WAHLKAMPF

Wahlkampf in der Inszenierungsfalle

Petra Bernhardt PETRA BERNHARDT | 23.09.2019

Am 30. August postete Beate Meinl-Reiniger ein Foto auf ihrem Instagram-Account, das die NEOS-Spitzenkandidatin von hinten an einem Besprechungstisch zeigt. Mit ihrem linken Arm stützt sie den Kopf ihrer kleinen Tochter, die aus einem Fläschchen trinkt. Meinl-Reisingers Blick ist auf die andere Seite des Tisches gerichtet – vermutlich auf eine Person, die sich nicht im Bild befindet. Dazu der Hashtag #Meeting.

Mit dem Foto legt sie assoziativ verschiedene Themen wie beispielsweise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder die Doppelbelastung durch Care-Arbeit nahe, ohne sie explizit anzusprechen. Die Kameraperspektive suggeriert, dass es sich um einen spontanen Moment handelt. Diese Ästhetik wird von der Anthropologin und Influencer-Forscherin Crystal Abidin als „kalibrierter Amateurismus” beschrieben. Das heißt, dass sich jemand eines amateurhaften Stils bedient, um Authentizität innerhalb einer bestimmten Zielgruppe zu vermitteln. Meinl-Reisingers Instagram-Eintrag wurde mit zahlreichen positiven Reaktionen ihrer Follower belohnt.

Instagram-Eintrag von Beate Meinl-Reisinger am 30. August 2019, verfügbar unter https://www.instagram.com/p/B1yI4JDI0ah/

Mit einem kommunikationswissenschaftlichen Inszenierungsbegriff, wie ihn etwa die Autorinnen Marion G. Müller und Stephanie Geise verwenden, lässt sich das Foto als „öffentliche Präsentation” und „bewusst gestaltete Realität” beschreiben. Inszenierung ist nicht wertend besetzt – also per se gut oder schlecht – sondern beschreibt eine Praxis der Selbstdarstellung.

Politische Kommunikation ohne „bewusst gestaltete Realität“ ist nicht möglich. Sie ist immer mit Auswahlprozessen, also mit Hervorhebungen und Auslassungen verbunden: Was möchte ich zeigen oder erzählen? Was lasse ich lieber weg?

In der alltagssprachlichen Begriffsverwendung hat Inszenierung in der Politik eher keinen guten Ruf. Sie geht oft mit einer verkürzten Gleichsetzung mit Täuschungsabsicht einher, was ein zynisches Politikverständnis fördert. Gerade in Wahlkämpfen betonen Politikerinnen und Politiker daher, dass bei ihnen alles „echt” sei. Bei der Präsentation von Wahlplakaten am 28. August erklärte ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer, dass es sich bei den Sujets um Bilder „aus dem echten Leben” handle. SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner wiederum wies in einem Facebook-Eintrag am 10. August darauf hin, „nicht in eine künstliche Rolle schlüpfen” zu wollen.

In der Spitzenpolitik ist Selbstdarstellung heute in hohem Maße professionalisiert. Das liegt an der Einbindung von Expertinnen und Experten aus dem Bereich der strategischen Kommunikation, die ihre Arbeit an den Logiken der Aufmerksamkeit etablierter Massenmedien ausrichten. Professionalisierung beeinflusst nicht nur die sprachliche Vermittlung von Politik, sondern auch die Bildebene. Die Auftritte der Spitzenpolitik werden von Fotografen oder Social-Media-Teams begleitet, deren Fotos und Videos für die weitere Nutzung (z. B. in Sozialen Netzwerken) ausgewählt und betextet werden. In diesem Prozess der Autorisierung des Materials liegt eine bewusste Gestaltung von Realität: es ist kein Zufall, was wir zu sehen bekommen.

Eine zunächst wertfreie Annäherung an politische Inszenierungen bedeutet keinen Verzicht auf ihre ideologiekritische Einordnung. Denn Inszenierung verweisen immer auf bestehende Machtverhältnisse. Das betrifft nicht nur die Frage nach den eingesetzten Ressourcen (Wie viel Geld kann oder will eine Partei für die Selbstdarstellung ausgegeben? Hat sie sich dabei an gesetzliche Rahmenbedingungen gehalten?), sondern vor allem die Frage nach Inhalten (Mit welchen thematischen Schwerpunkten inszenieren sich Politikerinnen und Politiker? Greifen sie dabei auf akkurate Informationen zurück? Welche visuellen und rhetorischen Darstellungsmittel nutzen sie dabei?) sowie nach ihrer Rezeption bzw. Aufnahme in einem hoch differenzierten Mediensystem. Denn Aufmerksamkeit ist eine begehrte Ressource.

Inszenierungen betreffen nicht nur die Selbstdarstellung von Politik. Sie können auch die Themensetzung klassischer Medien beeinflussen und eine Spirale der Anschlusskommunikation erzeugen, die sie im Gespräch hält. Dadurch entsteht ein Metadiskurs über Personalisierungen, Wahlkampfevents und potenzielle Strategien, der von sachpolitischen Fragen ablenkt und sich an eine relativ kleine Publikumsgruppe – wie beispielsweise Teile der österreichischen „Twitteria” – richtet.

Eine der großen Fragen für kommende Wahlkämpfe wird daher sein, wie mediale Politikberichterstattung mit zunehmend professionalisierter Selbstinszenierung der Politik umgeht. Eine Möglichkeit wäre, bei Inszenierungen nicht primär die Personalisierung (Ah, Kurz!) oder das Ereignis (Ah, Wanderung mit Kurz im Rahmen der Bergauf-Tour!) zu behandeln, sondern auf eine potenzielle Verbindung mit Sachthemen zu fokussieren (die es im Fall der Bergauf-Tour eher nicht gibt) und dann zu entscheiden, ob Aufmerksamkeit gerechtfertigt erscheint.

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