GESUNDHEITSPOLITIK

Impfstoff mit Zukunft? 

Katharina T. Paul KATHARINA T. PAUL | 30.11.2020

Die Politik ist sich einig: Die sich in Entwicklung befindenden Impfstoffe sollen der politischen, ökonomischen, und nicht zuletzt sozialen Krise ein Ende setzen — und das bereits in wenigen Monaten. Das ist ein hehres Ziel. Dass aber Gesundheit nicht nur ein technisches, sondern soziales Phänomen ist und dementsprechend vielfältige Perspektiven und Politikinstrumente erfordert, wird dabei oft außer Acht gelassen. 

Die Effektivität einer Impfung hängt wesentlich von den gesellschaftlichen Bedingungen ab, in die sie eingebettet ist, und in die sie eingreift – wie etwa das Vertrauen in Institutionen und die Bereitschaft zu solidarischem Handeln. Erste Ergebnisse aus der an der Universität Wien durchgeführten SolPan Studie weisen darauf hin, dass BürgerInnen einer SARS-CoV-2 Impfung nicht uneingeschränkt positiv gegenüberstehen: so weckt vor allem die rasche Entwicklung und bevorstehende Zulassung Misstrauen in die Sicherheit der Impfung. Ähnlich weisen Resultate des  Austrian Corona Panel Project darauf hin, dass eine potentielle Impfung durchaus polarisiert: Sollte ein Impfstoff bereitstehen, geben rund 48% der Befragten an, sich ehestmöglich impfen lassen zu wollen. Demgegenüber zeigt etwa ein Drittel der Befragten eine ablehnende Haltung. 

Dies kann kaum überraschen, denn Erfahrungswerte wie jene aus der Einführung der Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV) weisen darauf hin, dass Impfungen auf gesellschaftlichen Widerstand stoßen können. Das passiert nicht zuletzt dann, wenn Effektivität und Nebenwirkungen nicht transparent erfasst und diskutiert werden. Ein elektronischer Impfpass mag ein erster Lösungsansatz für eine verbesserte Datenerfassung zu sein, doch löst dieser nicht das bestehende Misstrauen in die Sicherheit eines Impfstoffs. Misstrauen in Impfungen steht oftmals für Misstrauen in staatliche Institutionen; und das ist ein Problem, das nicht allein durch eine Technologie gelöst werden kann. Viel eher erfordert es Transparenz beim Umgang mit Unsicherheiten, die weiter bestehen – und eine gute Begründung regulatorischer Entscheidungen (wie etwa bei einer raschen Zulassung eines Impfstoffs). Misstrauen und Sorgen müssen besprechbar sein und die Politik muss Ressourcen freimachen für Informationskampagnen und Dialog. 

Zum zweiten hängt die gesundheitspolitische Rolle einer Impfung nicht alleine von ihrer klinischen Wirksamkeit ab, sondern auch von der Wirksamkeit des nationalen Impfkonzepts, in dessen Rahmen sie verabreicht werden soll. Im Gegensatz zur klinischen Wirksamkeit, die in Prozentzahlen beschrieben wird, lässt sich die Qualität eines Programms schwieriger messen. Sozialwissenschaftliche Forschung deutet allerdings darauf hin, dass die Zugänglichkeit von Impfungen die Impfraten deutlich beeinflusst: Bereits die Grundimmunisierungen leiden unter mangelhaften Angeboten für berufstätige Eltern. Dies betrifft vor allem die Impfungen, wie jene gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR), bei denen eine zweite Dosis verabreicht werden soll: Hier liegt die Durchimpfungsrate deutlich unter jener der ersten Dosis, nicht zuletzt wenn Impfprogramme – wie das österreichische – keine Erinnerungsfunktionen beinhalten, wie es etwa im Vereinigten Königreich, in den Niederlanden und nordischen Ländern der Fall ist. Ähnlich erleichtern auch erweiterte Öffnungszeiten im niedergelassenen Bereich den Weg zur Impfung. ImpfanbieterInnen benötigen zudem auch mehr Zeit, um in Gesprächen Unsicherheiten und Fragen – wie etwa zur Sicherheit und Effektivität – gemeinsam mit den Menschen klären zu können. Dies sind Grundbedingungen dafür, bestehende Impflücken (zB bei Masern) zu schließen und damit auch für die Einführung einer Impfung gegen SARS-CoV-2. Auch die bereits mehrfach diskutierten Datendefizite in der österreichischen Gesundheitspolitik schwächen das Vertrauen der Bevölkerung – und selbst jenes einiger ExpertInnen. Elke Ziegler spricht in diesem Kontext von ‘epidemischem Föderalismus’, der Zuständigkeiten und Kompetenzen diffus macht und nicht zuletzt die Harmonisierung von Datenregistern hemmt.

Zuletzt muss die Einführung einer Impfung von langfristigen – und vor allem auch transparenten und gut begründeten Strategien begleitet werden. Eine Impfung kann keine guten Test-Strategien oder Verhaltensveränderung auf der Ebene der Bürger*innen ersetzen, und bedeutet auch nicht das unmittelbare Ende der Pandemie. Eine langfristige Strategie muss politikfeldübergreifend sein und auf transparenten, demokratisch ausgehandelten Zielen beruhen. Hier spielen neben Gesundheits- und Wirtschaftspolitik auch Sozialpolitik eine essentielle Rolle. Die Bundesregierung soll es Menschen einfach machen, sinnvolle und solidarische Entscheidungen zu treffen: eine Entscheidung zu einer Impfung, aber auch kritische Nachfragen dazu müssen besprechbar sein. Das ist nicht zuletzt in Anbetracht der Tatsache nötig, dass laut einer Eurobarometer Umfrage bereits vor der COVID19-Pandemie nur knapp ein Drittel der österreichischen Bevölkerung der Aussage zustimme, dass “Impfungen definitiv sicher und effektiv” seien. 

Sogenannte “Massentestungen” mögen vielleicht politisch opportun sein, doch epidemiologisch wirksam sind sie es nicht: Sie bieten nur Momentaufnahmen, sind logistisch herausfordernd und können letztlich gezielte, regelmäßige Testungen auch nicht ersetzen. Transparente Regulierung, gut begründete Massnahmen und die gemeinsame, wertebasierte Definition von Zielen für die öffentliche Gesundheit sind Grundbedingungen für den langfristigen Erfolg von Impfstoffen. 

 

 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: