INSZENIERUNG

„Fandom” in der Politik: „Ich hätt’ gern das S von Sebastian!”

Petra Bernhardt PETRA BERNHARDT | 21.10.2019

In der ORF-Sendung Report vom 15. Oktober 2019 wurde unter dem Titel „Türkiser Spagat – welche Koalition wünschen sich die ÖVP-Wähler?” ein Beitrag ausgestrahlt, der sich mit Einschätzungen von ÖVP-Wählern zu potenziellen Koalitionsvarianten nach der Nationalratswahl beschäftigt. Die Report-Redaktion besucht unter anderem Familie S. aus Hirtenberg in Niederösterreich, bei der – so der Einspieler – türkis als „Lebenseinstellung” vorherrscht. Die türkis gekleidete Familie empfängt das ORF-Team in ihrem türkis dekorierten Eigenheim – und sorgt prompt für Unterhaltung und sarkastische Kommentare auf Twitter.

Aus Perspektive der Fan Studies lässt sich aus dem Beispiel der Familie S. einiges lernen. Der Soziologe Cornel Sandvoss, der sich u. a. mit den Wahlkämpfen Barack Obamas oder der UK Liberal Democrats beschäftigt hat, beschreibt „Fandom” als einen Zustand des Fanseins, der regelmäßige, emotional involvierte Praktiken (wie beispielsweise das Teilen populärer Erzählungen) sowie affektives Engagement umfasst. Damit kann „Fandom” an der Schnittstelle von Politik und Populärkultur zu einem relevanten Faktor strategischer politischer Kommunikation werden.

Farbe bekennen!
Bereits im Wahlkampf wurde von der ÖVP das Motto „Farbe bekennen” ausgegeben, dem zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer mit Fotos türkiser Gegenstände oder Kleidungsstücke folgten. Diese Fotos wurden unter anderem über die offiziellen Social Media Kanäle des Spitzenkandidaten verbreitet (siehe Abb. 1-3). Türkise Cup Cakes oder selbst gebastelte Landschaftselemente prägten die visuelle Selbstdarstellung des Wahlkampfes, um Enthusiasmus und Engagement „der Leute“ für ihren Spitzenkandidaten sichtbar zu machen.

Abb. 1-3: Screenshots von Instagram-Stories von @sebastiankurz im Nationalratswahlkampf 2019 (nicht mehr verfügbar)

Bei der türkisen Familie wirken Enthusiasmus und Engagement grotesk übersteigert. „Passiert das öfters, dass Sie mit einem türkisen Hemd herumlaufen” will die ORF-Journalistin von Herrn S. wissen, „oder machen Sie das heute nur für uns?” Das passiere schon öfters, antwortet der ÖVP-Gemeinderat. Er trage türkise Hemden und Leiberln in allen Formen – „teilweise sogar Unterwäsche”.

„Ich durfte das „n” von Danke halten”
In einer Szene erzählt Frau S. stolz die Geschichte eines türkisen Buchstabens, der an der Wand ihres Wohnzimmers hängt (siehe Abb. 4). Sie habe das „n“ aus dem Wort „Danke“ bei der Wahlparty 2017 gehalten und den Buchstaben zwei Wochen nach dem Ereignis als Geburtstagsgeschenk bekommen – ergänzt um ein Autogramm ihres „Stars“ Sebastian Kurz. Wie für Fans üblich, wird das Objekt seither wie ein Schatz gehütet. Es hängt nicht zufällig an prominenter Stelle und wird – angesichts eines Überangebots türkiser Gegenstände – nicht zufällig zur Präsentation für das Fernsehteam ausgewählt. Der Buchstabe bedeutet etwas. Für Frau S. signalisiert er ihre wahrgenommene Nähe zur politischen Macht.

Abb. 4: Screenshot ORF TVThek, Sendung Report vom 15. Oktober 2019

Wenn Unterstützerinnen persönliche Erinnerungen mit politischen Ereignissen verbinden und als Erzählungen weitertragen, lässt das auf hohe emotionale Involviertheit schließen. Besagter Auftritt bei der Wahlparty 2017 ist aber auch Bestandteil der strategischen Kommunikation von Sebastian Kurz (siehe Abb. 5). Politische Kommunikatoren, die eine Partei wie eine Marke führen, richten ihre Aktivitäten nicht nur nach außen, sondern immer auch nach innen, um Identifikationsangebote für AnhängerInnen und UnterstützerInnen zu machen. Die persönliche Anerkennung durch den Parteichef dient dem Aufbau und Erhalt von Bindungen.

Geschichten vom Engagement freiwilliger Unterstützer bleiben damit nicht nur auf deren eigene Erzählungen beschränkt, sondern werden zum Teil einer Parteigeschichte, die auch in Bildern vermittelt wird. So erinnert beispielsweise ein Instagram-Eintrag vom 15. Oktober 2018 an den erfolgreichen Wahlkampf von 2017 – und zwar mit einem Foto, das unter anderem Frau S. mit ihrem Buchstaben zeigt (siehe Abb. 6).

Abb. 5: Instagram-Eintrag von @sebastiankurz am 17. Oktober 2017, https://www.instagram.com/p/BaWVMR4jhoz/

Abb. 6: Instagram-Einträge von @sebastiankurz am 15. Oktober 2018, https://www.instagram.com/p/Bo9u57tDiAh/

Wer „Fandom” in der Politik verstehen will, sollte sich also mit der Frage beschäftigen, wie es sich in identitäts- und sinnstiftenden Erzählungen und Praktiken manifestiert. Ironische Distanz hilft vielleicht beim Distinktionsgewinn, trägt aber nicht zum Verständnis dieser Form politischen Engagements bei.

Der Report-Beitrag endet mit einer Kaffeejause auf der Terrasse der Familie S., bei der selbst gebackene Cupcakes mit Dekorbuchstaben verspeist werden. Herr S. hätte gerne das „S” von Sebastian. Seine Tochter nimmt das „a”.