Es war einmal ein Flugfeld [Video]

  
Flugfeld

Steinzeitliche Siedlung, Schlachtfeld und schließlich eines der modernsten Flugfelder Europas – das alles war Aspern bzw. der Grund und Boden, auf dem heute die Seestadt entsteht. Wir haben uns auf die Spuren der Flieger gemacht.


60 Jahre in einem Fingerstreich – Flugfeld 1956 vs. 2016


Auf der Suche nach dem Flugfeld hat es uns in die Pampa verschlagen. So richtig. Am ersten heißen Tag des Jahres sind wir auf der Flugfeldstraße in Aspern gelandet. Statt Resten der Landebahnen oder des Hangars, finden wir uns inmitten von Feldern und Wohnsiedlungen wieder.

Im gewaltigen Opel Gebäude bekommen wir die Auskunft, dass vom Flugfeld nichts mehr übrig ist.
Von einem ehemaligen Opel-Mitarbeiter erfahren wir, dass das Flugfeld schon 1977 aufgelassen wurde. Der damalige Bundeskanzler Kreisky verkaufte das Gebiet um den symbolischen Preis von 1 Schilling pro Quadratmeter an General Motors. Damit sollten Arbeitsplätze geschaffen werden.

Mehr erfahren wir nicht. Allein einen Gedenkstein können wir uns ansehen, der sich gleich ums Eck befinde. Wir suchen 20 Minuten lang, bis wir irgendwo jenseits einer Leitplanke zwischen Büschen eine Art Grabstein entdecken. Einige Namen im schwarzen Marmor erinnern an frühere Piloten und Mitarbeiter. Darüber eine Windhose, darunter ein paar letzte Quadratmeter vom zerbröckelten Beton der alten Landebahn. 1925 hat hier anscheinend der erste Linienflug zwischen Polen und Österreich stattgefunden.



„Zur Erinnerung an das Asperner Flugfeld 1912 – 1977. Ein Zentrum der Österreichischen Fliegerei.“ Von diesem Zentrum ist nicht mehr viel zu sehen.

Was ist passiert?

Mehr Vorstellung von der Sache bekommen wir bei einem Besuch im Technischen Museum. Hier gibt es eine Miniaturabbildung des Flugfeldes. Wie wir herausfinden, gründete der österreichische Aero-Club das Flugfeld im Jahr 1912. Dies geschah im Zuge einer internationalen Flugmesse, zu welcher tausende Zuschauer kamen. Österreich war damals weltweit die Nummer zwei in der Luftfahrt, gleich hinter Frankreich. 1913 besuchte sogar Graf Zeppelin im Luftschiff „Sachsen“ das Flugfeld Aspern.

Technisches Museum

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde jeglicher Zivilverkehr eingestellt und die Infrastruktur des Feldes ausgebaut. Im Endeffekt gab es 18 Hangars. Die österreichische Fliegerausbildung bekam einen neuen und wichtigen Knotenpunkt in Aspern. Ab 1918 beförderten erstmals Flugzeuge Post von Wien nach Kiew. Die erste Flugpostlinie der Welt war in Aspern entstanden.

Unser nächster Besuch führt uns in den 22. Bezirk. Ein paar hundert Meter von der U1-Station Kagraner Platz finden wir das Bezirksmuseum Donaustadt. Ein Gebäude, das aussieht wie eine Mischung aus U-Bahn-Station und Treibhaus. Als wir uns versichert haben, dass es sich wirklich um das Bezirksmuseum handelt, treten wir ein und finden alles zur Geschichte der Donaustadt. Bis auf das Flugfeld. Das stimmt natürlich nicht ganz, es gibt ein spärlich eingerichtetes Eck mit Artefakten aus der lang vergangenen Zeit des alten Flughafens. Ein Gedenkstein, Flugpläne und einige Fotos stellen uns leider nicht zufrieden. Betreut wird das Gebäude von drei älteren Damen, die uns eher schlecht als recht über das Flugfeld informieren können. Im ersten Stock sei aber eine wunderschöne Klöppelausstellung. Wir lehnen dankend ab. Einige Informationen können wir schließlich doch zusammenkratzen.

In der Zwischenkriegszeit wurden das Flugfeld sowie das Streckennetz erneut ausgebaut.
Die, die es sich leisten konnten, flogen in Großflugzeugen von Wien über Prag und Dresden nach Berlin. Großflugzeuge, die damals gerade einmal neun Passagiere transportierten. Wer zu der Zeit von London nach Indien fliegen wollte, musste mit der britischen Fluglinie „Imperial Airways“ in Aspern zwischenlanden.

Bezirksmuseum Donaustadt

Während des zweiten Weltkriegs diente der Flughafen als wichtiger Stützpunkt der Deutschen Luftwaffe. Feindliche Bomben zerstörten das Flugfeld jedoch großflächig. Nach Kriegsende übernahmen die Sowjets das Areal und renovierten es wieder. Ziviler Verkehrsluftbetrieb kam zu der Zeit nicht mehr in Frage, da der Flughafen Schwechat inzwischen ausgebaut wurde.

Die ursprüngliche Bedeutung des internationalen Flughafens ging nach und nach verloren. Das Flugfeld wechselte erneut den Besitzer. Der Aero-Club für die Allgemeine Luftfahrt nutzte es nun als Sportflugplatz. Die erste österreichischen Flieger- und Fallschirmspringerschule übersiedelte nach Aspern. Wo heute eine Satellitenstadt steht, drehten damals Sportflugzeuge ihre Runden.

Wir fragen beim Filmarchiv Austria an, ob sie noch Aufnahmen von früher haben. Tatsächlich haben wir Glück: Die Austria Wochenschau zeigte den „Internationalen Flugtag in Aspern“ 1956 sogar im Kino.


Internationaler Flugtag in Aspern 1956


Das Gelände eignete sich jedoch nicht nur für die Fliegerei. Ab 1956 fanden auf dem Feld Autorennen mit internationalen Größen, wie Jochen Rindt und Niki Lauda statt.

Wir fragen uns, ob es nicht noch Zeitzeugen gibt, die uns mehr von damals erzählen können und versuchen den Aero-Club zu erreichen. Leider erfolglos. Das einzige, was wir finden, ist eine
Internetseite zur Geschichte des ehemaligen Flugfeldes und späteren Flughafens in Aspern.

Immerhin erfahren wir hier, wie es mit dem Flugfeld weiterging. In den 60ern gab es zunehmend Probleme mit der Finanzierung. Die Gemeinde Wien wollte den Grund zu einem Siedlungsgebiet machen oder industriell nutzen. Schließlich behinderte der Verkehr über Aspern die Einflugschneise der neuen Landebahn von Schwechat und brachte somit das Ende des Flugfeldes. Die letzte Maschine startete am 30.April 1977 in Aspern – „zum Zeichen der Trauer zog sie eine schwarze Fahne hinter sich her.“

1980 baute General Motors dann schließlich das besagte Opel-Werk. Auf dem übrigen Gelände des Flugfelds fanden noch weiterhin Autorennen statt, bis 2009 der erste Spatenstich für die Seestadt erfolgte.
Arbeiter rissen die letzten Reste des Flugfeldes ab und transportierten die 28.000 m² Lande- und Rollbahnen als Baumaterial in die Seestadt.

Die Flugfeldstraße, ein vergessener Gedenkstein, eine liebevoll gestaltete Internetseite – viel erinnert nicht mehr an das damals so bedeutende Flugfeld. Die Seestadt soll nun länger bestehen.


Besuch der Kaiserfamilie in Aspern


Zeppelin 1931


Autoren: Luisa Fohn, Isabella Dussmann, Alexander Winter