Vom Dorf zur Stadt – wie Wachstum die Gemeinschaft verändert

  
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Heute leben 6.000 Menschen in der Seestadt. In den nächsten zehn Jahren sollen es mehr als dreimal so viele werden. Mehr Menschen, heißt aber auch mehr Konfliktpotential.

„Ich bin hergezogen, weil ich Ruhe gebraucht habe, um mein Studium zu beenden. Die hab’ ich hier gefunden“, sagt Seestadt-Bewohner Daniel Radbauer. Und er hat Recht. Es ist wirklich ruhig hier. Wenn man durch die windigen Straßen in der Seestadt spaziert und sich umsieht, ist ersichtlich, dass diese Ruhe nicht nur Daniel anzieht, sondern vor allem viele Jungfamilien. Sie schlendern mit ihren Kleinkindern und Kinderwagen vorbei an den Geschäften und nutzen die breiten, autofreien Straßen, um sich dort niederzulassen. Die meisten von ihnen wohnen in Mietwohnungen, die ihnen über die Wohnberatung oder die Bauträger vermittelt wurden.

Auch wenn sich die Seestadt „leistbares Wohnen“ groß auf die Fahne geschrieben hat, leben hier keine armen Menschen. Die meisten von ihnen gehören einer mittleren bis oberen Einkommensschicht an. Knapp 30 Prozent der Bewohner sind zwischen 19 und 27 Jahre alt. Die Seestadt ist jung – nicht nur die Bewohner, sondern vor allem auch ihre Entwicklungsphase. Rund um den fertigen Stadtteil und immer wieder zwischendurch sieht man Baustellen, die Staub am Boden und in der Luft hinterlassen. Man spürt: Hier entsteht gerade etwas Neues.

Echte Beratung und Ärger über Hundescheiße

„Dieses gemeinsame Ankommen und die ähnlichen Interessen, die Jungfamilien haben, wirken verbindend“, sagt Tanja Gerlich. Sie arbeitet für das Seestadtmanagement – die erste Anlaufstelle für die Bewohner, wenn es um das Zusammenleben in der Seestadt geht. Die Leute kommen hierher, wenn sie Beratung brauchen oder einfach ihrem Ärger über Hundescheiße Gehör verschaffen wollen.

Das Seestadtmanagement möchte die Nachbarn durch Initiativen wie Nachbarschaftsgärten, kulturelle Schwerpunkte oder Feste zusammenbringen. Ein besonderes Anliegen sei es aber, die Menschen zu aktivieren, sich für ihre eigenen Interessen einzusetzen und ihr Potenzial zu begleiten. „Wenn jemand eine Idee für ein Projekt oder eine Initiative hat, helfen wir nur dabei diese Idee umzusetzen, indem wir zum Beispiel Räumlichkeiten für Chorproben organisieren. Die Verantwortung liegt aber immer bei den Bewohnern, die die Idee haben und das ist auch gut so. Wir wollen den Bewohnern das Gefühl geben, dass sie ihren Wohnraum selbst gestalten können, wenn sie das wollen“, sagt Gerlich. Bis jetzt funktioniert das offensichtlich gut. Auch wenn „nur“ 15 Prozent der Seestädter aktiv die Angebote des Seestadtmanagements nutzen, sind sie doch den meisten bekannt. Klar ist: Die Seestadt soll eine Gemeinschaft werden, die sich selbst organisiert und engagiert. Christoph Reinprecht hat untersucht, ob das funktioniert.

Reinprecht arbeitet an der Uni Wien und hat die bisher größte Studie zur Besiedelung der Seestadt durchgeführt. Er sieht diese organisierte „Vergemeinschaftung“ der Seestadt kritisch: „Vielleicht ist es überorganisiert und übergestaltet. Das schafft Erwartungen“, erklärt er. „Genau wie in jeder anderen Stadt können nicht alle diese Erwartungen erfüllt werden. Das gesamte Gefüge, das soziale Gewebe, das muss ja erst entstehen. Und da kann dieses Gerede von Gemeinschaft und Nachbarschaft fast ein bisschen kontraproduktiv sein, weil es eben so Erwartungen schürt.“

“Das hätte man besser organisieren können”

Dieses Problem ist für Denise Neumeister aber noch das Geringste. Vor einem Jahr ist sie aus dem Nebenbezirk Aspern in eine Genossenschaftswohnung in die Seestadt gezogen. Grundsätzlich ist sie mit dem Leben im neuen Stadtteil zufrieden. Was sie jedoch ärgert ist die Parkplatzsituation. Nicht jedes Wohnhaus hat eine eigene Garage. Die Parkplätze werden in Sammelgaragen organisiert. Die Bewohner müssen bei der nächstgelegenen Sammelgarage um einen Parkplatz anfragen. Wenn einer frei ist, bekommen sie ihn und zahlen monatlich dafür. Seestadt wollte und will keine Stadt für Autos sein. Das erkennt man am „Stellplatzregulativ“, das jeder Wohneinheit 0,7 Parkplätze zur Verfügung stellt. Das bedeutet: Nicht jeder, der in der Seestadt wohnt, hat auch einen Parkplatz. „Das stört mich grundsätzlich nicht. Wenn aber Gäste zu mir kommen und sie ständig auf die Uhr schauen müssen, weil das Gästeticket für die Garage sonst zu teuer werden könnte, ärgert es mich schon“, sagt Denise. Auf die Frage, warum sie selbst keinen Parkplatz in einer Sammelgarage hat, antwortet sie: „Die nächste Sammelgarage ist 15 Minuten Gehweg von meiner Wohnung entfernt. Wieso sollte ich für einen Parkplatz zahlen, bei dem ich dann erst Recht meinen Einkauf eine Viertelstunde schleppen darf? Das hätte man wirklich besser organisieren können.“

Denise ist nicht die einzige, die die Parkplatzsituation in der Seestadt bemängelt. Viele Bewohner sprechen ihren Unmut darüber aus und wenden sich an Tanja Gerlich vom Stadtteilmanagement. Sie verteidigt das Garagensystem: „Man hat die Erfahrung gemacht, dass in allen anderen Neubaugebieten, wo jede Wohneinheit einen Stellplatz bekommt, die Parkplätze nie ausgelastet sind. Trotzdem hat man hohe Errichtungs- und Erhaltungskosten, die nicht ausgeschöpft werden.“ Das Geld, das man in der Seestadt bei der Errichtung von Parkplätzen eingespart hat, fließt in den Mobilitätsfonds der Stadt. Fahrräder können günstig und teilweise gratis ausgeborgt werden.

Ökos vs. Autofahrer

Sozialforscher Christoph Reinprecht sieht hinter der Parkplatzdiskussion einen Konflikt zwischen zwei Lebensstilen: „Soziale Spannungen haben sich in der Seestadt eher nach Lebensstilen abgezeichnet. Die Auto-Nutzer gegen die Nicht-Auto-Nutzer, die Materialistischen gegen die Postmaterialistischen, die „Grünen“ gegen die „Nicht-Grünen“, die Ökologischen gegen die Nicht-Ökologischen.“

Zwei weitere, große Kritikpunkte sind die U-Bahn Intervalle und die fehlenden Supermärkte. Nur jede zweite U-Bahn fährt in die Seestadt. Nur ein Spar bietet den 6.000 Bewohnern die Möglichkeit zur Lebensmittelversorgung. „Wenn du nach fünf Uhr in den Spar kommst, findest du genau die Hälfte der Artikel, weil alles schon vergriffen ist“, sagt Denise. „Man kann sich nicht beschweren, aber man hat keine Auswahl“, sagt Daniel. Diese oder ähnliche Sätze hört man von fast allen Seestädtern, die darüber sprechen, was sie am Leben in der Seestadt stört. Es scheinen Kritikpunkte zu sein, die selbst Tanja Gerlich nicht mehr hören kann: „Es gibt manchmal so eine gewisse Ungeduld. Die Seestadt ist ein Stadtteil, der sich bis 2028 noch entwickeln wird. Es kann nicht alles gleichzeitig fertig sein.“



Ghettoisierung wird ausbleiben

Wie sich die Seestadt in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird, ist schwer zu sagen. Stichworte wie „Stadtrand“, „Großwohnsiedlung“ und „leistbarer Wohnraum“ erinnern nur zu gut an die alten Pariser Banlieues der 70er Jahre, die von hoher Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität gekennzeichnet waren. Diese Entwicklung scheint in der Seestadt keinen fruchtbaren Boden zu finden, denn: Die Seestadt ist für die Mittelschicht gebaut worden. Obwohl es geförderte Wohnungen gibt, sind die Preise zu hoch, als dass sich Arbeitslose oder Mindestsicherungsbezieher dort ansiedeln könnten. „Das Preisniveau in der Seestadt funktioniert als Filterung. Das soll verhindern, dass Ghettos dort entstehen“, meint Reinprecht.

Die Gefahr der Ghettoisierung sieht er daher nicht unmittelbar, er spricht jedoch von einem anderen Problem: Die Hierarchisierung, die sich schon jetzt zwischen den einzelnen Gebäuden abzeichnet. „Da gibt es solche, die großteils aus geförderten Wohnungen bestehen und andererseits die teureren Gebäude, die Balkone und Pools am Dach haben. Es ist eine Folge dieser Art von Bebauung, dass man Grenzziehungen hat – zwischen beispielsweise den Baukörpern. Da macht sich im Moment etwas fest, hinter dem wahrscheinlich ein größeres Konfliktpotenzial steckt.“

Spannend wird es vor allem in den nächsten Monaten, wenn in die Häuser, die jetzt gerade gebaut werden, neue Bewohner einziehen. Durch den hohen Anteil an Eigentumswohnungen kommt ein ganz anderer Typ Mensch in die Seestadt, der die Dynamik der Gemeinschaft noch einmal verändern wird. „Es gibt jetzt schon eine soziale Schichtung – zum Beispiel Baugruppen, die wohlhabender sind als andere – und da wird es interessant: Was passiert mit der freien Finanzierung? Wer zieht zu?“

Jetzt ist noch alles schmuck

Die Frage nach der organisierten Gemeinschaft stellt sich auch für die Zukunft. Einerseits kann die Organisation vonseiten des Statteilmanagements dabei helfen, eine von Grund auf neue Gemeinschaft aufzubauen – andererseits baut das auch Erwartungen auf: „Das gilt für alle Städte, aber bei Neubaustädten ganz besonders: Die Stadt verändert sich, Gebäude altern, jetzt ist alles schmuck – aber die Fassaden schauen in 15 Jahren anders aus und die Bevölkerung ändert sich,“ meint Reinprecht. „Über dieses Zusammenspiel wissen wir noch wenig. Zehn Jahre nach der Erstbesiedelung wird man da aber schon Effekte haben.“

Vor allem wird es zu Veränderungen kommen, wenn die erste Generation der eingeborenen Seestädter, die jetzt noch im Kindergarten ist, das Jugendalter erreicht. „Sozialisation von Jugendlichen geschieht in der Stadt sehr stark über territoriale Beziehungen. Was ist, wenn die Jugendlichen beginnen, den Raum zu markieren? Viele dieser Siedlungen, die in den 70er Jahren in Paris gebaut worden sind, sind ähnlich wie die Seestadt. Sie haben alle diesen Prozess durchgemacht, und das hat großteils mit Schrecken geendet. Dass sich dort die Jugendlichen herumgetrieben haben, hat zu einer Entwertung des Gebietes geführt. Die Leute haben sich unsicher gefühlt.“

Neue treffen auf Alte

Auch im Stadtteilmanagement versucht man, sich auf den Zuwachs vorzubereiten. „Jetzt kommt das Seeparkquartier, was für uns alle spannend wird. Ein neuer Teil der Seestadt entsteht, der auch einen ganz anderen Charakter haben wird. Wir bereiten uns vor, fragen uns, was sich verändern wird und wie man die neu Zugezogenen in die Gemeinschaft integrieren kann.“ Dazu wird es das Konzept der Seestadt-Paten geben: Durch eine Art Buddy-Prinzip sollen alte Bewohner den neu Zugezogenen die Seestadt zeigen und ihnen dabei helfen, sich einzuleben.

Gerlich betont, dass nicht nur die frisch gepflanzten Bäume Zeit zum Wachsen brauchen, sondern dass man der gesamten Seestadt Zeit zur Entwicklung geben muss. Vieles ist jetzt erst im Aufbau und wird sich in den nächsten Jahren noch stark verändern. So auch die Infrastruktur: „Im Seestadtquartier wird es nächstes Jahr mehrere Fertigstellungen geben. Auch wenn wir jetzt noch nicht sagen können, welche Supermärkte das sein werden, wird es auf jeden Fall einen Ausbau der Nahversorgung geben“, sagt Gerlich.

Was in Zukunft passieren wird

Insgesamt soll die Einwohnerzahl im Lauf der nächsten zwei Jahrzehnte auf 20.000 steigen. Ebenso viele Arbeitsplätze sollen in der Seestadt entstehen. Noch ist die Seestadt eine urbane Insel zwischen unbebauten Feldern, aber auch dieser Platz soll in Zukunft mit der Stadt Wien zusammenwachsen. „Die Besonderheit des Stadtteils wird sich dadurch vielleicht relativieren“, sagt Reinprecht. „Die Seestadt ist zwar ein Ort dort, aber dieser Ort steht in Beziehung zu anderen. Und davon wird sehr viel abhängen.“

Einige Vermutungen über die soziale Entwicklung der Seestadt zeichnen sich ab. Von Kollisionen der unterschiedlichen Lebensstile bis zu Reviermarkierungen von rebellischen Jugendlichen – „die Seestadt bleibt ein Labor.“


Autoren: Alina Birkel, Marija Barisic

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