ÖKONOMIE

Mehr Licht in die Welt der Superreichen

Markus Marterbauer MARKUS MARTERBAUER | 16.01.2019

Zuerst die Fakten: Das oberste Prozent der Haushalte besitzt 22 Prozent des gesamten Nettovermögens in Österreich. Die obersten fünf Prozent besitzen 43 Prozent, gleich viel wie die unteren neun Zehntel. Hohe Vermögen haben Unternehmer und große Bauern. Die Mittelschicht aus Angestellten, öffentlich Beschäftigten, Facharbeitskräften und Pensionisten bleibt deutlich zurück, weit darunter liegen noch die Arbeitslosen.

Das Vermögen der heimischen Haushalte beträgt mehr als tausend Milliarden Euro, ist allerdings sehr ungleich verteilt. Diejenigen, die viel besitzen, stellen ihren Reichtum selten ostentativ zur Schau, viel lieber verbergen sie ihn.

Die Politik hilft dabei kräftig mit. Über Jahrzehnte hinweg wurde in Österreich nicht versucht, das stetig wachsende Immobilien-und Finanzvermögen statistisch zu erfassen. Die Grundstücke wurden weitab der Marktwerte nach hypothetischen Einheitswerten der 1970er-Jahre bewertet, das Bankgeheimnis verhinderte jede Transparenz beim Finanzvermögen.

Doch nach der Finanzkrise 2008 forderte die Europäische Zentralbank mehr Informationen über Vermögen und Verschuldung der Haushalte, um die Gefahr von Finanz-und Kreditkrisen besser beurteilen zu können.

In der Oesterreichischen Nationalbank wurde eine Forschungsgruppe eingesetzt, die mit dem Household Finance and Consumption Survey auf Datenbasis 2010 Pionierarbeit leistete. Mit der hohen Qualität ihrer Erhebung und Analyse errang sie – primär international -Reputation, die mit der zweiten und nunmehr dritten Welle bestätigt wurde. Die Europäische Zentralbank hat nur eine Kritik an der Vermögenserhebung in Österreich: Im Unterschied zur Mehrzahl anderer Notenbanken wird bei uns der Erforschung der Spitze der Vermögensverteilung kein Augenmerk geschenkt, obwohl gerade diese unter Gesichtspunkten der Finanzmarktstabilität besonders relevant wäre.

Die Superreichen nehmen an der Erhebung gar nicht teil oder geben unrealistische Werte an. Würde mit anderen Datenquellen etwa von Finanzämtern kooperiert, so ließe sich auch der verborgene Reichtum des obersten Prozents, also der reichsten 38.000 Haushalte, erheben: Laut EZB und anderen Vermögensforschern dürfte ihr Vermögensanteil in Wahrheit nicht gut 20, sondern zwischen 30 und 40 Prozent betragen und damit eine Größenordnung von mehr als 400 Milliarden Euro erreichen.

Dennoch fühlen sich die Reichen nicht reich. Befragt nach ihrer Position in der Vermögensverteilung ordnet sich das oberste Zehntel der Haushalte in der Mitte ein. Das mag auch daran liegen, dass Reiche überwiegend mit ihresgleichen verkehren und vom Rest der Gesellschaft nicht viel mitbekommen.

Kennt man nur andere Millionäre, dann glaubt man vielleicht tatsächlich, alle bis auf ein paar Mindestsicherungsbezieher fielen in diese Kategorie des den bewundernden Blick auf den Reichtum der Milliardäre richtenden Mittelstandes.

Zum Verbergen des Reichtums hat in Österreich die Politik wesentlich beigetragen. Befragt, wie er die erstmals vorliegenden OeNB-Daten zur Vermögensverteilung einschätze, antwortete der damalige Finanzminister Michael Spindelegger (ÖVP), dass das Schätzungen Pi mal Daumen seien und keine soliden Daten.

Seiner Empfindung nach sei der Reichtum in Österreich breiter aufgestellt. Auf Basis dieses Gefühls wurde der von EZB und Wissenschaft erhobenen Forderung nicht nachgegangen, die Datenerhebung an der Vermögensspitze zu verbessern. So genau will man das lieber gar nicht wissen. Selbst die OeNB versteckt die Ergebnisse ihrer Pionierleistung mittlerweile mehr, als sie sich ihrer rühmt.

Geringe Transparenz in Bezug auf Höhe und Konzentration privater Vermögen fördert eine konservative Agenda: Man diskutiert lieber darüber, ob die Allerärmsten mit 800,500 oder auch mit 300 Euro pro Monat auskommen und wann sie in der Früh aufstehen, als über die Frage, ob ein geerbtes Millionenvermögen gesellschaftlich akzeptabel ist und wie es besteuert werden soll.

Der französische Ungleichheitsforscher Gabriel Zucman hat selbst für die skandinavischen Länder gezeigt, dass Steuerhinterziehung mithilfe diverser internationaler Steuersümpfe bei den Reichen besonders weit verbreitet ist.

Die Folgen der hohen Konzentration der Vermögen und der enormen Anstrengungen, diese zu verbergen, sind offensichtlich. Die Superreichen erschleichen sich immer stärkeren Einfluss auf Medien und Politik. Die Übertragung ihres Vermögens an die nächste Generation generiert leistungslose Oligarchien. Das gefährdet Demokratie, sozialen Zusammenhalt und wirtschaftliche Prosperität.

Emanzipatorische Politik muss eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über Vermögenskonzentration und ihre negativen Folgen führen und braucht deshalb verlässliche Fakten durch regelmäßige Vermögenserhebungen, die auch die Topvermögen erfassen.

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