INTEGRATIONSPOLITIK

Sind Menschen mit Migrationshintergrund stärker von COVID-19 betroffen?

Wurde das Virus im Sommer mit Reiserückkehrern aus ihren Herkunftsländern eingeschleppt? Erkranken Migrantinnen öfter an Corona, weil sie zu sorglos sind oder die Sicherheitsmaßnahmen auf Deutsch nicht verstehen (wollen)? Derzeit sorgen solche und ähnliche Aussagen von der Regierungsspitze abwärts für Diskussion.

Tatsächlich zeigen verfügbare Daten aus mehreren OECD-Ländern, darunter Kanada, Portugal, Dänemark und Schweden, dass Migrantinnen ein etwa doppelt so hohes Risiko haben, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren. Gleichzeitig legen erste Erkenntnisse aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich, den USA und Niederlanden nahe, dass Migrantinnen auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf sowie eine höhere Sterblichkeit durch COVID-19 aufweisen, bedingt durch Vorerkrankungen.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Wie zuletzt auch von Intensivmedizinern der Klinik Ottakring gemutmaßt, spielen einerseits Kommunikationsbarrieren eine Rolle. Zu Beginn der Coronakrise wurden die zentralen Informationen über Eindämmungs- und Sicherheitsmaßnahmen erst viel zu spät, fehlerhaft und unvollständig ins Türkische, BKS oder Arabische übersetzt. Das verdeutlicht, dass sich Österreich leider noch immer nicht als das Einwanderungsland versteht, das es schon lange ist. In vergleichbaren Migrationsgesellschaften im europäischen Umfeld und in Übersee ist es gängige Praxis, (lebens)wichtige Informationen zeitgleich zur offiziellen Landessprache auch in die wichtigsten Migrantinnensprachen zu übersetzen. Auch die Gesundheitshotline 1450 ist für viele Migrantinnen weiterhin nicht niederschwellig erreichbar; ohne ausreichende Deutschkenntnisse muss man unter Umständen lange auf einen Rückruf in der Erstsprache warten – falls dieser überhaupt erfolgt. Nun können sprachliche Barrieren unter Umständen durch ein entsprechend dichtes soziales Netz abgefedert werden, doch auch hier scheinen sich integrationspolitische Defizite der letzten Jahrzehnte negativ auszuwirken.

Neben der (sprachlichen) Erreichbarkeit sind es aber vor allem die sozioökonomischen Hintergründe, die eine höhere Infektionsgefahr für Menschen mit Migrationshintergrund bedingen. Denn sie sind in den systemerhaltenden Berufen, die auch während des Lockdowns weiterlaufen müssen, überrepräsentiert, und zwar sowohl im niedrig- wie auch im hochqualifizierten Bereich. In der nicht-akademischen Krankenpflege- und Geburtshilfe hat jede/r dritte Beschäftigte Migrationshintergrund (Statistik Austria, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung). Während der Anteil ausländischer Staatsangehöriger an der österreichischen Wohnbevölkerung bei knapp 17% liegt, besitzen in der systemrelevanten Nahrungsmittelherstellung 33% der Beschäftigten, am Bau 30%, und im Einzelhandel 22% eine andere Staatsbürgerschaft als die österreichische (BMAFJ). Gleichzeitig haben ausländische Beschäftigte weniger Möglichkeit zur Telearbeit als inländische: Während etwa 35% der im Inland geborenen Erwerbstätigen im Home Office arbeiten können, sind es bei Zuwandererinnen nur etwas mehr als 20% (OECD 2020).

Menschen mit Migrationshintergrund sind also aufgrund ihrer Tätigkeit sowohl einer höheren Last als auch einem höheren Risiko ausgesetzt. Als Beschäftigte in Reinigungs- und Lieferdiensten, an der Supermarktkassa und als Krankenhauspersonal halten sie das ganze Land und vor allem die Großstadt Wien am Laufen. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag, um Österreich sicher und gesund durch die Krise zu bringen.

Ob sie dabei selbst ausreichend geschützt sind, steht auf einem anderen Blatt: Gerade in jenen migrantisch-dominierten Branchen, in welchen durch die Pandemie der Stress und die Intensität der Arbeit merklich zugenommen haben, bleibt fraglich, ob Arbeitnehmerinnen ausreichend physische Distanz wahren und sich regelmäßig die Hände waschen können. Während Ärztinnen und Pflegekräfte zurecht auf flächendeckende Ausstattung mit FFP2-Masken gepocht haben, steht der Schutz der Reinigungskräfte, die in denselben Kliniken tätig sind, bis dato weitaus weniger im Fokus der Politik.

Das Beispiel verdeutlicht einen weiteren Faktor für das höhere Risiko von Migrantinnen, nämlich den Umstand, dass aufgrund fehlender sozialer und Bildungsmobilität „Migrationshintergrund“ in Österreich häufig mit einem niedrigeren sozioökonomischen Stand einhergeht. Denn dieser sozioökonomische Stand korreliert wiederum stark mit der körperlichen und seelischen Gesundheit. Plakativ gesagt: Je reicher ein Mensch ist, desto gesünder ist er (zumindest statistisch gesehen). So zeigen medizinsoziologische Studien, dass Menschen aus dem unteren Fünftel der Bevölkerung ein etwa zwei- bis dreifach höheres Risiko haben, an einer chronischen Krankheit zu leiden, als Menschen aus dem oberen Fünftel. Dazu zählen chronisches Asthma genauso wie Krebserkrankungen und Diabetes – also typische Vorerkrankungen, die einen schweren COVID-19-Verlauf bedingen können.

Das bedeutet aber nicht, dass arme Menschen eben einfach „weniger auf sich schauen“, ungesünder leben oder sich seltener an Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen halten. Ähnlich wie Kapital und Bildung ist Gesundheit eine zutiefst ungleich verteilte Ressource. Dass Menschen mit Migrationshintergrund oft weniger davon haben, liegt an mangelnden Möglichkeiten zur psychischen und physischen Prävention, bedingt durch Geld- und Zeitmangel, chronischem Stress durch Unsicherheit, und vielen weiteren, in sich verschränkten Faktoren. So leben Menschen mit niedrigerem Einkommen, unter welchen Migrantinnen in Österreich überrepräsentiert sind, oft in beengten Wohnverhältnissen und an dicht befahrenen Straßen im urbanen Raum, was Atemwegserkrankungen begünstigt. Sie sind häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, wo das Infektionsrisiko höher ist als im eigenen PKW. Nicht zuletzt kann ein unsicherer Aufenthaltsstatus und/oder fehlender Sozialversicherungsschutz bei Menschen mit Migrations- und Fluchtbiographie für einen eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem sorgen, wodurch sich akute Erkrankungen chronifizieren können.

Doch nicht nur im Bereich der Gesundheit sind Migrantinnen wesentlich stärker von Corona betroffen als Menschen ohne Migrationshintergrund. OECD-Arbeitsmarktdaten zeigen bereits jetzt eindrücklich, dass der Beschäftigungsrückgang durch COVID-19 unter im Ausland geborenen Arbeitskräften besonders ausgeprägt ist: So verzeichnen Migrantinnen in Österreich, ähnlich wie in vielen anderen europäischen Ländern, einen mehr als doppelt so hohen Rückgang der Erwerbsquote wie im Inland geborene Beschäftigte. Das hängt zum einen damit zusammen, dass Migrantinnen häufig in jenen Branchen tätig sind, die besonders stark von coronabedingten Einschränkungen betroffen sind, wie beispielsweise Gastronomie und Tourismus. Sie arbeiten öfter in prekären Dienstverhältnissen mit kürzerer Betriebszugehörigkeit. Nach dem Motto „last in, first out“ werden diese Stellen in wirtschaftlichen Schwächezeiten als erstes abgebaut. Auch schwächere soziale und berufliche Netze durch kürzere Aufenthaltsdauer wirken sich negativ aus.

Zentral ist aber auch die ethnische Herkunft als Marker: In Zeiten wirtschaftlicher Rezession nimmt Diskriminierung gegenüber vermeintlich „Fremden“ am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft zu. Derzeit erleben wir, wie rassistische Rhetorik gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, die das Virus angeblich aus ihren Herkunftsländern eingeschleppt hätten, sich von der Regierungsspitze abwärts festzusetzen droht. Aufgrund steigender Arbeitslosigkeit und den dadurch zu befürchtenden sozialen Verwerfungen sowie einem generellen diffusen Bedrohungsgefühl durch Ausgangsbeschränkungen und eine potentielle Überlastung des Gesundheitssystems drohen sich Skepsis bis hin zu offenen Ressentiments gegen Migrantinnen zu verstärken. Lassen wir nicht zu, dass das Virus gewinnt, indem uns der Fokus auf vermeintliche Sündenböcke den Blick auf die eigentlichen, nämlich strukturellen und politischen Ursachen der Krise verstellt.

 

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