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Warum ein Anti-Terror-Paket zu wenig ist

Während in der Medienberichterstattung zu Gefährdern, ob islamistisch oder rechtsextrem, häufig psychologische Faktoren im Vordergrund stehen, so bleibt die Frage, was genau zu ihrer Radikalisierung führte, aus Sicht der Extremismusforschung ambivalent und lässt sich im Einzelfall selten schlüssig beantworten. Das umfassende, transnationale Forschungsprojekt „Gesellschaft Extrem“ des Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) hält fest, dass individuelle Faktoren wie ein übersteigertes Selbstbild und leichtes Gekränktsein ebenso eine Rolle spielen wie starkes Schwarz-Weiß-Denken und Bedrohungsgefühle, die bis hin zu affektiven Störungen reichen können. Wesentlich ist aber neben diesen individuellen Komponenten, dass auch spätere Täter immer in unterschiedliche soziale Gruppen eingebunden waren und von diesen geprägt wurden, von der Herkunftsfamilie über die Schule und den Freundeskreis bis hin zur Glaubensgemeinschaft. Problematische oder sogar traumatische Erfahrungen, die in diesem Zusammenhang vor allem in Kindheit und Jugend gemacht werden, können später anfälliger für radikalisierende Strömungen machen.

Die Sozialisationsbedingungen, unter denen wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ (§ 278b StGB) inhaftierte Jugendlichen aufwuchsen, werden in der Studie Wege in die Radikalisierung des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) wie folgt umrissen: „Gewalt in der Familie, fehlende Väter, frühe Traumatisierungen und Bindungsstörungen, schwere Krankheiten und Scheidung, die die Jugendlichen früh in überfordernde Rollen drängten sowie eine marginale Position zugewanderter Eltern in der Aufnahmegesellschaft.“ Die Autoren Veronika Hofinger und Thomas Schmidinger konstatieren zudem, dass in vielen Fällen eine hilflose, gewalttätige und somit kontraproduktive Reaktion auf die beginnende Radikalisierung durch Eltern und Umfeld folgte, mitbedingt durch fehlende sozialpädagogische Hilfsangebote. Wurde das Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit in Familie, Schule und Gesellschaft anhaltend frustriert, so boten radikalisierte Gruppen für die Jugendlichen einen gefährlichen Ersatz.

Und genau darauf zielen die perfiden Rekrutierungsstrategien sowohl islamistischer als auch rechtsextremer Gruppen ab. Sie vermitteln gerade Jugendlichen in Identitäts- und Sinnkrisen, eine veritable Alternative zu sein, um Gemeinschaft und Wertschätzung zu erfahren – und zwar nicht qua ihrer Leistung, sondern rein aufgrund ihrer ethnischen und/oder religiösen Identität. Diese Strategie ist umso wirkungsvoller, als es häufig genau diese Identität ist, die viele der für Radikalisierung anfälligen Jugendliche mit Flucht- und Migrationshintergrund als (un)ausgesprochenen Grund für die erlebte Ablehnung und Ausgrenzung wahrnehmen. Die befragten Inhaftierten in der oben erwähnten IRKS-Studie berichten von „tiefen Marginalisierungserfahrungen“ beim versuchten Einstieg in die österreichische Gesellschaft, die im dschihadistischen Narrativ mit der großen Erzählung der Verfolgung aller Muslime durch „den Westen“ verknüpft werden. Vor einer entsprechenden Gegenreaktion warnt die internationale NPO Agenfor in einer ersten Analyse der Anschläge des 2. Novembers: Religion und ethnische Identität dürften nun nicht als politische Waffen missbraucht werden, weil damit wiederum ein Nährboden für radikales Gedankengut geschaffen werde.

Über die Biographie des Attentäters in Wien ist bis dato zu wenig bekannt, um ein eindeutiges Urteil über die Faktoren seiner Radikalisierung zu fällen, so dies denn überhaupt je möglich sein wird. Das sich rasch durchsetzende Narrativ der raffinierten Täuschung ist aber, unabhängig davon, ob es sich im konkreten Fall als zutreffend herausstellen wird, so einfach wie bequem. Es entbindet nämlich von der Verantwortung all jener Schnittstellen und Maßnahmen, die den oben skizzierten, defizitären Erfahrungen und stark negativ gefärbten Wahrnehmungen entgegenwirken hätten können – und müssen.

Denn wer Präventions- und Deradikalisierungsarbeit für grundsätzlich relevant hält, der muss auch zugestehen, dass Gefährder nicht von Grund auf böse Menschen sind oder als „Psychopathen“ geboren werden. Und dass es immer wieder junge Erwachsene geben wird, die sich in ihrer schwierigen, zerklüfteten Biographie an einem Scheideweg wiederfinden, schwankend zwischen den Annehmlichkeiten der offenen, westlichen Gesellschaft, in der sie geboren, aber nicht immer fair behandelt wurden, und den Verheißungen der Dschihadisten, die genau diese offene Gesellschaft in Abrede stellen. Die ihnen einreden, „wir“ wären gegen sie; die ihnen weismachen wollen, sie würden nie richtig dazugehören, sie seien hier nichts wert, und deshalb müssten sie „den Westen“ und alles, wofür er steht, bekämpfen.

Wenn wir die bisherigen Erkenntnisse zu Rekrutierungs- und Propagandastrategien radikaler Gruppen ernst nehmen, lässt sich daraus nur ein Schluss ziehen: Genau jetzt müssen wir, neben Anti-Terror-Maßnahmen im Bereich der Überwachungs- und Sicherheitspolitik, jenen schwankenden, zweifelnden muslimischen Männern und Frauen signalisieren, dass sie sehr wohl eine faire Chance in unserer Gesellschaft haben, wenn sie nur wollen. Dass sie willkommen sind und dass sie für die Befriedigung ihres verständlichen Wunschs nach Zugehörigkeit keinen Ersatz bei radikalisierenden Gruppen suchen müssen, weil ihre sozialen Bedürfnisse genau hier, mitten in der Gesellschaft, anerkannt und validiert werden. Und dass genau das die offene Gesellschaft ausmacht, von deren Teilhabe sie wesentlich mehr profitieren als von ihrer Bekämpfung.

Auch damit wird man nicht alle für Radikalisierung anfälligen jungen Menschen erreichen, keine Frage. Genauso wie das beste Deradikalisierungsprogramm, aber auch sämtliche Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen, die nun rasch im Form eines umfassenden Maßnahmenpakets eingezogen werden, für sich allein genommen keine hundertprozentige Erfolgsquote haben werden. Aber ernsthafte Integrations- und damit De-Segregationspolitik ist ein weiterer, wichtiger Puzzlestein in der Bekämpfung extremistischer Strömungen an den Rändern unserer Gesellschaft – ein Puzzlestein, der in der aktuellen Reaktion auf die Anschläge vom 2. November leider noch fehlt.

 

 

 

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