GESELLSCHAFTSPOLITIK

Haben Sie eine „wichtige Bezugsperson“?

Felix Pinkert FELIX PINKERT | 01.12.2020

Im herbstlichen harten Lockdown gibt es eine neue Spezies Mensch, die wir noch weiterhin treffen dürfen: „wichtige Bezugspersonen“. Die Entdeckung dieser Spezies durch die Bundesregierung ist ein Fortschritt gegenüber dem Frühjahr, in dem sich zwar „Lebenspartner“, aber sonst niemand aus getrennten Haushalten treffen durfte. Das war diskriminierend, etwa gegenüber allein lebenden Singles, wie schon die Philosophinnen Stephanie Collins und Luara Ferracioli an den Ausgangsbeschränkungen im australischen Bundesstaat Victoria anprangerten: „Sex ist erlaubt, Freundschaft nicht“. 

Mit „wichtigen Bezugspersonen“ dürfen wir nun also Freunde treffen. Aber es bleibt ein entscheidender Haken. Denn nachdem „wichtige Bezugspersonen“ zunächst vage gehalten wurde, wurde letzte Woche präzisiert: Wichtige Bezugspersonen, das sind Menschen, mit denen „in der Regel mehrmals wöchentlich“ physisch Kontakt gepflegt wird. 

Durch diese Konkretisierung privilegiert die Regierung weiterhin bestimmte Beziehungen gegenüber anderen. Das ist problematisch, aus drei Gründen:

Erstens bedeuten die neuen Regeln, dass für manche Menschen gar keine physischen Kontakte erlaubt sind. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2015 halten nur 57% der Menschen in Österreich mehrmals wöchentlich Kontakt zum engsten Freund oder zur engsten Freundin – und das inklusive telefonischem und online-Kontakt, der besonders in der jüngeren Generationen besonders wichtig ist.

Das man die engsten Freunde nicht mehrfach wöchentlich sieht, kann zum Beispiel an Zeitmangel, an einem breiter gefächerten Freundschaftsnetz, oder einem kürzlichen Umzug in eine andere Stadt liegen – ich denke etwa an Studierende, die zum Studienbeginn im Oktober in eine neue Stadt gezogen sind. 

Den 43% Menschen ohne erreichbarer, mehrfach wöchentlich getroffener wichtiger Bezugsperson bleibt nach den neuen Regeln dann nur der Kontakt zu engsten Angehörigen und dem Lebenspartner. Aber nicht jede*r hat einen Lebenspartner oder eine enge Familie – in erreichbarer Nähe, in Österreich, oder überhaupt. Damit ergibt sich eine Gruppe von Menschen, denen nach den neuen Regeln gar keine physischen Kontakte, sei es im Wohnraum oder im Freien, zugestanden werden. Das ist ein inakzeptable Situation, den direkter Kontakt von Mensch zu Mensch ist ein menschliches Grundbedürfnis. Zudem wird für manche Menschen die enge Familie zwar erreichbar sein, aber nicht zu den besonders wichtigen und unterstützenden Kontakten zählen. Die hier zugestandenen Kontakte befriedigen dann ebenfalls nicht dieses Grundbedürfnis.

Zweitens diskriminieren die Lockdown Regeln zwischen verschiedenen Arten, wie Menschen ihre sozialen Beziehungen gestalten. Während es Menschen gibt, die nach dem Wortlaut der neuen Regeln niemanden sehen dürfen, gibt es Menschen, die sowohl Eltern, Geschwister, gegebenenfalls vorhandene häufig genug getroffene Freunde, sowie den Lebenspartner in erreichbarer Nähe haben und (je einzeln) treffen dürfen – mit den entsprechendem Risiko, eine Corona-Infektion so zwischen mehreren Haushalten weiter zu geben. Insgesamt werden so bestimmte Beziehungsmuster besonders geschützt, andere hingegen verunmöglicht. 

Eine Begründung dieser Ungleichbehandlung mag sein, dass die geschützten Beziehungen wichtiger sind als die übrigen. Damit ergibt sich aber das dritte Problem: Es ist anmaßend für eine Regierung, wissen zu wollen, welche  Beziehungen für Menschen am wichtigsten sind. Stellen wir uns jemanden vor, deren Geschwister und Eltern im selben Ort wohnen, aber völlig von ihr entfremdet sind. Dazu gibt es einen nahen Freund, den sie vor Corona jede Woche zu einem langen Spaziergang und tiefen Gespräch getroffen hat. Die neuen Lockdown-Regeln nehmen nun einfach an, dass unter den Sozialkontakten dieser Person die Familienbeziehungen besonders wichtig sind, der Freund aber nicht. Entsprechend darf sie die entfremdete Familie treffen, aber nicht mehr den Freund. Das ist absurd – wer uns wirklich wichtig ist, dass wissen wir doch selber am besten.

So sah das auch der klassische liberale Philosoph John Stuart Mill im 19. Jahrhundert: Regierende haben nicht vorzuschreiben, welche Lebensformen am besten für die Menschen sind, sondern Menschen sollen das selbst bestimmen und herausfinden können, durch ihre „experiments in living“. Zugleich befürwortet der klassische Liberalismus aber auch keine Anarchie, sondern befürwortet Gesetze, die dafür sorgen, dass Menschen sich nicht gegenseitig Schaden zufügen. 

Mit dieser Balance aus Freiheit und Sicherheit eignet sich diese philosophische Tradition hervorragend als Richtschnur für die Lockdown-Regeln: Für den Schutz der Menschen vor Schaden ist notwendig, dass wir unsere Sozialkontakte reduzieren, und das sollte, der Fairness und Effektivität halber, gesetzlich vorgeschrieben sein. Gegeben eine bestimmten Anzahl Menschen, die jemand in ansteckungsanfälligen Situationen trifft, ist es dem Coronavirus dann aber herzlich egal, ob das nun die Lebenspartnerin, der Bruder, oder eine erst im Online-Seminar neu kennen gelernte Kommilitonin ist. Also hat das auch den Lockdown-Regeln egal zu sein.

Statt immer neue, verwirrende, und doch nicht hinreichend inklusive Begriffe von wichtigen Beziehungen zu definieren, sollte die Bundesregierung also nur festlegen, mit wie vielen oder wenigen haushaltsfremden Menschen wir uns treffen dürfen. Mit welchen Menschen wir uns dann entscheiden, die zahlenmäßig begrenzten Kontakte zu pflegen, das ist aber besser den Menschen selbst überlassen. So wird sicher gestellt, dass alle Menschen ein Minimum an Sozialkontakten pflegen können, und das mit den Menschen, die ihnen (und nicht der Regierung) am wichtigsten sind.