weshalb so viele Unternehmen ins Donauzentrum gezogen sind. Das Donauzentrum ist im Vergleich aber optimal angebunden.


Wie sinnvoll ist es, für gerade mal 6.000 Einwohner noch mehr Geschäfte zu eröffnen?

Wenn ich öffentlich nicht ausreichend an Geschäftszentren angebunden bin, dann muss ich zum Auto greifen. Das ist bei einer autofreien Stadt nicht der Sinn der Sache. Das heißt, wenn ich die Leute nicht zu den Geschäften bringen kann, muss ich die Geschäfte zu den Leuten bringen.

Wie könnte man die Seestadt sonst noch für die Bewohner attraktiveren?
Neben dem Badesee, den ich auch als Oppositionspolitiker super finde, durch die Errichtung von Sportanlagen. Ein Fußballplatz mit einer Sportstätte oder einer Sporthalle ist ein absolutes Muss für mich. Damit würde ich auch verhindern, dass die Kinder und Jugendlichen wegmüssen. Der See ist zwar schön, aber im Winter ist er nun mal zugefroren.

Eine ganze Sportstätte für 6.000 Einwohner?
Ich find schon, dass sich 6.000 Leute eine Sportstätte verdient haben. Es ist nur ein Zwischenschritt. Die Seestadt hat vom Ausbaupotential noch mindestens doppelt so viele Leute Platz. Vor allem auf der nordwestlichen Seite ist noch Platz vorhanden. Die Seestadt wird auf 10.000 bis 12.000 Einwohner anwachsen in den nächsten fünf bis 15 Jahren. Ich muss eine Sportstätte genau dann bauen, wenn ich Leute hierherbekommen will, das macht das ganze Projekt ja erst attraktiv. Die Politik, erst dann etwas zu bauen, wenn schon 20.000 Leute hier wohnen, ist aus meiner Sicht falsch.

Apropos Politik: Die FPÖ war bei den letzten Gemeinderatswahlen in der Donaustadt – und in der Seestadt – sehr erfolgreich. War das überraschend für Sie?
Die Seestadt ist ja von Anfang an von der SPÖ und den Grünen in Beschlag genommen worden. Schlagwort: Die „Grüne“ Seestadt, die „Rote“ Seestadt. Es war für diese Parteien dann eine Überraschung, dass der Wahlerfolg nicht so eingetreten ist, wie sie es erwartet hatten. Mich überraschen Wahlergebnisse prinzipiell nicht mehr.

Und wie erklären Sie sich dann den Erfolg?
Wir betreiben grundsätzlich im gesamten Bezirk Wahlkampf, wenn auch nicht so extrem. Wir sind zu den Leuten gegangen, haben mit Ihnen geredet, auch in der Seestadt. Wir sind halt präsent. Die Leute haben uns viel erzählt. Wir haben versucht, zu helfen und zu unterstützen, Verbesserungen zu schaffen. Das haben die Wähler uns dann auch gedankt.

Was könnte noch zum Wahlergebnis geführt haben?
Das Nichtvorhandensein der anderen Parteien und die Politik, die die Leute als Politik gegen sie wahrnehmen. Der Wiener sagt, die Stadtregierung arbeite gegen ihn. Der Autofahrer sagt, er sei nur zweite Klasse. Natürlich kommt dann so ein Wahlergebnis zustande. Der Wähler hat immer recht.

Was bedeutet das Ergebnis nun für Sie?
Wir freuen uns über das Wahlergebnis, das ist schon mit einer gewissen Demut zu betrachten. Von nichts kommt nichts. Ich nehme es als Auftrag entgegen. Man muss sein Wahlergebnis auch halten und die Erwartungshaltung der Leute weiterhin zufriedenstellen.

Rechnen Sie damit, in zehn Jahren – wenn die Seestadt dann fertig sein soll – noch immer im 22. Bezirk vertreten zu sein?
Ob ich persönlich noch vertreten bin, ist relativ. Ich hoffe schon. Es ist eine Frage der Gesundheit und der allgemeinen Lebensumstände. Dass die aktuellen politischen Parteien hier in der Seestadt noch vertreten sein werden, ist ganz sicher. In welcher Stärke, das kann man noch nicht voraussagen.

Wie stehen Sie als Oppositionspolitiker zum SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy?
Ich könnte über unseren Bezirksvorsteher persönlich nichts Schlechtes sagen. Menschlich ist er in Ordnung. Er hat aber eine andere politische Auffassung der Dinge. Die entspricht nicht unserer Auffassung. Politisch macht er auch vieles falsch. Ich glaube, dass viel mehr möglich wäre und der Bezirksvorsteher sehr unter dem Joch des Bürgermeisters leidet.

Und abgesehen vom Bezirksvorsteher?
Wenn man schon so lange in der Bezirkspolitik ist, wie ich es bin, dann hat man einen Weg gefunden, mit allen reden zu können. Und das ist prinzipiell das Wichtigste, auch mit den politischen Gegnern zu reden. Es geht am Ende immer um den Bürger.

Das Projekt „Seestadt“ wurde von der roten Stadtregierung initiiert. Man könnte meinen, als FPÖ-Politiker würde man am Anfang dem Projekt eher kritischer gegenüberstehen…
Das ist ein Attribut der Roten, respektive der Grünen: Die zwei Parteien behaupten immer, alles was von der FPÖ kommt, ist schlecht und falsch. In Wahrheit schauen wir uns das Projekt an, bewerten es mal und diskutieren dann über das Ergebnis: Was ist gut – was könnte man besser machen. Und daher war die FPÖ Donaustadt auch nicht gegen dieses Projekt. Das einzige, was die FPÖ Donaustadt von Anfang an gesagt hat: Die autofreie Stadt ist schön, aber der Bürger ist aus unserer Sicht noch nicht reif dafür. Und die Grundvoraussetzungen müssen gemacht werden.

Welche Grundvoraussetzungen?
Ich muss zuerst schauen, dass ich den Verkehr in den Griff bekomme. Zuerst muss ich die Verkehrsverbindungen bauen. Nicht nur die öffentlichen Verkehrsanbindungen, sondern auch das Straßennetz. Erst dann kann ich die Leute ansiedeln. Die SPÖ hat es genau umgekehrt gemacht – und daher einen Kapitalfehler begangen.

Da ist zum Beispiel der Skaterplatz.
Wenn Sie mit jungen Leuten reden, die vielleicht schon mal im Ausland waren, oder die wettbewerbsmäßig Skateboard fahren, werden sie Ihnen sagen: „Der Skaterplatz ist ein Witz“. Ich selber bin kein Skater, aber ich hab mit Skatern geredet, die meinten: „Das ist noch kein Skaterpark“. Da könnte man schon attraktiveren. Natürlich kostet das alles Geld, aber wir haben ja auch beträchtliche Einnahmen durch die 6.000, in ein paar Jahren dann 10.000 Menschen. Diese Menschen zahlen dann ja auch Abgaben und Steuern, dieses Geld kann ich dann ja auch für die Menschen wieder einsetzten. Kinderspielplätze wären schon ein erster Schritt. In einigen Häusern gibt es zwar sogenannte In-Door-Spielplätze, die sind für Kleinkinder optimal, aber ansonsten ist das Angebot, hier etwas zu erleben, überschaubar. Von einer Sportanlage ganz zu schweigen.

Sie haben mich ja vorher bezüglich der Möglichkeiten der Attraktivierung für Familien gefragt. Eine wesentliche Attraktivierung, neben dem Badesee, wäre natürlich eine Sportanlage. Eine der Breitensportarten in Österreich ist nach wie vor Fußball und ein Fußballplatz mit einer eigenen Sportstätte ist ein absolutes Muss für mich. Damit würde ich nämlich verhindern, dass die Kinder und Jugendlichen zum Sportbetreiben wieder weg müssen. Wir haben in Donaustadt ausgezeichnete Sportflächen, aber hier in unmittelbarer Nähe gar nichts. Wir haben auch vor Jahren schon dementsprechende Anträge gestellt, auch für eine Mehrzweckhalle oder einer Schwimmhalle. Der See ist zwar schön aber im Winter ist er zugefroren.

Gibt es überhaupt die Leute für solche Einrichtungen? Macht es denn Sinn, für 6.000 Bewohner eine Schwimmhalle zu bauen?
Ich finde schon. Auch 6.000 Leute haben sich eine Sportstätte verdient. Die Seestadt hat ja vom Ausbaupotential noch mindestens Platz für noch einmal so viele Menschen. Hier auf der rechten Seite wird bereits wieder ein Haus nach dem anderen gebaut. Auch entlang der U-Bahn-Trasse und auf der nordwestlichen Seite ist noch Platz vorhanden. Die Seestadt wird schon noch auf 12.000 bis 15.000 Einwohner wachsen in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Ich muss die Sportstätte ja dann bauen, wenn ich die Leute herbekommen möchte. Das macht ja das Ganze attraktiv. Die Politik, ich baue dann etwas, wenn ich 15.000 Leute da habe, ist aus meine Sicht falsch. Das Angebot wäre jetzt bauen, dann kommen die Leute auch her.

Wie lange sind Sie bereits stellvertretender Bezirksvorsteher?
Ich bin seit sieben Jahren stellvertretender Bezirksvorsteher und insgesamt seit 20 Jahren in der Bezirkspolitik tätig.

Wie läuft der politische Austausch mit dem Bezirksvorsteher hier in der Donaustadt? Als Oppositionspolitiker?
Ich könnte über unseren Bezirksvorsteher stante pede nichts Schlechtes sagen. Menschlich ist er schwer in Ordnung. Er hat nun mal eine andere politische Auffassung der Dinge und die entspricht nun mal nicht der unsrigen. Politisch gesehen macht er auch vieles falsch, wenn gleich er grundsätzlich ein netter Mensch ist und ich auch gut mit ihm kann. Ich glaube aber, dass viel mehr möglich wäre und das der jetzige Bezirksvorsteher unter dem Joch des Bürgermeisters leidet. Ehrlich möchte ich aber sagen, wenn Sie so lang in der Bezirkspolitik sind wie ich, dann haben sie einen Weg gefunden, mit allen zu reden. Das ist ohnehin das Wichtigste, dass man auch mit dem politischen Gegner reden. Es geht ja zum Schluss immer um den Bürger. Ich habe sicher mit allen Parteien eine Gesprächsbasis, mit der wir im Endeffekt auch etwas erreichen.

Das Projekt Seestadt wurde ja von der roten Stadtregierung initiiert. Man könnte meinen, dass sie als FPÖ Politiker solchen Projekten von Anfang an eher kritisch gegenüber stehen. Waren Sie von Anfang an begeistert von der Seestadt?
Das ist eigentlich ein Attribut der Roten und der Grünen. Die sagen immer, alles was von er FPÖ kommt ist schlecht, falsch und gaga. In Wahrheit ist es so, dass die FPÖ keine kleinen Kinder frisst, sondern eine demokratisch gewählte Partei ist. Prinzipiell schau ich mir die Dinge mal an, bewerte sie und diskutiere dann über das Ergebnis mit den zwei Möglichkeiten: Was ist gut und was könnte man noch besser machen? Die FPÖ Donaustadt war nicht gegen dieses Projekt. Das einzige, was die FPÖ Donaustadt von Anfang an gesagt hat, ist: Die autofreie Stadt ist schön, aber der Bürger ist noch nicht reif dafür. Zumindest die Grundvoraussetzungen müssen von Anfang an gegeben sein. Ich muss zuerst den Verkehr in den Griff bekommen, also Verkehrsanbindungen bauen. Nicht nur öffentliche, sondern auch im Straßennetz. Erst dann kann ich die Leute ansiedeln. Hier hat die SPÖ einen kapitalen Fehler gemacht. Sie hat es genau umgekehrt gemacht.

Ist es nicht ein Schritt nach vorne, eine autofreie Stadt zu planen? Ist es nicht ein Schritt nach hinten, wenn man sagt: „Die Autos müssen angebunden sein“?
Es ist ein Schritt nach vorne und wäre ja auch wünschenswert, man muss sich aber auch immer fragen, ob der Bürger dafür bereit ist. Jede moderne Maßnahme, die in diese Richtung geht, jede Idee, jede Vision kann nur im Einklang mit dem Bürger passieren. Wir haben viel mit den Leuten geredet und ich bin der Meinung, dass der Bürger noch nicht soweit ist. Je weniger Autos, desto besser für die Umwelt und damit desto besser für alle. Ich muss aber die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Zurück zur Sportanlage.
Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was so etwas kosten würde. Wenn ich mir aber diese Stadt ansehe, wo Unsummen bisher investiert worden sind, dann muss ich das bisschen Beton auch haben, dass ich mir eine dementsprechende Fläche herbaue, eine Sportanlage oder ein Angebot direkt am See. Auch wenn es sich für 6.000 Leute vielleicht noch nicht rechnen würde, aber diese Skater-Anlage beispielsweise ist für 6.000 Leute ein Witz. Jede bessere Schule in Amerika hat eine bessere Anlage.

Glauben Sie, das steht für die Fehler der Familienpolitik in der Seestadt?
Ich glaube schon, dass das ein gutes Beispiel ist. Dass ich zwar augenscheinlich ein Angebot mache, aber dieses Angebot nicht einmal minimalen Anforderungen entspricht.

Das zweite, was von hier aus interessant ist: Wir sind jetzt genau bei der U-Bahn-Station. Stellen Sie sich vor, Sie sind alleinerziehend oder Sie sind eine junge Dame – schwierig für uns, sich das vorzustellen – und Sie kommen mit der letzten U-Bahn an. Schauen Sie mal, wie weit sie gehen müssen, bis Sie zu den ersten Häusern kommen. Sie marschieren jetzt da durch eigene 100 Meter Wiese, noch dazu von der Baustelle verdeckt. Dann sind Sie erst bei den ersten Häusern. Wenn Sie weiter hinten wohnen, nein danke. Das ist jetzt nicht gerade ein Weg, der Sicherheit versprüht, auf dem die Leute nachts gerne gehen. Von der anderen Station, Aspern-Nord, müssen die Leute das gesamte Feld überqueren, durch den Gebüschgürtel und über die brache Wiese, alles unbeleuchtet.

Man hat zwar die U-Bahn her gebaut, aber die Stadt dann wieder abseits der U-Bahn errichtet. Jetzt, stellen Sie sich vor, Sie haben irgendwo ein Schnäppchen gemacht, einen günstigen Fernseher, sind öffentlich unterwegs und wollen hierher in die autofreie Stadt. Jetzt wohnen Sie vielleicht noch am hinteren Ende der Seestadt, dann wünsch ich Ihnen viel Glück, weil dann sind Sie 1 ½ Kilomenter unterwegs mit 21 Kilo. Für uns Männer vielleicht ein schaffbares Problem, aber für Frauen oder ältere Menschen unlösbar.

Sie sagen also, es fehlt die Anbindung von der U-Bahn-Station zur Seestadt?
Die Grundidee war ja, dass die U-Bahn in die Seestadt führt. In Wahrheit ist sie jetzt am Rande der Seestadt. Ich bin ja schon froh, dass es wenigstens die eine Station da ist. Aber es kommt ja noch dazu, dass eben nur jeder zweite U-Bahn-Zug in die Seestadt fährt. Das vergrämt die Leute massiv. Die Leute, die öffentlich unterwegs sind, die sind auf die U-Bahn angewiesen. Die stehen dann in der Früh hier in Schlangen am Bahnsteig. Das macht man vielleicht einmal, vielleicht ein zweites Mal, aber kein drittes Mal, weil dann steigt man schon wieder aufs Auto um und die autofreie Stadt führt sich selbst ad absurdum. Es ist nur in der Früh und am Abend, aber da muss ich dafür sorgen, dass ich die Leute weg beziehungsweise zurück bekomme.

Die FPÖ bezeichnet die Seestadt als Schlafstadt und außerdem gäbe es eine Tendenz zur Ghettobildung. Wo sehen Sie diese Ghettobildung?
Das ist immer relativ, wenn man sagt, ja die FPÖ bezeichnet das. Sie werden mir sicher die Quelle nennen können, wo die FPÖ das behauptet. Den Begriff Schlafstadt, den hat nicht die FPÖ erfunden, den hören wir bei unserem monatlichen „Blauen Bürgertreff“ immer wieder. Die Leute sagen, es sollte eigentlich eine Stadt werden, in der ich wohne, in der ich lebe, natürlich auch schlafe, in der ich arbeite, einkaufen gehe, im Prinzip Zuhause bin. Das ist aber nicht passiert. Die Unternehmen haben sich nicht, wie versprochen, angesiedelt. Firmen und Arbeitsplätze wurden nicht geschaffen. Die Leute sind nach wie vor angewiesen, außerhalb der Seestadt arbeiten zu gehen. Daher ist die Seestadt von der Grundidee – leben, wohnen, arbeiten, schlafen – zum Wohnen und Schlafen geworden.

Ghettobildung? Was ist heute ein Ghetto? Wien ist so gut durchmischt, so multikulturell, dass ich den Begriff auch auf manch andere Bezirksteile anwenden kann. Ich glaube nicht, dass die Seestadt ein Ghetto ist und auch nicht, dass sie mal eines wird. Ich glaube, dass sich der Zuzug aller Bevölkerungsschichten in die Seestadt relativ gleich verteilt. Man muss natürlich auch immer drauf achten, damit so etwas nicht passiert. Ich möchte keinen Stadtteil haben, in dem nur Arme wohnen. Ich möchte auch keine Stadtteil haben, in dem nur Reiche wohnen. Ich möchte auch keinen Stadtteil haben, in dem nur Menschen mit Migrationshintergrund wohnen und die vielleicht noch sortenrein sortiert.

Vergangene Woche habe ich die Meldung gelesen, dass in der Seestadt das erste Haus eröffnete wurde, in dem speziell Homosexuelle und Lesben gemischt mit Heterosexuellen wohnen können. Ich finde das spaßig, denn ich glaube, dass es solche Häuser in Wien bereits 100.000 gibt, nämlich wo Homosexuelle und Heterosexuelle zusammen wohnen. Hier wird es mal wieder in die Auslage gestellt. Ich finde, das ist der völlig falsche Weg. Ich denke, dass auch homosexuelle Menschen nicht so in die Auslage gestellt werden möchten. Es gibt 100.000 Häuser in Wien, in denen Menschen unterschiedlicher Neigungen miteinander wohnen, ob sie es voneinander wissen oder nicht, ist doch völlig unerheblich.

Sie meinten, Sie sind nicht immer einer Meinung mit der Partei. Können Sie das nochmal genauer erklären?
Ich bin nicht immer einer Meinung mit der Partei und das ist etwas Wichtiges und demokratisch Gutes. Generell: Präzise gesprochen bin ich nicht einer Meinung mit allem, was andere Funktionäre von sich geben. Das Programm und die Leitlinien der Partei unterstütze ich zu 100%, doch andere Parteimitglieder lassen auch manchmal etwas vom Stapel, das ich nicht unterschreiben würde. Ein Beispiel ist die Verallgemeinerung, in jeglicher Hinsicht. Wenn ich über etwas rede, dann muss ich mir das genau ansehen und individuell darüber Bescheid wissen. Wenn man sich nicht darüber auskennt, soll man auch nicht darüber reden. Wir haben aber auch Menschen die verallgemeinern, das gefällt mir dann nicht.

Inwiefern wird in die Seestadt verallgemeinert?
So Ausdrücke wie eben: „Die Seestadt neigt zur Ghettobildung.“ Das kann ich momentan nicht nachvollziehen. Den Prozess sollte man sich zwar ansehen, überhaupt in ganz Wien. Ghettos sollten sich nirgends bilden. Keine Ausländerghettos, keine Österreicherghettos, überhaupt keine Ghettos. Wien soll das bleiben, was es immer war: eine moderne Großstadt. Dasselbe sehe ich für unseren Bezirk.

Wenn Wien eine moderne Großstadt ist, dann ist die Seestadt ein modernes Dorf. Glauben Sie, hier kann man den gleichen Komfort findet, wie in der Großstadt?
Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, dort hat es keine zehn- oder zwölfstöckigen Häuser gegeben. Die Verbindung Seestadt und Dorf ist für mich schwer nachvollziehbar. Hier erinnert nichts an ein Dorf, sondern eben schon an eine Stadt. Das ist in Ordnung, nur es müssen auch dementsprechend Angebote für die Menschen geschaffen werden. Dann würde das hier auch wirklich funktionieren.

Was ist das erste, das Ihnen einfällt, wenn sie den Begriff „Seestadt“ hören?
Donaustadt. Denn das ist der einzige Bezirk, der so etwas hat – eine Stadt mit See. Aber auch die zuvor angesprochenen Probleme. Von der Wiener Stadtregierung gut gemeint, aber schlecht ausgeführt.

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Autoren: Luca Scheiring, Manuel Lavoriero, Clemens Draxler, Julia Strohdorfer, Felix Kostersitz
Moderation: Manuel Lavoriero
Kamera: Harun Celik, Luca Scheiring
Schnitt: Harun Celik, Manuel Lavoriero, Luca Scheiring
Tonschnitt: Clemens Draxler