ÖKONOMIE

Die Politik der ideologischen Verirrung

Die Politik verstärkt den Mangel an Fachkräften. Sie bereitet sich auch auf die bald wieder steigende Arbeitslosigkeit schlecht vor

Markus Marterbauer MARKUS MARTERBAUER | 14.11.2018

Salzburgs Banken und Versicherungen suchen händeringend 200 Mitarbeiter, in Tirols Skigebieten fehlt das Küchenpersonal für die Wintersaison, und technische Fachkräfte können in industriellen Kernbetrieben Oberösterreichs zwischen zahllosen Jobangeboten wählen. Österreichs Unternehmen beklagen einen großen Fachkräftemangel.

In der öffentlichen Diskussion wird aus dem regionalen Fachkräftemangel schnell ein genereller Arbeitskräftemangel. Von Letzterem sind wir weit entfernt. In den letzten drei Jahren sind in Österreichs Wirtschaft zwar 212.000 neue Jobs entstanden, doch gleichzeitig sind 380.000 Menschen arbeitslos, nur um 39.000 weniger als vor drei Jahren. Vor allem Arbeitslose über 55 haben von den neuen Jobs bislang überhaupt nichts gehabt. Insgesamt gibt es also nach wie vor einen Arbeitsplatz-und keinen Arbeitskräftemangel. Doch bei bestimmten Qualifikationen und in manchen Regionen fehlt tatsächlich das Personal. Das kommt auch im Anstieg der Zahl der beim Arbeitsmarktservice gemeldeten offenen Stellen von 30.000 auf 80.000 zum Ausdruck.

Dies ist eine direkte Folge des kräftigen Konjunkturaufschwungs, der 2015 einsetzte und Anfang dieses Jahres seinen Höhepunkt erreichte. Ein Mehr an Produktion von Gütern und Dienstleistungen benötigt auch mehr Arbeitskräfte. Werden die Fachkräfte knapper, so hat dies positive Folgen: Die Löhne steigen – selten ist dafür ein Arbeitskampf notwendig wie derzeit in der Metallindustrie; Leasingpersonal wird in der Industrie in die Stammbelegschaft übernommen; Teilzeitkräfte können auf Vollzeit aufstocken, und die Arbeitslosigkeit geht zurück. Doch Fachkräftemangel hat negative wirtschaftliche Folgen, wenn Firmen zusätzliche Aufträge wegen Personalmangels nicht mehr annehmen können. Weitblickende Unternehmer sorgen für eine derartige Situation vor: Sie investieren in Lehrlingsausbildung, bilden ihre Fachkräfte also im eigenen Betrieb aus, bieten attraktive Löhne und Arbeitszeiten, zahlen Übersiedlungsprämien, bauen Betriebskindergärten und Betriebswohnungen, um zusätzliche Arbeitskräfte anzuziehen.

Diese Unternehmen muss die Wirtschaftspolitik unterstützen. Doch in Oberösterreich, einem Industriebundesland, in dem die Relation von Arbeitslosen zu offenen Stellen auf einen Rekordtiefstand von unter zwei gesunken ist und wo der Fachkräftemangel offensichtlich ist, tut die Politik geradewegs das Gegenteil des Notwendigen. Für den Kindergartenbesuch am Nachmittag muss seit heuer wieder gezahlt werden, was nicht nur schlecht für die Kinder ist, sondern auch Frauen aus dem Arbeitsmarkt drängt. Die Mindestsicherung für Asylberechtigte wird drastisch gekürzt, was zur Abwanderung potenzieller Arbeitskräfte nach Wien führt. Die der oberösterreichischen Landesregierung verwandte Bundesregierung kürzt AMS-Mittel für Qualifizierung und schiebt Asylwerber ab, die eine Lehrlingsausbildung machen und sich gerade im Betrieb integrieren. Diese Politik – egal ob Ergebnis ideologischer Verirrung („gegen Ausländer“) oder schlichter Ausdruck von Gemeinheit („gegen Arme“)- ist das Gegenteil des wirtschaftlich Vernünftigen und sozial Notwendigen.

Eine Politik, die dem Fachkräftemangel entgegenwirken will, müsste die Weichen ganz anders stellen: den sozialen Wohnbau kräftig ausbauen, damit Menschen nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern auch eine Wohnmöglichkeit haben. Zusammen mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs würde dies Menschen aus Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit ermöglichen, Jobs in Gegenden mit Fachkräftebedarf anzunehmen. Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen würden das große Arbeitskräftepotenzial von Frauen heben.

Herrschten in Österreich skandinavische Verhältnisse, dann wären mehr als 200.000 Frauen zusätzlich für den Arbeitsmarkt verfügbar. Investitionen in Qualifizierung und Ausbildung würden es ermöglichen, Talente zu erkennen, zu fördern und zu nutzen, egal, woher die Jugendlichen kommen. Besondere Anstrengungen wären notwendig, um die 57.000 Arbeitslosen, die älter als 55 Jahre sind, auf die freien Jobs zu bringen. 2017 wurde mit der Aktion 20.000 ein Programm für diese Zielgruppe gestartet. Während es in Deutschland nachgeahmt wird, wurde es bei uns ohne weitere Evaluierung bereits wieder beendet.

Viele dieser offensiven Maßnahmen würden dem Fachkräftemangel entgegenwirken und den Wohlstand erhöhen. Sie würden auf dem Arbeitsmarkt auch dann helfen, wenn die Hochkonjunktur zu Ende ginge. Das steht bevor: Bereits gegen Ende des ersten Halbjahres 2019 dürfte die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr wieder steigen. Auf politischer Ebene fehlt nicht nur ein ökonomisch vernünftiges und sozial verträgliches Konzept gegen Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit, sondern auch das Personal, dem man die Erstellung eines solchen zutrauen würde.

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