ROBOTERETHIK

Sexroboter – eine feministische Technologie?

Janina Loh JANINA LOH | 07.10.2019

Für die meisten Menschen mag die Sexrobotik wie pure Science Fiction klingen. In der Tat existieren jedoch bereits einige große internationale Unternehmen, die Sexroboter serienmäßig herstellen.

Der Robotiker Douglas Hines hat 2010 mit Roxxxy den weltweit ersten Sexroboter auf den Markt gebracht, der über interaktive Fähigkeiten wie »zuhören bzw. verstehen was du sagst, sprechen, deine Berührung spüren, ihren Körper bewegen, beweglich sein sowie Gefühle und eine Persönlichkeit haben« verfügt. Obwohl Roxxxy durch die Interaktion mit ihren Nutzerinnen (im Folgenden werden alle Geschlechter in der weiblichen Form mit gemeint) eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln in der Lage sein soll, kann man ihr auch eine von fünf vorprogrammierten Persönlichkeiten geben, nämlich Wild Wendy, S&M Susan, Mature Martha, Frigid Farah oder Young Yoko. Daneben lässt sie sich mit unterschiedlichen Frisuren und Haarfarben ausstatten. Neben den oben genannten Fähigkeiten soll Roxxxy auch imstande sein, eine »Unterhaltung zu führen«, »ihre Geschlechtsteile [zu] bewegen, während sie ›benutzt‹ wird« und sogar »einen Orgasmus [zu] haben« (TrueCompanion 2019). Ihr aktueller Preis liegt bei knapp $10.000. Laut Homepage des Herstellers existiert auch eine männliche Variante, Rocky, über die allerdings nahezu keine Informationen bereit gestellt werden.

Auch Matt McMullens Sexroboter Harmony wird als »perfekte Gefährtin« beschrieben, die nach Aussehen und Persönlichkeit den individuellen Bedürfnissen ihrer Nutzerinnen angepasst werden kann. Noch mehr als Roxxxy ist Harmony »gewandt in Gesprächsthemen und dazu gemacht, Gespräche zu führen. Auch lernt sie mit der Zeit« (Realbotix 2019). Auch für Harmony kann man zwischen zehn vorprogrammierten Charakteren wählen, sie kostet mehr als $5.000, und es sollen auch männliche sowie transgender Versionen existieren. 

Der Sexroboter Samantha, der über ähnliche Features verfügt wie Roxxxy und Harmony, wurde unlängst mit einem »Moralkodex« und damit der Möglichkeit versehen, »Nein« zu sagen. Und schließlich wäre noch LumiDolls Sexroboter Kylie zu nennen, der aufgrund überdimensioniert großer Brüste auch als Kuh-Kylie bekannt ist.

Damit wären ein paar der berühmtesten Beispiele versammelt, entlang denen die folgenden Gedanken entwickelt werden. Denn mit Sexrobotern gehen zahlreiche ethische Fragen einher, die sich nicht auf den feministischen Diskurs beschränken, auch wenn dieser zuweilen von einigen prominenten Vertreterinnen dominiert wird.

Die Roboterethikerin Kathleen Richardson hat etwa 2015 die Campaign Against Sex Robots ins Leben gerufen und vertritt ein radikal-feministisches Argument gegen Sexroboter im Allgemeinen, denn sie versteht diese »als Teil einer größeren Kultur der Ausbeutung und Objektifizierung, wodurch eine Kultur der Vergewaltigung bestärkt und der Handel mit Sex normalisiert wird« (Murphy 2017). Durch Roboter wie Roxxxy, Harmony und Kylie, v.a. veranschaulicht an Roxxxys fünf (und Harmonys zehn) Persönlichkeitsmodi sowie an Kylies diskriminierendem Spitznamen, werden in der Tat höchst fragwürdige Geschlechterstereotype perpetuiert und heteronormative, patriarchale, Frauen instrumentalisierende und diskriminierende Machtstrukturen bestätigt. Denn natürlich, so ließe sich mit Richardsons Argumentation weiterdenken, ist Samanthas sog. Moralkodex kein echter Kodex, sondern kann im Gegenteil Nutzerinnen sogar dazu einladen, sich über das »Nein« hinwegzusetzen, also Vergewaltigung als gewöhnlichen Ausdruck gelebter Sexualität bestätigen.

Richardsons Position konträr entgegen stehen einige Denkerinnen (auch wenn diese die genannten diskriminierenden Genderstereotypen in der Konstruktion existierender Sexroboter keinesfalls bestreiten würden) wie etwa Vanessa de Largie. Die australische Schauspielerin und Sexkolumnistin vertritt insofern ein liberal-feministisches Argument, als ihr zufolge Sexroboter Frauen gerade neue Möglichkeiten geben, sich von existierenden patriarchalen und verobjektivierenden Machtstrukturen zu befreien. De Largie spricht zudem aus leidvoller Erfahrung; eine Vergewaltigung verarbeitete sie mit ihrer Show Every Orgasm I Have Is A Show Of Defiance To My Rapist. Sie ziehe es vor, »wenn eine Person ihre Vergewaltigungsfantasie mit einem Sex-Bot auslebt und nicht mit einem Menschen« (de Largie 2017). 

Ein ähnliches Argument für Sexroboter wird mit Blick auf Pädophilie gemacht: Vielleicht ließen sich Sexroboter in Kindergestalt als Therapieassistenzsysteme einsetzen, so wie auch Sexroboter im Allgemeinen menschliche Therapeutinnen in ihrer Arbeit mit etwa Traumapatientinnen unterstützen könnten (ÄrzteZeitung 2018). Weiterhin wären Menschen mit bestimmten körperlichen Einschränkungen vielleicht erst mit Sexrobotern in der Lage, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, wie auch manche misanthropische Menschen gar in Sexrobotern erstmals eine angenehme und sie zufriedenstellende Form des Gegenübers finden könnten.

Nicht nur die unterschiedlichen feministischen Strömungen sind also uneins über Sexroboter. Allerdings ist klar, dass die gegenwärtig existierenden Modelle weit davon entfernt sind, echte feministische Technologien in dem Sinne zu sein, dass sie »Veränderungen hervorrufen, die die gesellschaftlichen Gegebenheiten radikal umstrukturieren, so dass diese Frauen zugute kommen und das Machtgleichgewicht zwischen Frauen und Männern erheblich verändern« (Linda Layne, Feminist Technology 2010: S. 14). Damit es dahin vielleicht irgendwann einmal kommt und um etwaige positive Möglichkeiten, die Sexroboter eröffnen, voll ausschöpfen zu können, bedarf es auf (mindestens) vier gesellschaftlichen Ebenen der Ausbildung und Stärkung eines ethischen Bewusstseins im Umgang mit Technik im Allgemeinen – hier am Beispiel der Sexroboter gezeigt:

(1) im Ethik- und Informatikunterricht der Schulen. Im Ethikunterricht muss Technikethik einen größeren Stellenwert einnehmen als dies bislang der Fall ist, im Informatikunterricht sollte von Anfang an die Normativität jeglichen menschlichen Handelns und der durch dieses geschaffenen Technologien betont werden. Weiterhin bedarf es (2) in den technik- und ingenieurswissenschaftlichen Ausbildungsstätten der Einführung von Ethikpflichtkursen. In nahezu allen anderen Disziplinen ist die Einbindung ethischer Fragestellungen in den Lehrkanon absolut selbstverständlich und grundlegend. Man stelle sich nur einmal vor, eine Ärztin würde auf etwaige Patientinnen ›losgelassen‹ werden, ohne, dass sie zuvor im Rahmen des Studiums ethische Pflichtkurse zu Themen wie bspw. Präimplantationsdiagnostik und Sterbehilfe zu absolviert hätte. Hingegen ist eine ähnliche Haltung der Technik- und Ingenieurswissenschaften in den fraglichen Ausbildungsstätten lediglich schwach vertreten. Darüber hinaus verlangt es (3) in den Unternehmen, die bereits jetzt Technologien wie etwa Sexroboter herstellen und auf den Markt bringen, einer Einführung verpflichtender Weiterbildungskurse in Technik- und Roboterethik. Denn wie hier mit Blick auf die Sexroboter gezeigt wurde, werden in diesen Unternehmen mit frappierender Selbstverständlichkeit ausnehmend fragwürdige Geschlechterstereotype, unreflektierte Vermenschlichungen und intransparente Entscheidungen über Handlungsfähigkeit und Entscheidungsautorität, implizit getragen durch in die Entstehung der jeweiligen Technologien eingewobenen Macht- und Autoritätsstrukturen perpetuiert und gesellschaftlich bestätigt! Schließlich verlangt die Stärkung eines kritischen, ethischen Bewusstseins (4) die verstärkte Einrichtung von Ethikgremien, die die Entwicklung von Technologien kritisch begleiten.

Vielleicht werden wir dann auch irgendwann dahin gelangen, sowohl in der Herstellung als auch im Design von Sexrobotern eine größtmögliche Diversität zu gewährleisten, die eine Sexualität sowohl innerhalb des Horizonts als auch vollkommen abseits von Geschlecht und Gender denkbar und lebbar macht.