DIGITALISIERUNG

Die Verdrängung der Technologie

Lukas Schlögl LUKAS SCHLÖGL | 06.04.2021

Wir nutzen sie, um zu kommunizieren. Um uns zu informieren. Um uns zu unterhalten. Um Einkäufe zu erledigen. Um zu arbeiten. Um Menschen kennenzulernen. Um zu navigieren. Um zu bezahlen. Um Behördenwege zu erledigen. Und für einiges mehr. Digitale Technologien bestimmen das Leben im 21. Jahrhundert. Damit nicht genug brachte die Covid-19 Pandemie einen regelrechte Digitalisierungsschub: Zoom, Teams, Slack, Webex und ähnlich Namen tragen die Plattformen der Stunde, die uns eine ‘virtuelle Normalität’ ermöglicht haben. In die wachsende Liste digitaler Dienste reiht sich demnächst vielleicht auch noch ein digitaler Impfpass ein. Aus dem technologischen Wandel ergeben sich wichtige Fragen: vom Umgang mit Daten und Privatsphäre über Manipulation von Information bis zu technologischer Kontrolle und Diskriminierung, Ersetzbarkeit menschlicher Arbeit und resultierenden sozialen Ungleichheiten. Im Zeitalter der Informatisierung und Automatisierung ist Technologie daher ein zentrales politisches Thema — oder etwa nicht?

Das Gegenteil ist der Fall. Abseits von diskursiven Strohfeuern wie dem “Kaufhaus Österreich” des Bundesministeriums für Digitalisierung und der ein oder anderen Debatte über die Regulierung sozialer Medien (Stichwort: “Causa Bierwirt” oder die Twitter-Sperre Trumps) ist es politisch erstaunlich still um digitale Technologien. Die bekannte Eurobarometer-Umfrage der EU erhebt regelmäßig die “most important issues” unter BürgerInnen. Welche Themen sind den Menschen am wichtigsten: Klimawandel, Migration, Pensionen, Bildung, Kriminalität, Wohnen,…? Technologiethemen sind nicht einmal Teil der Fragebatterie; sie sind ein buchstäbliches “Non-Issue”. Und das zurecht, denn es fällt schwer, sich in jüngerer Zeit größerer öffentlicher Debatten darüber zu entsinnen.

Könnten Sie aus dem Stegreif sagen, welche Positionen Österreichs Parteien zu Technologiethemen vertreten? Sicher: Hinter den “Kulissen” öffentlichkeitswirksamer Politik ist Technologie ein Thema der Verwaltung und auch der Gesetzgebung. Digital- und Patentrecht, der Ausbau von Breitbandinternet und 5G, Österreichs “KI Strategie” und manches mehr ist auf der Agenda. Aber ist ein gesellschaftlich so zentraler Bereich außerhalb von Expertengremien und akademischen Debatten wirklich nicht von breiterem politischen Interesse? Wie könnte die Randstellung von Technologiethemen im politischen Mainstream zu erklären sein? Vier Thesen zum Technologie-Tabu:

These 1: Technologie ist komplex. Womöglich gehört Technologie zu jenen Politikfeldern, die in der breiten Öffentlichkeit einfach weniger Interesse wecken, wie etwa auch Aspekte der Außenpolitik. Technologie ist teils ungeeignet für Populismus: Man erinnert sich (?) etwa an Bundeskanzler Christian Kerns (SPÖ) glückloses Projekt einer “Maschinensteuer”. Technologie ist vielleicht zu unpersönlich, zu abstrakt, um zu emotionalisieren. Gegen diese These spricht andererseits, dass im 20. Jahrhundert durchaus auch komplexe Technologiethemen immer wieder erfolgreich politisiert wurden, etwa Kerntechnik und Gentechnik.

These 2: Technologie ist unsichtbar. Erfolgreiche Technologien werden gewissermaßen “unsichtbar”: Sie fallen uns nicht mehr auf, werden zur Normalität, ja Teil unserer Körper. Nach einer Phase der Eingewöhnung sprechen wir ganz natürlich mit der Smartwatch und selbst Kinder bedienen Tablets wie selbstverständlich. Vielleicht politisieren wir Technologien also deshalb nicht stärker, weil wir sie nicht mehr wahrnehmen. Gegen diese These spricht allerdings, dass wir uns dennoch in einer Zeit des spürbaren Wandels befinden, in der Technologie neue und immer intimere Bereiche erobert.

These 3: Technologie ist bequem. Eine These besagt, dass gewisse Technologien uns zu zufriedenen, eingelullten KonsumentInnen machen (der Medienwissenschaftler Neil Postman warnte einst, die TV-Gesellschaft werde sich “zu Tode amüsieren”). Und es stimmt: Wir schätzen die Arbeitsersparnis und Convenience des Digitalen und sind süchtig nach Klicks. Lästige Cookie-Benachrichtigungen klicken wir weg. Kaum jemand verzichtet auf digitale Dienste, selbst wenn man Zweifel an deren Datensicherheit hat. Allerdings: Technologie ist nicht für alle gleich bequem. Der Bewertungsalgorithmus einer Liefer-App gefällt Kunden, prekären‘Gig Workern’ aber weniger. Wer in die Zielscheibe eines Online-Mobs gerät, findet anonyme Meinungsäußerung nicht bequem und wessen Job technologisch ersetzt wird, der ist kein Freund der Digitalisierung.

These 4: Technologie ist unbeeinflussbar. Vielen erscheint Technologie unausweichlich und naturgegeben. Wir sind ihre Nutzer, nicht ihre Schöpfer. Und das ist nur zum Teil eine Illusion: Technologische Artefakte sind zwar das Resultat menschlicher Entscheidungen, aber in diese sind wenige von uns eingebunden. Zu wenige verstehen Technologie auch gut genug, um sich eine fundierte Meinung darüber bilden zu können. Technologien entziehen sich damit der gesellschaftlichen Steuerung — und sie sind vielleicht auch deshalb “unpolitisch”, weil uns ihre Gestaltbarkeit zu wenig bewusst ist.

Vier Erklärungsansätze also für ein Paradox — nämlich, dass Technologie die heutige Gesellschaft durchdringt, politisch aber ein Randthema geblieben ist. Wir nutzen sie, um zu kommunizieren. Um uns zu informieren. Um uns zu unterhalten. Und für vieles mehr. Politisch aber verdrängen wir sie. Der heftige Digitalisierungsschub durch die Corona-Krise könnte uns einen Anstoß geben, Technologien in Zukunft stärker ins politische Bewusstsein zu bringen. Dazu müssten wir sie aus den Hinterzimmern der Technokratie holen, sichtbar machen, problematisieren und uns ihre Gestaltbarkeit vergegenwärtigen.

Eine zeitgemäße Digitale Bildung an Österreichs Schulen – seit langem ein Versprechen geblieben – wäre ein wichtiger Beitrag dazu. Politische Parteien und Interessensvertretungen sollten sich von floskelhaften Gemeinplätzen (“Digitalisierung bietet Chancen”) verabschieden. Sie müssen zu den technologischen Kernfragen der Zeit klare und öffentlichkeitswirksame Positionen entwickeln: Wie schützen wir unsere Privatsphäre, Souveränität und unser psychosoziales Wohlbefinden im Zeitalter der Apps? Wie bestehen Betriebe im Wettbewerb mit Amazon, Google & Co? Wie regulieren wir digitale Medien und Informationsströme? Wie gestalten wir die digitale Arbeitswelt und wie helfen wir jenen, die abgehängt werden?

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