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Was Migration und Rassismus wirklich mit der Pandemie zu tun hat

Vor wenigen Tagen sorgte Ex-Vizekanzler Michael Spindelegger, mittlerweile Generaldirektor des Think Tanks ICMPD, mit einer Vorhersage für Aufsehen: Aufgrund der sich verstärkenden globalen Ungleichheiten durch die COVID-19-Krise, in Verbindung mit schlechterer Gesundheits- und Impfstoffversorgung in ärmeren Ländern der Welt, wäre für 2021 ein drastischer Anstieg irregulärer Migrationsbewegungen zu erwarten. Während sich die Migrationsforschung aufgrund der erratischen Entwicklung der Pandemie mit solcherlei Prognosen bisher weise zurückgehalten hat, gibt es einen Aspekt, mit dem der Generaldirektor wohl recht hat: Die Coronavirus-Pandemie offenbart nicht nur soziale, sondern auch ethnische Ungleichheiten, die sich im ungleichen Gesundheitszugang zwischen Globalen Norden und Süden, aber auch innerhalb von Staaten widerspiegeln. 

Denn was bereits lange vor der Pandemie gut dokumentiert war, hat seit März 2020 an Bedeutung gewonnen: Auch bei kompletter rechtlicher Gleichstellung haben gesellschaftliche marginalisierte Gruppen einen nachweisbaren schlechteren Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung und medizinischer Behandlung. Ein Hauptfaktor dafür sind Diskriminierungserfahrungen und Rassismus. Unabhängig von der konkreten Erkrankung neigen Minderheiten deshalb stärker als die Mehrheitsgesellschaft zu Chronifizierung von Beschwerden, einem schwereren Verlauf und geringeren Überlebenschancen. Gesundheit ist eine zutiefst ungleich verteilte Ressource, sowohl zwischen als auch innerhalb von Staaten.

Wenig überraschend lässt sich deshalb eine wesentlich höhere Vulnerabilität von marginalisierten Menschen im Hinblick auf SARS-CoV-2 beobachten. Verfügbare Daten aus mehreren OECD-Ländern, darunter Kanada, Portugal und Dänemark, zeigen, dass Migrant*innen im Schnitt ein doppelt so hohes Infektionsrisiko haben wie Einheimische. Im Vereinigten Königreich ist die Mortalität durch COVID-19 unter ethnischen Minderheiten etwa doppelt so hoch wie unter weißen Brit*innen, auch wenn man Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Einkommen und Wohnsituation miteinbezieht.

Sozioökonomischen Faktoren, die stark mit der ethnischen Herkunft verknüpft sind, können also nur einen Teil der ungleichen Betroffenheit erklären. Neben ihrer häufigeren Tätigkeit als Systemerhalter*innen „an der Front“ ist es vor allem der strukturelle Rassismus in Gesundheitssystem und Gesellschaft, der zur Ungleichbehandlung unter COVID-19 und zur höheren Sterblichkeit von People of Color (PoC) führt.

Die Medizinsoziologie belegt mittlerweile deutlich, dass ethnische Minderheiten schlechtere medizinische Behandlung erhalten als Weiße. Noch immer werden die Schmerzen schwarzer Menschen weniger ernst genommen: So waren im Jahr 2016 etwa 40% der befragten Medizinstudierenden in einer US-amerikanischen Erhebung der Meinung, schwarze Haut wäre dicker als weiße, weshalb PoC weniger Schmerz empfänden als weiße Menschen. Rassistische Annahmen wie diese haben weitreichende Folgen für Diagnose und Therapie, und senken nachweisbar die Überlebenschancen Betroffener. Als nur eine Konsequenz von vielen zeigt sich beispielsweise, dass schwarze Frauen ein bis zu fünffach erhöhtes Risiko haben, während der Schwangerschaft an Komplikationen zu sterben, als weiße.

Für Europa gilt der Befund der gesundheitlichen Ungleichheit und Ungleichbehandlung vor allem für Migrant*innen und Geflüchtete. Eine Studie aus den Niederlanden belegt, dass medizinische Behandlungen und Beratungen für Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt kürzer sind als für Menschen ohne Migrationsgrund, und dass sich Ärzt*innen „verbal dominanter“ verhalten, wenn sie marginalisierte Gruppen behandeln. Hinzukommende sprachliche Barrieren, denen nur unzureichend durch Dolmetscher*innen begegnet wird, verschärfen die Problematik.

Eine umfassende Metastudie der Harvard T.H. Chan School of Public Health zeigte unlängst den Zusammenhang zwischen wahrgenommener Diskriminierung und körperlicher wie seelischer Gesundheit. Bestimmte chronische Beschwerden wie Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen stehen im Verdacht, durch anhaltende Diskriminierungserfahrungen verstärkt zu werden. Gleichzeitig beeinträchtigt Rassismus auch das eigene Gesundheitsverhalten (Ernährung, Sport, Rauchen) und führt dazu, dass präventive Maßnahmen und Vorsorgeuntersuchungen weniger oft in Anspruch genommen oder Behandlungspläne nicht eingehalten werden. Erklärt wird das durch den chronischen Stress, der durch Ungleichbehandlung und daraus resultierende ökonomische und soziale Schlechterstellung entsteht. Diese lässt verschiedene neurologische und chemische Stressmarker im Körper (darunter Cortisol) ansteigen, was wiederum frühzeitige Zellalterung bedingen kann und eine Reihe von Beschwerden nach sich zieht.

Ein Teil dieses chronischen Stresszustands entsteht nicht zuletzt durch sogenannten „internalisierten Rassismus“, also das Akzeptieren von negativen gesellschaftlichen Annahmen und Stereotypen über sich selbst: Wird Angehörigen einer Minderheit anhaltend vermitteln, sie würden sich ungesünder ernähren oder wären weniger sportlich, so kann das dazu führen, dass diese Zuschreibungen irgendwann als Wahrheiten akzeptiert werden und man sich tatsächlich so verhält. Ähnliche Dynamiken zwischen Selbst- und Fremdbild wurden etwa im Zusammenhang mit Adipositas beobachtet.

Eine nun erschienene Studie im British Medical Journal empfiehlt deshalb den Abbau von strukturellen Rassismus im Gesundheitssystem um die gesellschaftliche Resilienz gegen Virus-Pandemien, aber auch darüber hinaus zu stärker. Die Expertenempfehlungen reichen von diskriminierungssensiblen Schulungen des Gesundheitspersonals bis hin zur Ausweitung der COVID-19-Risikogruppen-Definition auf ethnische Minderheiten. Vieles davon ist auch auf Österreich übertragbar: Mittlerweile belegen zahlreiche Studien auch hierzulande die ungleiche Gesundheitsversorgung benachteiligter Gruppen. In einer globalen Pandemie schadet diese strukturelle Diskriminierung allen, nicht nur den direkt Betroffenen: Je mehr Menschen sich infizieren, nicht ausreichend getestet oder ungleich behandelt werden, desto länger dauern Lockdown und Einschränkungen des Alltags an.

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