GERECHTIGKEIT

Die Corona-Krise als Chance der kollektiven Selbstermächtigung

Laura Wiesböck LAURA WIESBÖCK | 27.03.2020

In Zeiten von vorherrschender Unsicherheit ist das Bedürfnis nach Sinn und zukünftig hoffnungsvollen und stabilen Verhältnissen groß. Damit einher geht auch, dass dieses Bedürfnis von einzelnen zur Selbstprofilierung genutzt wird. Aktuell kursieren unter dem Deckmantel „Zukunftsforschung“ Prognosen für die Zeit nach COVID-19, die keinerlei wissenschaftlichen Kriterien entsprechen und nüchtern betrachtet der Astrologie näher sind, also überwiegend dazu dienen, Hoffnung und ein Gefühl von Vorhersehbarkeit und Kontrolle stiften. 

Diese märchenhafte “Re-Gnose” wird medial sehr gepusht, denn sie spielt einer Medienlogik zu, die sich weniger dem Hinterfragen und der Komplexitätsherstellung verschreibt, sondern Eindeutigkeit und Antworten sucht. Es ist legitim, Hoffnung zu stiften und dafür Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen zu wollen. Nur muss man es dann aber auch so benennen. Forschung ist etwas anderes, nämlich systematischer Erkenntnisgewinn, ein methodischer Prozess, der begründetes Wissen hervorbringt.

Ungewissheit als zentraler Bestandteil des Lebens

Aus wissenschaftlicher Perspektive gilt festzuhalten: Es können keine klaren Prognosen von konkreten zukünftigen Entwicklungen getätigt werden. Fakt ist: Wir wissen nicht, wie es werden wird. Und das gilt es in einem ersten Schritt zu akzeptieren. Ungewissheit ist ein integraler Bestandteil des Lebens. Das kann schmerzhaft sein und unsicher machen, weshalb für viele Menschen die Verlockung groß ist, sich an einfachen Erklärungsmustern wie Verschwörungstheorien oder hoffnungsvollen Zukunftsaussichten wie Astrologie festzuhalten. Derartige Fluchtfantasien spiegeln den Wunsch der Erlösung von Ungewissheit wider. Das ist menschlich. Die Aufgabe von aufgeklärten BürgerInnen ist es aber, der Ungewissheit ins Gesicht zu schauen. 

Wenn man Ungewissheit als essentiellen Teil des Lebens akzeptiert hat, wie kann man damit dann umgehen, ohne in ein Gefühl von Ohnmacht zu verfallen? Wichtig ist, sich klar zu werden, wo man selbst steht und was man selbst möchte, denn mit Klarheit kommt Strategie. 

Nehmen wir das Beispiel Arbeit. Eine Kassiererin könnte sich klar darüber werden: “Ich finde es nicht mehr akzeptabel meine Lebenszeit damit zu verbringen, den Großteil des Tages an einer laut piepsenden Kassa zu sitzen und dafür weder Wertschätzung noch einen angemessenen Lohn zu erhalten. Es kann nicht sein, dass mein Gehalt gerade einmal dafür reicht, dass ich knapp über die Runden komme.” Oder jemand, der beruflich nicht direkt davon betroffen ist: “Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der einige wenige aus der Ausbeutung der Arbeitskraft vieler anderer Kapital schlagen und gleichzeitig auch die Risiken auf sie verlagern.”

Mit dieser Klarheit ist es möglich an einer Strategie zu arbeiten, etwa in Form von gewerkschaftlicher Arbeit, politischer Mobilisierung anderer, organisierten Streiks, dem Zusammenschluss von Initativen gegen arbeitsrechtliche Ausdünnungen und einem solidarischen Kampf gegen den Abbau des zäh erkämpften und mühselig aufgebauten System von Schutz, Sicherheit und Risikovorsorge der LohnempfängerInnen.

Die Neubewertung von beruflichen Tätigkeiten

Die Corona-Krise bietet die Chance, eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber zu führen, auf welcher Grundlage wir berufliche Tätigkeiten unterschiedlich bewerten. Wie kann es sein, dass jene Berufe, die als “systemrelevant” gelten, gleichzeitig jene sind, die wenig Wertschätzung und ein niedriges Gehalt bekommen und höhere Belastungen mit sich bringen – wenn wir etwa an die schweren körperlichen und mentalen Belastungen in der Pflege denken? Wie kann das zusammengehen? Ist das nicht ein Widerspruch? Und wenn ja: Wie wollen wir das in Zukunft anders gestalten? Welche Kriterien legen wir zur Bewertung von Jobs an? Das kann die vielzitierte Systemrelevanz sein, das kann die Belastung sein, der Beschäftigte ausgesetzt ist, das kann die Verantwortung sein, die mit dem Job einhergeht, etwa wenn es um die medizinische Versorgung von Menschen geht. 

Was aktuell deutlich hervortritt: Jobs, die primär auf das Generieren von ökonomischen Profit abzielen, sind in Krisenzeiten nutzlos. Und das wird nicht die letzte globale Krise sein, die Klimakrise klopft bereits an der Tür an. Jene Leistungen der Betreuung, Sozialisation und Bildung von jungen Menschen wie auch der Versorgung von Kranken, Älteren und Pflegebedürftigen, Berufsgruppen wie LieferantInnen, Supermarktpersonal und viele mehr dienen etwas weitaus Substanziellerem als ökonomischen Profit, nämlich dem Erhalt der Gesellschaft.

Hoffnung durch Selbstermächtigung und Solidarität

Die Corona-Krise birgt die Chance auf Veränderung für neue Anerkennungsverhältnisse am Arbeitsmarkt. Ob die Chance genutzt wird, werden wir weder von “Zukunftsforschern” noch von anderen vermeintlichen Wahrsagern oder Sinnstiftern erfahren. Es hängt vom Willen der politischen Entscheidungsträger*innen und den vehementen Einforderungen der Zivilgesellschaft ab. Wer also hoffnungsvoller in die Zukunft blicken möchte, sollte nicht nach einer beruhigenden Erlösung im außen suchen, sondern die Zukunft mit der konzeptionellen Brille der Selbstermächtigung betrachten, des kollektiven und solidarischen Widerstands mit dem Motto “Diese Zeiten sind vorbei. Wir machen nicht mehr mit.”